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So spart sich Dynamo zum Abstieg

Finanziell gibt es Rekorde, sportlich viele Fragen – aber auch schon einen Lösungsansatz. Die drei wichtigsten Erkenntnisse der Hauptversammlung.

Die Grafik zeigt: Dynamos Eigenkapital (dunkle Säule) steigt, der Gewinn auch (gelbe Säule) – weil Einnahmen aus Transfers (Linie) nicht reinvestiert werden.
Die Grafik zeigt: Dynamos Eigenkapital (dunkle Säule) steigt, der Gewinn auch (gelbe Säule) – weil Einnahmen aus Transfers (Linie) nicht reinvestiert werden. © Jürgen Lösel

Auch die siebeneinhalb Stunden sind rekordverdächtig. So lange haben Dynamos Mitglieder – also knapp tausend von insgesamt exakt 23.152 – am Samstag zusammengesessen, diskutiert, den Aufsichtsrat neu gewählt und sich gegenseitig versichert, dass der Zusammenhalt immer noch die größte Stärke des Vereins sei.

Wobei die Wirtschaftsdaten allmählich ebenfalls riesige Dimensionen annehmen, jedenfalls für Dynamo-Verhältnisse. Vom mittelständischen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 35 Millionen Euro ist jetzt die Rede, wenn man von der SG Dynamo Dresden spricht. Dabei stellt sich zwangsläufig eine Frage: Passt das zusammen, also das Ideal vom Traditionsverein, dessen Mitglieder die Entscheidungen treffen, und der kommerzgetriebene Alltag im schnelllebigen Fußballgeschäft?

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Offensichtlich ja. Die aktuellen Zahlen belegen das, wobei sich nach dem Samstag nicht nur für die anwesenden Mitglieder eine ganz andere Frage aufdrängt: Spart sich Dynamo gerade in die 3. Liga?

Erkenntnis 1: Geld ist so viel vorhanden wie noch nie

Die Sympathien in Dynamos Führungsetage sind klar verteilt. Da ist Ralf Minge, der frühere Stürmer, Idol und Gesicht des Vereins, seit 2014 zum zweiten Mal nun Sportgeschäftsführer. Status: unantastbar. Zudem gibt es Michael Born, den zugereisten, nicht immer glücklich agierenden Westfalen als Mann der Zahlen. Das kaufmännische Pendant zu Minge also, was es für Born fast schier unmöglich macht, vereinsintern den Popularitätspreis zu gewinnen. Zumindest ein Stück weit stille Anerkennung seitens der Mitglieder dürfte ihm spätestens seit Samstag aber gewiss sein.

Er verantwortet de facto jene Rekord-Ergebnisse, die Wirtschaftsprüfer Erik Istel präsentierte: einen um 3,5 Millionen auf 35 Millionen Euro gestiegenen Jahresumsatz, den Gewinn von 4,5 Millionen Euro sowie das auf 9,4 Millionen Euro angewachsene Eigenkapital. Über so viel Geld hat Dynamo noch nie verfügen können. Und die Prognose für das laufende Geschäftsjahr weist bereits auf die nächsten Gewinne hin. Ein Erfolg sei das, sagte Born, der beachtlich ist. Zumal Dynamo vor sieben Jahren noch mit 7,1 Millionen Euro verschuldet war.

Dass die guten Zahlen nicht allein auf ihn zurückzuführen sind, weiß Born. Den Applaus der Mitglieder genoss er dennoch wohlwissend um das Zustandekommen.

Erkenntnis 2: Minge hat sich bei den Transfers verschätzt

Die hohen Einnahmen haben vor allem etwas mit den Ausgaben zu tun. Konkret: den nicht getätigten Transfers, zum Beispiel in der Sommerpause.

