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"Wie in einem Horrorfilm, schlimmer geht's nicht"

Dynamos Trainer ist geschockt von krassen Fehlern und vielen vergebenen Chancen. Cristian Fiel nennt Namen, verteidigt seine Spieler aber auch. Das Interview zur Krise.

Cristian Fiel nennt bei seiner Kritik Namen.
Cristian Fiel nennt bei seiner Kritik Namen. © dpa/Torn Weller

Die Heimreise aus Stuttgart am Sonntagabend trat Dynamo im Charterflugzeug, aber ohne den Trainer an. Nach der 1:3-Niederlage beim VfB nutzte Cristian Fiel die Rückkehr in seine Heimat, um Mutter Josefa im nahen Esslingen am Neckar zu besuchen. Lange Zeit habe er sie nicht mehr gesehen. Doch wenn sie im Bett sei, würde er sich vermutlich auch noch mal den Videomitschnitt vom Stuttgart-Spiel anschauen, erklärte er. 

Es war Dynamos fünfte Niederlage in Folge, das Ausscheiden im Pokal mit eingerechnet sogar die sechste - verbunden mit dem Absturz auf den letzten Tabellenplatz in der 2. Fußball-Bundesliga. Und am Freitag kommt nun der Drittletzte Wehen Wiesbaden nach Dresden. Die Lage ist heikel und Fiel sich der Situation bewusst, wie er im Interview nach dem Stuttgart-Spiel deutlich macht.

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Cristian Fiel, warum hat es Dynamo beim VfB Stuttgart nicht geschafft, an die engagierte wie couragierte Leistung vom Pokalspiel in Berlin anzuknüpfen?

Fangen wir mal ganz von vorne an: Wir kommen als Tabellenvorletzter hierher und spielen gegen eine der besten Mannschaften der Liga. Dann machen wir gleich am Anfang einen solchen Fehler, liegen nach zwei Minuten mit 0:1 zurück. Wer da gedacht hat, dass die Mannschaft den Fußball zelebriert - tut mir leid, das geht nicht. Dass stattdessen erst mal Unsicherheit kommt, ist normal. Und dass sich die Stuttgarter mit ihrer Qualität Chancen herausspielen, wussten wir ebenfalls. Um es kurz zu machen: Wenn du dann die eigenen Chancen nicht nutzt, ist es unmöglich ein Spiel zu gewinnen.

Hat die schlechte Chancenverwertung mit dem fehlenden Selbstbewusstsein zu tun - angesichts der immer länger werdenden Niederlagenserie?

Keiner macht das mit Absicht. Fakt ist aber auch: Viel größere werden wir nicht bekommen.  Doch wir nutzen sie einfach nicht. Und was sich wie ein roter Faden durch die bisherige Saison zieht, sind die individuellen Fehler - diesmal vor dem 0:1. Der Fehler tut einfach unfassbar weh. Das ist wie in einem Horrorfilm, schlimmer geht's nicht.

Sie meinen den Pass von Torwart Kevin Broll, der beim Gegner landet, woraus sich eine Chance entwickelt, dann ein Eckball resultiert und schließlich das 0:1 fällt?

Ja, und die Jungs dürfen auch Fehler machen, das sage ich ihnen immer wieder. Aber ohne Druck so ein Ding zu spielen - schon liegst du in Rückstand. Ich weiß, die Jungs geben ihr Bestes und versuchen wirklich alles. Aber wenn du diese Fehler machst...

Wie lassen sich solche Fehler abstellen?

Darauf habe ich jetzt keine Antwort.

Ist es am Ende auch eine Frage der Qualität, wenn Fehler immer wieder passieren?

(überlegt lange, holt tief Luft) Der Brollo (er meint Torwart Broll, Anm.d.Autors) hat in Berlin im Pokal ein Riesenspiel gemacht, er ist noch ein junger Kerl. Vielleicht war er in dem Moment diesmal einfach nicht konzentriert genug.

Sie nennen Kevin Broll. Ist er gerade in diesen Tagen nicht noch einer der Besten und Beständigsten?

Ich würde nie einen Spieler an den Pranger stellen. Aber dieses Tor entsteht nun einmal nach so einem Fehler, das ist bitter. Denn ich will, dass er so spielt, aber den Pass dem Gegner in die Füße zu spielen, tut unfassbar weh. 

Danach hat er im Laufe des Spiels mehrfach stark gehalten. 

Der Junge ist ein guter wie die anderen Spieler auch. Aber darum geht es doch nicht.  Wenn ich mir bei einem Marathon nach sieben Minuten einen Krampf hole und die anderen laufen mir drei Kilometer weg, dann werde ich diesen Rückstand nicht mehr aufholen können. Darüber rede ich, über nichts anderes. Noch mal: Die dürfen alle Fehler machen, aber so einer kostet unfassbar viel. Kevin Broll ist ein super Torhüter, das steht außer Frage. Genauso wie Luka Stor...

