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Dynamos heilsame Lehren aus der Vergangenheit

Wirtschaftlich geht es Dynamo gut wie nie - trotz Corona. Vielleicht auch, weil Ralf Minge einen der schwärzesten Tage vor 25 Jahren nicht vergessen hat.

Dynamos Sportchef Ralf Minge betrachtet das Geld des Vereins so, als wäre es sein eigenes. Sich selbst bezeichnet er als Schotte. Inmitten der Corona-Krise entpuppt sich das womöglich als Glücksfall.
Dynamos Sportchef Ralf Minge betrachtet das Geld des Vereins so, als wäre es sein eigenes. Sich selbst bezeichnet er als Schotte. Inmitten der Corona-Krise entpuppt sich das womöglich als Glücksfall. © Lutz Hentschel

Von Jens Maßlich

Dresden. Die Krise gibt Ralf Minge Recht und das in diesen Tagen vielleicht mehr denn je. "Ich bin nicht Dynamo, aber ich lebe Dynamo. Deswegen betrachte ich jeden Euro so, als ob es mein eigener wäre. Jedes Mitglied, jeder Angestellte ist für mich Familie. Das hat mich über die Jahre geprägt", sagt der Sportgeschäftsführer von Dynamo Dresden.

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Minge sieht sich in seinem Sparkurs der vergangenen Jahre bestätigt, für den der selbst ernannte "Schotte" vor einigen Monaten viel Kritik hatte einstecken müssen. Die These, er würde Dynamo, den Tabellenletzten der 2. Fußball-Bundesliga, zum Abstieg in die 3. Liga sparen, hält sich bis heute.

Doch Minge ist geprägt von einer Zeit, die wohl zu der schwärzesten der inzwischen 67 Jahre währenden Vereinsgeschichte zählt. Am 6. Mai 1995 wurde dem 1. FC Dynamo Dresden vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) die Lizenz verwehrt - bis heute einmalig für einen Erstligisten. Minge, damals Interimstrainer, erinnert sich in einem SZ-Interview mit "große Schmerzen", aber inzwischen mit "geheilten Wunden" an die zeit vor einem Vierteljahrhundert zurück. "Letztendlich war das nur der Tag, an dem der Todesstoß kam", erklärt der 59-Jährige, und er stellt sachlich fest: "Der Patient war im Vorfeld schon schwer krank." 

Der Hauptschuldige für viele ist Präsident Otto

Bereits in der Saison zuvor wurden dem achtmaligen DDR-Meister wegen Verstößen gegen die Lizenzauflagen unter anderem vier Punkte abgezogen. Dynamo hielt dennoch die Klasse, was ein Jahr später nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich endgültig nicht mehr möglich war. Aufgrund ausstehender Verbindlichkeiten von zehn Millionen Mark blieb nur der Gang in die Drittklassigkeit.

Als Hauptschuldiger gilt vielen Dynamos damaliger Präsident Rolf-Jürgen Otto. Der inzwischen verstorbene Bauunternehmer aus Hessen kam Anfang der Neunziger nach Dresden, machte sich mit dem Bau von Wohnsiedlungen eine Namen, zog für die FDP in den Dresdner Stadtrat und stieg zum Präsidenten auf. Den Lizenzentzug nahm Otto persönlich. "Wir lassen uns nicht durch die kalte Küche abschieben. Wir werden den Fehdehandschuh, den der DFB geworfen hat, aufnehmen. Bisher waren wir sehr zurückhaltend. Das wird sich jetzt ändern", sagte Otto damals.

Minge aber sieht die Gründe viel früher, oft genug hat er mittlerweile zurückgeblickt, analysiert und die Zeit damals reflektiert. "Die größten Fehler wurden nach der Wende gemacht. Wir hatten eigentlich super Voraussetzungen, auch wenn wir 1990 durch den Verlust von fünf Nationalspielern einen herben Schlag hinnehmen mussten", erklärt der frühere Dynamo-Stürmer und -Kapitän. 

Neue Abhängigkeiten und wirtschaftliche Zwänge

Nach dem Mauerfall fand sich der Verein in einer neuen Welt wieder. Spielertransfers, Sponsoren- und Fernsehgelder überforderten die Verantwortlichen. Mit der Saarbrücker Sportmarketingfirma Sorad war Dynamo beispielsweise eine knebelartige Verbindung eingegangen, die den Verein 40 Prozent der Einnahmen kostete.

"Der Fehler bestand jedoch darin, es unter völlig neuen gesellschaftlichen Voraussetzungen, ohne das notwendige Know-how einfach mal zu probieren. Dadurch sind Abhängigkeiten und wirtschaftliche Zwänge, unter anderem durch die Vermarktungsverträge mit Sorad, entstanden, durch die wir uns faktisch verkauft hatten", bilanziert Minge. 

Auch in den Folgejahren bleibt Dynamo ein gebranntes Kind. Wie ein roter Faden ziehen sich die gleichen Fehler durch die Saisons. Zu freigiebig wurde teilweise nicht vorhandenes Geld ausgegeben. Dass es den Verein überhaupt noch gibt, ist auch ein Verdienst des "Schotten". Nach dem Drittliga-Abstieg 2014 suchte sich Dynamo eine neue Überschrift. Es galt, den Verein zu entschulden. Es ist auch zum großen Teil sein Verdienst, selbst wenn Minge lieber auf "ein Werk von vielen, nicht zuletzt von der aktiven Fanszene, den Mitgliedern und den Sponsoren des Vereins" verweist.

Gut 25 Jahre nach dem "Todesstoß" ist Dynamo nicht nur schuldenfrei, im vergangenen Geschäftsjahr 2018/19 wurde ein Umsatz von mehr als 35 Millionen Euro und ein Überschuss von über 4,5 Millionen Euro erwirtschaftet. Das Eigenkapital des Vereins ist auf mehr als 9,4 Millionen Euro angewachsen. Ein Plus, dass Dynamo auch die aktuelle Krise überstehen lässt und Möglichkeiten für professionelle Rahmenbedingungen schafft.

Corona ist ein Sturm - auf den Dynamo vorbereitet ist

Umso mehr Unverständnis bringt Minge für die 13 Erst- und Zweitligisten auf, denen aufgrund der aktuellen Spielpause der wirtschaftliche Untergang droht. "Vielleicht ist meine Herangehensweise etwas zu extrem in die andere Richtung gewesen, aber auf Gedeih und Verderb Fernsehgelder an die Bank zu verpfänden oder zu verbrauchen, dafür habe ich kein Verständnis", erklärt Dynamo Sportchef, dessen Vertrag am Saisonende ausläuft. Doch Minge selbst hat aufgrund der aktuellen Situation alle Vertragsgespräche gestoppt, seines inklusive. 

"Es ist aktuell unmöglich, Tatsachen zu schaffen und belastbare Gespräche zu führen", betont er. Es gebe schließlich kein belastbares Budget, auch wenn der Verein Lizenzierungsunterlagen eingereicht habe. "Die sind aber mehr oder weniger hinfällig, wenn ich bis Dezember ohne Zuschauer spiele und weniger Sponsoreneinnahmen habe", sagt Minge.

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Er spricht von einem "Sturm", in dem sich der Profifußball derzeit befinde. "Wenn ich diesen aber nach drei Wochen bereits nicht mehr aushalte, müssen andere Fehler gemacht worden sein." (dpa, mit SZ)

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