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Dynamo: Alle Fakten der Hauptversammlung

Der neue Aufsichtsrat steht fest. Vorher kritisiert sich Sportchef Minge selbst - und kündigt Millionen-Transfers an. Ergebnisse gibt es nach siebeneinhalb Stunden.

Rund 1.000 der insgesamt knapp 24.000 Mitglieder sind zur Jahreshauptversammlung ins Kongresszentrum gekommen.
Rund 1.000 der insgesamt knapp 24.000 Mitglieder sind zur Jahreshauptversammlung ins Kongresszentrum gekommen. © Jürgen Lösel

Die Mitglieder von Dynamo Dresden haben einen neuen Aufsichtsrat gewählt. Das ist das eigentliche Hauptthema bei der Jahreshauptversammlung am Samstag im Dresdner Kongresszentrum. Knapp 1.000 der mittlerweile fast 24.000 Mitglieder sind gekommen - trotz oder gerade wegen der angespannten sportlichen Situation.

Dynamo steht auf einem Abstiegsplatz in der 2. Fußball-Bundesliga. Und darum geht es zu Beginn hauptsächlich. Dass auch ein neuer Aufsichtsrat gewählt werden soll, das Kontrollgremium im Klub, interessiert anfangs am allerwenigsten. Erst nach vier Stunden mitunter emotionaler Diskussion wird gewählt.

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Und das ist der neue Aufsichtsrat

Sechs aus zwölf – so lautet diesmal die Formel. Ein Dutzend Kandidaten stellt sich zur Wahl des neuen Aufsichtsrats, doch lediglich sechs Plätze sind zu besetzen. Die Stimmzettel sind schnell ausgefüllt, abgegeben, auch ausgezählt. Und die meisten Stimmen haben erhalten… Denkste.

Die Bekanntgabe des Wahlergebnisses ist erst Top 10 – und vorher noch a) 30 Minuten Pause und b) der Tagungsordnungspunkt 9. Der behandelt unter anderem die Beratung und Entscheidung über eingereichte Satzungsänderungen. Das zieht sich erwartungsgemäß hin, Stichworte: Satzungstreue, Mitspracherecht. Der Saal ist auch bereits sichtlich leerer geworden. Doch Dynamo-Präsident und Versammlungsleiter Holger Scholze ist die Ruhe selbst – trotz der Stunde, die diese Versammlung am frühen Nachmittag hinter dem vorgesehenen Zeitplan hinterherhinkt.

Und dann, es ist 17.20 Uhr, wird das Ergebnis bekanntgegeben. Hier die dazugehörigen Namen samt erhaltener Stimmen: Michael Ziegenbalg (657), Thomas Kunert (596), Dixie Dörner (593), Jens Heinig (574), Dr. Jürg Kasper (439), Jens Hieckmann (408). Sie gehören damit ab sofort Dynamos Aufsichtsrat an. 

Das sind die neu gewählten Aufsichtsräte (und das Präsidium). Von links: Jens Hieckmann, Dr. Jürg Kasper, Dixie Dörner, Michael Ziegenbalg, Thomas Kunert, Vizepräsident Ronny Rehn, Jens Heinig, Vizepräsident Michael Bürger und Präsident Holger Scholze.
Das sind die neu gewählten Aufsichtsräte (und das Präsidium). Von links: Jens Hieckmann, Dr. Jürg Kasper, Dixie Dörner, Michael Ziegenbalg, Thomas Kunert, Vizepräsident Ronny Rehn, Jens Heinig, Vizepräsident Michael Bürger und Präsident Holger Scholze. © SZ

Für alle anderen – das sind Michael Grafe (314), Sven Schellenberg (245), André Gubsch (171), Olaf Gruhle (155), Gunther Seifert (129) und Falk Kühn-Meisegeier (85) – gilt: Sie sind Nachrückekandidaten. Und für sie bleibt ein Hintertürchen: Der Ehren- und der Jugendrat sowie die Fangemeinschaft dürfen jeweils eine Person ihrer Wahl entsenden. Sie komplettieren dann das insgesamt neunköpfige Kontrollgremium.

Minge stellt sich selbst an den Pranger

Der Sitzungsmarathon beginnt indes bereits am Vormittag. Drei vor zehn nimmt der Sportgeschäftsführer auf dem Podium Platz. Schwarzes Hemd, schwarzer Anzug - das Äußere passt zur sportlichen Lage. Die Stimmung ist eine andere, zumindest bei Ralf Minge. 10.39 Uhr tritt er schließlich ans Mikrofon. Er zieht Bilanz, benennt Fehler und nimmt Stellung zum Saisonverlauf. "Der Plan ist bisher nicht so aufgegangen. Dafür trage ich die Verantwortung, und der stelle ich mich auch", sagt Minge kämpferisch. In der Winterpause soll deshalb personell nachgelegt werden. Mindestens 1,7 Millionen Euro, so Minge, werden investiert. "Das wird die Zielgröße sein" - die der Aufsichtsrat bereits genehmigt hat.

