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Minge räumt ein: Das fällt mir schwer

Dynamos Sportgeschäftsführer spricht im exklusiven Interview über sein Verhältnis zum Geld im Fußball, mögliche Transfers im Winter und was er selbst ändern will.

Nachdenklich, selbstkritisch: Ralf Minge bei der Mitgliederversammlung am Samstag.
Nachdenklich, selbstkritisch: Ralf Minge bei der Mitgliederversammlung am Samstag. © Foto: Jürgen Lösel

Herr Minge, Sie haben bei der Mitgliederversammlung gesagt, sich für die sportlich prekäre Situation von Dynamo an den Pranger zu stellen. Wie geht es Ihnen persönlich damit?

Das kam aus der Diskussion heraus, war mehr als Synonym gemeint. Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass es mir vollkommen bewusst ist, dass ich die Verantwortung trage, und das Signal setzen, dass ich selbstkritisch damit umgehe.

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Das dritte Jahr in Folge Abstiegskampf, eine Entwicklung nicht zu erkennen. Was macht das mit Ihnen persönlich?

Ich bin total aufgeräumt. Alles andere wäre nicht zielführend. Wir haben noch mal alles nebeneinandergelegt: Das waren die Überlegungen im Sommer, darüber hatten wir zum Teil kontrovers diskutiert. Aber die Entscheidungen waren zu dem Zeitpunkt total schlüssig. Jetzt müssen wir einräumen, dass der Plan bislang nicht so aufgegangen ist wie gewünscht.

Welche Möglichkeiten gab es, denen Sie jetzt nachtrauern müssen?

Wir hatten zig Optionen, haben Kilometer geschrubbt ohne Ende, um Spieler zu beobachten. Wir haben Spieler nebeneinandergelegt, es gab sicher einige, die einzelne Punkte mitgebracht hätten wie Erfahrung, Tempo auf dem Flügel oder Backup-Situationen für Ausfälle. Das haben wir durchgespielt, uns aber gemeinsam so entschieden. Und ich bleibe auch jetzt dabei: Der Kader hat die Qualität, um in der zweiten Liga eine deutlich bessere Rolle zu spielen, wenn wir keine gravierenden Ausfälle haben, sei es durch Verletzungen oder Sperren.

Oder Formschwäche …

Ja, auch das ist ein Aspekt. Einige eigentlich gesetzte Spieler sind nicht so stabil, wie wir es erwartet hatten.

Wen meinen Sie?

Ich werde in der Öffentlichkeit nicht über einzelne Spieler reden, es geht generell darum, die potenziellen Leistungsträger wieder auf ihr Top-Niveau zu bringen, damit sie der Mannschaft mehr Stabilität geben. Das ist der erste Schritt, um in die Spur zurückzukommen und die verbleibenden fünf Spiele bis zur Winterpause so erfolgreich wie möglich zu gestalten.

Es ist nachvollziehbar, junge Spieler wie Vasil Kusej und Osman Atilgan auszuleihen. Aber wieso hat Dynamo auch Lucas Röser an Kaiserslautern abgegeben und sich damit im Sturm sehr schlank gemacht?

Erstens hat er selbst seine Unzufriedenheit sehr deutlich geäußert, hat auf den Wechsel gedrängt. Zweitens waren wir der Meinung, dass wir das nach den Verpflichtungen von Alexander Jeremejeff und Luka Stor intern auffangen können. Drittens ist er in seiner Entwicklung ein bisschen auf der Stelle getreten. Viertens wäre sein Vertrag zum Saisonende ausgelaufen, wir haben eine Ablöse bekommen, auch wenn nicht exorbitant hoch. Aber wenn man das im Nachgang bewertet: Klar, wir hätten das nicht machen müssen.

Nun wollen Sie im Winter 1,7 Millionen Euro ausgeben. Haben Sie schon konkrete Namen, wen Sie für wie viel Geld woher zu Dynamo holen wollen?

Bei der Summe handelt es sich um das schon im Frühjahr genehmigte Budget für die Saison, das wäre also nicht zusätzlich. Das Geld ist da, wir hätten es im Sommer bereits ausgeben können. Jetzt gilt es, sich erst einmal vorzutasten. Die Spieler laufen ja nicht mit einem Preisschild rum, das ist ein harter Kampf wie im Sommer bei Jeremejeff. Deshalb hat das länger gedauert. Wir haben unsere Vorstellungen, aber ich kann jetzt noch nicht sagen: Wir holen den und den zu den Konditionen.

Winter-Transfers gelten auch deshalb als problematisch, weil der Spieler de facto keine Eingewöhnungszeit hat …

Das ist das Wichtigste. Wir brauchen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Spieler sofort funktionieren.