Den größten Redeanteil der Versammlung hat deshalb Minge – was nicht an der Sympathie liegt. Im Gegenteil: Der Sportchef muss sich nach seinem Bericht einigen kritischen Fragen stellen. Aussprache heiße dieser Tagesordnungspunkt, meint Dynamo-Präsident und Versammlungsleiter Holger Scholze, jede Wortmeldung sei willkommen. Sein Versuch, die Debatte allmählich zum Ende zu bringen, scheitert. Erst nach mehr als 70 Minuten gibt es keine Fragen mehr, was nicht bedeutet, dass alle Fragen beantwortet sind.

Minge räumt zuvor eigene Versäumnisse ein, und er gesteht angesichts der sportlichen Entwicklung mit dem Absturz auf den vorletzten Tabellenplatz in der 2. Bundesliga: „Der Plan ist bisher nicht aufgegangen, dafür trage ich die Verantwortung. Der stelle ich mich auch.“

Sein Redeanteil ist bei der Mitgliederversammlung am größten. Sportchef Ralf Minge muss sich einigen kritischen Fragen stellen.
Sein Redeanteil ist bei der Mitgliederversammlung am größten. Sportchef Ralf Minge muss sich einigen kritischen Fragen stellen. © Jürgen Lösel

Seine Entscheidungen, mit dem kleinsten (er meint das personell, bezüglich der Körpergröße trifft es aber auch zu) und einem der jüngsten Kader aller Zweitligisten in die Saison zu gehen, haben sich bislang als falsch erwiesen. Den Ausfall von Schlüsselspielern, sagt er, könne man nicht kompensieren, einige Leistungsträger würden die Erwartungen derzeit nicht erfüllen. „Dort mache ich mir den Vorwurf, bei der Planung im Sommer nicht offensiver umgegangen zu sein“, meint Minge und erklärt, dass von sechs Millionen Euro Transfereinnahmen der letzten Jahren bis jetzt kein einziger Euro angerührt wurde. Auch das sei ein Grund für den Rekordgewinn.

Der Sportchef betont aber, zu hundert Prozent überzeugt zu sein von der Qualität des Kaders und von der Arbeit des Trainerteams. Trotzdem kündigt er Konsequenzen für die Winterpause an: „Wir werden den Kader in der Breite und auch in Sachen Qualität noch einmal aufwerten. Da sind wir dabei, und das wird auch passieren.“

Auf Nachfrage sagt Minge, dass für Neuzugänge mindestens 1,7 Millionen Euro zur Verfügung stehen – übrig geblieben vom Sommer und aus der Vorsaison. „Das wird die Zielgröße sein“, sagt Minge. Er betont: „Die Profi-Mannschaft ist das Wichtigste. An dem Tropf hängen wir alle.“

Die Antworten auf die sportliche Krise sind demnach gefunden, und Finanzmann Born sagt: „Wir haben auch die Mittel, um die Antworten zu bezahlen.“ Ziel von Dynamo, fügt der Wirtschaftsprüfer hinzu, sei ja nicht die Vermögungsmehrung, sondern der sportliche Erfolg.

Erkenntnis 3: Aufsichtsrat steht jetzt für Kontinuität

Sollte in der Winterpause mehr Geld nötig sein, sagt Minge, habe der Aufsichtsrat dafür Zustimmung signalisiert. Seit Samstag ist die endgültig sicher – denn der bisherige Rat, der bei Minge noch nie Verstärkungen angemahnt hat, ist zu entscheidenden Teilen der neue. Der Vorsitzende Jens Heinig und Stellvertreter Thomas Kunert gehören dem Kontrollgremium wieder an, ebenso Ehrenspielführer Dixie Dörner sowie Jürg Kasper und Jens Hieckmann. Die meisten Stimmen erhielt Michael Ziegenbalg.

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Fakt ist auch: Die Zeiten des Intrigantenstadls, von dem der aus Altersgründen nicht erneut zur Wahl angetretene Hans Eggert im Vorfeld sprach, sind offenbar vorbei. Das Gremium steht für Kontinuität, Sacharbeit und perspektivischer Planung. So hat der Rat die Führungsstruktur des Vereins überarbeitet und steht kurz davor, einen dritten Geschäftsführer einzustellen. Der soll sich dann um den Bereich Zukunft und Innovation kümmern. 


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