Zwischenzeitlich krächzt seine Stimme. Präsident Scholze reicht ihm ein halb volles Glas. "Wasser?", entgegnet Minge. Der Saal tobt, und Minge legt nach. "Muss man ja mal fragen..."

Den Mitgliedern reicht das nicht. Nach Minges 17-minütigem Rechenschaftsbericht beginnt die Aussprache. Und die dauert, zieht sich, wird zunehmend kritisch. Dynamo-Fans sind leidensfähig, aber eben auch diskussionsfreudig. Sie wollen wissen, warum Uwe Neuhaus als Trainer vor über einem Jahr gehen musste, wieso der Kader so und nicht anders zusammengestellt wurde, wie es sportlich jetzt wieder besser werden kann.

"Für den Charakter dieser Mannschaft lege ich die Hand ins Feuer", kontert Minge, und er betont immer wieder, dass er für die sportliche Entwicklung die volle Verantwortung übernehme. "Ich habe mich an den Pranger gestellt, mehr kann ich nicht machen. So lange ich hier bin, werde ich Flagge zeigen", erklärt der frühere Stürmer.

Inzwischen ist es kurz vor zwölf. Und die Fragerunde an Minge endet. Hinsetzen möchte er sich aber nicht, seine Schlussbemerkung will und muss er noch loswerden, einen Satz zu seiner Rolle bei Dynamo. "Ich hänge an dem Verein, aber nicht zwingend an dem Job. Ich bin nicht Dynamo, ich hänge an Dynamo. Nichts ist größer als der Verein", sagt Minge und nimmt wieder Platz. Donnernder Applaus. 

Dynamo meldet Rekorde - auch beim Fanfehlverhalten

Solche Mitgliederversammlungen sind längst auch kleine Wirtschaftsseminare – mit einer Unmenge an Zahlen und Fachvokabular. Das wird im Vortrag des Wirtschaftsprüfers deutlich. Erik Istel spricht über Ertragslage, Umsatzerlöse, Finanzergebnis, Umlaufvermögen, Gewinnvortrag, über Steuerrückstellungen und aktivem RAP. Kann man verstehen, muss man aber nicht. Entscheidend sind für die allermeisten im Saal ohnehin nur die zwei großen Zahlen: 4,5 Millionen Euro sowie 9,4 Millionen Euro. Das eine ist der finanzielle Gewinn der Vorsaison, das andere Dynamos Eigenkapital. Also das Geld, das der Verein auf der hohen Kante hat – und das ausgehend von einem Minus von 7,1 Millionen Euro im Jahr 2012.

Dann verwendet Wirtschaftsprüfer Istel einen Begriff, den jeder im Saal sofort versteht: Fanfehlverhalten. Dazu zählt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zum Beispiel das Abbrennen von Pyrotechnik und das Werfen von Gegenständen. Auch da haben die Dynamos, konkret die Fans, zugelegt. 40.000 Euro sind in der Saison 2017/18 an den Verband überwiesen worden, in der Vorsaison waren es 114.000 Euro. „Und in dieser Saison kommt noch mal eins drauf“, sagt Istel. Er meint nicht nur die jüngsten Vorfälle beim Pokalspiel in Berlin und im Heimspiel gegen Wehen Wiesbaden.

Michael Born, Dynamos kaufmännischer Geschäftsführer, wird im Anschluss konkret: 178.115 Euro hat Dynamo bislang in der laufenden Saison zahlen müssen, Tendenz steigend. „Und wir haben gerade erst den 13. Spieltag absolviert. Das ist mehr als zu viel“, meint Born. Beifall gibt es dafür nicht – kurz danach aber umso mehr, als er auf den Böllerwerfer vom Wehen-Spiel zu sprechen kommt. Die zu erwartende Strafe soll zu hundert Prozent auf den Täter, sofern man ihn denn ermittelt, umgelegt werden. „Ohne Wenn und Aber“, sagt Born. Dass vor und während dieses Spiels auch massiv Pyrotechnik gezündet wurde, lässt er unerwähnt. 