Wo findet man solche Spieler, denn das Ausland scheidet wegen der Sprachbarriere doch quasi aus?

Fast. Es gibt ja auch andere deutschsprachige Länder. Über allem steht die sportliche Qualität, wie schnell die abrufbar ist.

Ralf Minge bei der Mitgliederversammlung.
Ralf Minge bei der Mitgliederversammlung. © Archiv: Jürgen Lösel

Sie haben sich als „alten Schotten“ bezeichnet, der jeden Euro mehrmals umdreht. Nun gibt es 1,7 Millionen …

Genehmigt wohlgemerkt. Und von den Transfer-Einnahmen haben wir noch nicht einen Cent abgerufen.

Deshalb die Frage: Sparen Sie Dynamo gerade sportlich zu Tode?

Ich habe bereits gesagt, dass bei mir ein Umdenken stattfinden muss. Wir sind geprägt durch die Zeit, in der wir von der Autobahn abgefahren sind, weil an der Landstraße der Sprit zehn Cent billiger war. Außerdem haben wir parallel ein paar andere Projekte wie das neue Trainingszentrum. Ich versuche, nicht nur meinen Bereich zu sehen, sondern den Gesamtverein im Auge zu behalten. Ja, es ist so, dass ich eine höhere Risikobereitschaft an den Tag legen muss und jetzt auch kann. Das gestehe ich ein, und das fällt mir schwer. Da bin ich auch ganz ehrlich.

Ist dieses Fußball-Geschäft mit explodierenden Ablösesummen und Gehältern denn noch Ihre Welt?

Die Entwicklung ist schon – beängstigend wäre vielleicht zu hoch gegriffen, aber wenn ich das Budget nehme, das wir im Aufstiegsjahr hatten: Jetzt müsstest du froh sein, wenn du damit im Mittelfeld der 3. Liga einkommst. Fakt ist: Du kriegst die gleiche Qualität an Spielern nur zu einem höheren Tarif. Und das ist nicht gesund.

Sind Sie dazu bereit?

Mir fällt es schwer, das habe ich ja gesagt. Man muss den Faden weiterspinnen. Wir können das Gehaltsgefüge nicht komplett durcheinanderbringen. Das ist Wahnsinn.

Nach dem Abstieg sagten Sie: Mentalität schlägt Qualität. Doch genau an dieser Mentalität mangelt es jetzt. Wieso?

Ja, das war mein Spruch, und da müssen wir wieder verstärkt hinkommen. Trotzdem bleibe ich dabei: Das ist kein Sauhaufen, nicht mal im Ansatz! Verfehlungen wie Zuspätkommen oder schlechte Trainingseinstellung kannst du im letzten halben Jahr an einer Hand abzählen.

Ich meinte die Präsenz auf dem Platz, in schwierigen Situationen voranzugehen. Fehlen Führungspersönlichkeiten?

Da gebe ich Ihnen recht. Wir tun gut daran, diese Kompetenz wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Wird das auch deshalb schwieriger, weil aus den Jugend-Akademien gleichförmige Spieler kommen?

Die Tendenz ist durchaus gegeben. Es sind in der Regel sehr professionelle Spieler, aber Typen reifen durch Widerstände. Diese Komponente kommt zu kurz.

Auf welchen Positionen sehen Sie im Winter akuten Handlungsbedarf?

Darüber sind wir uns intern im Klaren.

Ein weiterer Stürmer, einer für die rechte Seite und ein torgefährlicher Mittelfeldspieler?

Das möchte ich nicht kommentieren.

Wie oft haben Sie es bereits bereut, Ihre Position bei Dynamo mit dem Schicksal von Trainer Cristian Fiel verknüpft zu haben?

Ich habe von Selbstkritik gesprochen. Wenn man also an irgendeiner Stelle merkt, der Plan geht nicht auf, muss man zuerst bei sich nach dem Fehler suchen. Es war eine hundertprozentige Überzeugungstat. Dahinter steckt ein Karriereplan.

Aber Sie sind von seiner Arbeit überzeugt?

Ja, absolut. Ich sehe, wie er arbeitet, er macht gerade brutale Erfahrungen.

Für wie lange hat der Sieg gegen Wiesbaden Luft verschafft?

Ganz klar: Drei Punkte, gut, schön, brutal wichtig. Aber an der Situation hat sich null geändert. Dieser Sieg hat uns keine Luft verschafft. Wir stecken im Abstiegskampf.

Am Samstag geht es zum Hamburger SV, eigentlich ist man dort chancenlos wie beim Pokalspiel in Berlin …

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Das Gespräch führte Sven Geisler.

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