...der in der 77. Minuten innerhalb von 20 Sekunden zweimal allein vorm Torhüter steht und diese Chance beim Stand von 1:2 vergibt.

Ja, auch er ist wirklich ein guter Junge und auch ein guter Spieler. Aber wenn du zweimal eins gegen eins vor dem Torhüter stehst, dann bitte mach einen. Doch es geht gar nicht um einzelne Spieler, wir stehen zusammen. Und wir müssen es zusammen auch hinbekommen. Dieses Mal waren es Spieler X und Y, das letzte Mal die Spieler Z und V. So zieht sich das eben durch.

Wie gehen Sie jetzt mit der Mannschaft in die Trainingswoche im Hinblick auf die Partie am Freitagabend gegen Wehen Wiesbaden?

Ab Dienstag, wenn wir uns zum nächsten Training treffen, gehen die Köpfe wieder hoch, dann geht es wieder vorwärts. 

Braucht es Sondermaßnahmen wie ein Kurztrainingslager oder ähnliches, um womöglich lähmende Routinen zu durchbrechen?

Ich glaube, und vielleicht stehe ich mit der Meinung allein da, wenn man sich unsere Spiele anschaut, sind diese individuellen Fehler zu sehen, aber auch immer wieder gute Angriffe, in denen wir lediglich unsere Chancen nicht nutzen. Deshalb bin kein Freund von Sondermaßnahmen, um die Mannschaft irgendwie abzuschotten. Man schläft am besten im eigenen Bett, hat seinen geregelten Ablauf. 

Ist das Spiel gegen Wehen Wiesbaden, gerade mit Blick auf die Tabelle, schon so etwas wie ein Endspiel im Abstiegskampf?

Dazu brauche ich nichts zu sagen, alle wissen genau, was am Freitag auf uns zukommt. Wenn du am 13. Spieltag als Tabellenletzter neun Punkte hast und Wehen Wiesbaden zehn, dann wissen die Jungs, dass es nur darum geht, dieses Spiel zu gewinnen. Ich bin kein Freund davon, von Muss zu sprechen. Aber in unserer Situation musst du dieses Spiel gewinnen.

Wie wollen Sie es schaffen, vor diesem so wichtigen Spiel die Köpfe der Spieler einigermaßen frei zu bekommen?

Ich sage den Spielern immer wieder, dass ich an sie glaube, dass ich hundertprozentig hinter ihnen stehe und dass sie auch schon oft bewiesen haben, dass sie es gut können. Doch ein Allheilmittel habe ich nicht.

Das Gespräch notierte Tino Meyer.

Die SZ-Noten zur Niederlage in Stuttgart

Kevin Broll: Kann trotz Gehirnerschütterung spielen und hält Dynamo mehrfach im Spiel. Macht aber vor dem 0:1 den Fehler. Note 3

Jannik Müller: Stellt sich nach dem Schlusspfiff als Erster den Fans in der Kurve, steht aber beim 0:2 zu weit weg vom Torschützen. Note 5

Florian Ballas: Kann im Zentrum der neuformierten Abwehrreihe nicht für Sicherheit sorgen und wird zu oft überlaufen. Note 5

Jannis Nikolaou: Agiert etwas überraschend in der Dreierkette, wo er nicht für die notwendige Stabilität sorgen kann. Note 4

Patrick Möschl: Das ist nicht sein Tag: Muss bereits nach 23 Minuten angeschlagen vom Platz. Bis dahin agiert er unglücklich. Note 5

Dzenis Burnic: Kann an alter Wirkungsstätte für keine auffälligen Momente sorgen, gewinnt zudem lediglich vier Zweikämpfe. Note 4

Marco Hartmann: Der Kapitän kann seine Nebenleute nicht mitreißen, weil er mit sich beschäftigt ist. Muss nach 62 Minuten runter. Note 4

Brian Hamalainen: Hat er den Ball, ist er schnell wieder weg. Der Däne fällt zumeist durch Stoppfehler und Fehlpässe auf. Note 5

Baris Atik: Soll beide Stürmer einsetzen, ist damit aber überfordert. Fällt bis auf ein paar Dribblings nicht weiter auf. Ist immerhin Dresdens bester Zweikämpfer. Note 4

Moussa Koné: Ist Dresdens Bester und der einzige Lichtblick. Holt den Elfmeter heraus, trifft selber vom Punkt und legt zweimal perfekt für Stor auf. Note 2

Alexander Jeremejeff: Bisher sein schwächster Auftritt. Der Schwede kann kaum Bälle festmachen und bleibt über 90 Minuten ohne einen Torschuss. Note 5

Max Kulke: Erledigt seinen zweiten Bundesliga-Einsatz solide. Note 3

René Klingenburg: Bringt keinen neuen Schwung und sieht Gelb. Note 4

Luka Stor: Kann zweimal ausgleichen, scheitert kläglich. Note 5 (JM)

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