Versammlungsleiter ist Dynamos Präsident Holger Scholze. Links und rechts von ihm haben die Geschäftsführer Platz genommen.
Versammlungsleiter ist Dynamos Präsident Holger Scholze. Links und rechts von ihm haben die Geschäftsführer Platz genommen. © Jürgen Lösel
Auch die Mannschaft ist da - und wird mit Applaus empfangen. 
Auch die Mannschaft ist da - und wird mit Applaus empfangen.  © Jürgen Lösel
Cristian Fiel und seine Spieler stehen zu Beginn im Mittelpunkt der kritischen Mitglieder-Nachfragen.
Cristian Fiel und seine Spieler stehen zu Beginn im Mittelpunkt der kritischen Mitglieder-Nachfragen. © Jürgen Lösel
Sportchef Ralf Minge äußert sich zur sportlichen Entwicklung - und übernimmt die volle Verantwortung.
Sportchef Ralf Minge äußert sich zur sportlichen Entwicklung - und übernimmt die volle Verantwortung. © Jürgen Lösel
Auch Zahlen und Tabellen gibt es - verbunden mit einer erfreulichen wirtschaftlichen Lage.
Auch Zahlen und Tabellen gibt es - verbunden mit einer erfreulichen wirtschaftlichen Lage. © Jürgen Lösel
Michael Born, der kaufmännische Geschäftsführer, schaut skeptisch. Einen offensichtlichen Grund gibt es dafür nicht.
Michael Born, der kaufmännische Geschäftsführer, schaut skeptisch. Einen offensichtlichen Grund gibt es dafür nicht. © Jürgen Lösel

Mitreden kann jeder. Das hat Konsequenzen.

Dynamos Mitgliederversammlungen sind Ausdauereinheiten. In 90 Minuten, so wie auf dem Spielfeld, ist nichts zu machen, selbst eine halbstündige Verlängerung reicht längst nicht aus. Was auch damit zu tun hat, dass es sich bei der SG Dynamo Dresden e.V. um einen mitgliedergeführten Verein handelt – in dem sich jedes Mitglied einbringen kann, einbringen soll. Und das bei Bedarf und Gelegenheit dann eben auch tut.

So muss diesmal zu Beginn der Versammlung über eine veränderte Tagesordnung abgestimmt werden, weil in der Einladung zur Jahreshauptversammlung von der Wahlkommission die Rede ist. Die aber gibt es laut Satzung bei Dynamo gar nicht.

Wahlausschuss muss es korrekt heißen, wie ein Mitglied kürzlich in einem Schreiben an Präsident Scholze anmerkt. Der zitiert daraufhin den Duden und verdeutlicht, dass die Kommission größer, wichtiger, bedeutungsvoller ist als ein Ausschuss. Und er erklärt, dass der fehlerhafte Begriff seit einigen Jahren schon benutzt wird. Doch die Konsequenz muss jetzt trotzdem sein: „Wir legen größten Wert auf Satzungstreue. Streng genommen ist deshalb eine Änderung der Tagesordnung notwendig“, sagt Scholze und bittet zur ersten Abstimmung des Tages. Nahezu einstimmig beschließen die Mitglieder, dass in der Tagesordnung das Wort Wahlkommission durch Wahlausschuss ersetzt wird. Gegenstimmen gibt es keine, nur ein paar Enthaltungen.

Wie nach den Reden der Geschäftsführer Minge und Born gibt es später auch nach dem Bericht des Aufsichtsrates, die Versammlung läuft mittlerweile knapp dreieinhalb Stunden, einige Fragen. Zum Beispiel nach dem dritten Geschäftsführer, der demnächst fest eingestellt werden soll und wie sich der Verein überhaupt perspektivisch aufstellt. Und dann kommt sie: „Ihr denkt vielleicht, ich habe einen Schaden“, sagt die Fragestellerin – und erkundigt sich nach der Verwendung von Mehrwegbechern bei den Heimspielen. Born übernimmt die Antwort. Er erklärt die komplizierte Konstellation im Stadion, in dem Dynamo selbst nur Mieter ist und das Catering anderen obliegt. Und er sagt, dass man weiter auf die vorhandenen Becher setze. „Aber auch die werden recycelt.“

Tagesordnungspunkt 4 ist damit um 13.34 Uhr auch abgehandelt, acht weitere Punkte stehen noch aus. Ein weiteres statistisches Detail am Rande: Kurz vor der Aufsichtsratswahl, Punkt 8, sind 975 stimmberechtigte Mitglieder (und drei Nichtstimmberechtigte) im Saal - und damit 115 mehr als zu Beginn um 10.08 Uhr. 

Abschließend noch diese zwei neuen Wortschöpfungen im Dynamo-Duden:

verkreuzen. Verb, beschreibt das falsche Ankreuzen von Aufsichtskandidaten auf dem Stimmzettel, geprägt von Präsident Holger Scholze.

Dynaminen. Substantiv, meint alle weiblichen Dynamo-Fans, geprägt von Vizepräsident Michael Bürger.

Kurzum, so eine Mitgliederversammlung hat offenbar auch immer eine Bildungsfunktion.


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