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Dynamo und das Drama von Berlin

Wer hätte das gedacht: Die Dresdner sind gegen Hertha BSC nah dran am Sieg. Im Elfmeterschießen wird es dramatisch. Die Analyse und die Reaktion der Trainer.

Die Dresdner zeigten eine couragierte Leistung - auch wenn es am Ende nicht zum Sieg reichte.
Die Dresdner zeigten eine couragierte Leistung - auch wenn es am Ende nicht zum Sieg reichte. © Andreas Gora/dpa

Was für ein Fußball-Abend, was für ein Kampf, was für eine Dramatik, je ein Strafstoß schon in der regulären Spielzeit, Verlängerung, Führung, Ausgleich, Elfmeterschießen: Dynamos Auswärtsheimspiel im Berliner Olympiastadion gegen Hertha BSC bietet alles, was der Pokal verspricht. Führung, Rückstand, Ausgleich. Hoffen und bangen, jubeln und ärgern.

Die Dresdner sind vor 70.429 Zuschauern nah dran an der Sensation, verlieren erst nach Elfmeterschießen. Wer hätte den Schwarz-Gelben so ein Spiel zugetraut nach den Enttäuschungen in der zweiten Liga? Der Trainer. „Wir wissen, gegen wen wir spielen und wer der haushohe Favorit ist“, meinte Cristian Fiel. „Aber im Pokal kann Besonderes passieren. Deswegen fahren wir dorthin, hauen alles raus und genießen hoffentlich auch.“ Und wie! Fünf Fragen und Antworten – die erste Analyse nach dem Pokalfight:

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Wie wurde dieses verrückte Spiel entschieden?

Es scheint schon alles klar zu sein. Niklas Kreuzer zieht Dodi Lukebakio die Beine weg, Elfmeter. Ärgerlich, aber berechtigt. Ondrej Duda vollendet zum 2:1 für den Favoriten – und es sind nur noch vier Minuten zu spielen. Doch Aufgeben gilt nicht. Moussa Koné wird auf der anderen Seite von Niklas Stark gelegt. Wieder klare Sache. Patrick Ebert, der ehemalige Herthaner, übernimmt Verantwortung. Und er trifft, auch wenn Thomas Kraft im Berliner Tor in die richtige Ecke fliegt. 2:2. Verlängerung. Der (gelbe) Wahnsinn geht weiter.

Die Berliner jubeln, aber das Tor zählt nicht. Abseits. Im Gegenzug hat Luka Stor nach genauem Zuspiel von Marco Hartmann freie Bahn und lässt Stefan Kraft im Hertha-Tor keine Chance. 3:2 für Dynamo. Bis zur 122. Minute. Doch in der Nachspielzeit der Verlängerung trifft Jordan Torunarigha zum 3:3 in einem verrückten Spiel.

Das Elfmeterschießen:

Ebert für Dynamo - Tor! Oben rechts.

Ibisevic für Hertha - Tor. Unter die Latte.

Horvath für Dynamo - Tor! Unten links.

Darida für Hertha - Tor. Oben links.

Müller für Dynamo - Kraft hält, Hertha vorn.

Dilrosun für Hertha - Tor. Unten rechts.

Koné für Dynamo - Tor! Unten links.

Rekik für Hertha - drüber. Gleichstand.

Stor für Dynamo - Kraft hält, aber Wiederholung. Der Torwart hat sich zu früh bewegt, sieht Gelb. Zweiter Versuch: Tor. Oben rechts!

Selke für Hertha - Tor. Mitten in die Mitte.

Ehlers für Dynamo - Kraft hält. Hertha wieder vorn.

Grujic für Hertha - Tor, die Entscheidung.

Was dennoch wichtig ist: Die Dresdner haben eine couragierte Leistung und über den Kampf hinaus fußballerische Fortschritte gezeigt. Sie haben vor allem sich selbst etwas bewiesen: Wir können einem vermeintlich stärkeren Gegner Paroli bieten, warum also nicht auch am Sonntag in Stuttgart?

Das sagen die Trainer danach

Cristian Fiel (Dynamo): "Dynamo Dresden hat heute ein großes Spiel abgeliefert mit Leidenschaft. Wir haben die Art und Weise, wie wir spielen wollten, auf den Platz gebracht. Man hat aber auch gesehen, dass Hertha eine Mannschaft mit hoher individueller Qualität hat. Trotzdem sind wir marschiert, haben daran geglaubt, dass wir es schaffen können. Wenn du in der 123. Minute den Ausgleich bekommst - viel bitterer geht es nicht. Trotz allem: Ein wirklich großes Kompliment an die Jungs, ein großes Kompliment. Das war nach den letzten Wochen für sie keine einfache Situation. Trotzdem muss uns bewusst sein: Was am Sonntag kommt, ist wieder etwas ganz anderes, der Liga-Alltag, da sollten wir mal wieder anfangen zu punkten. Aber für heute sollen sie ein gutes Gefühl mit nach Hause nehmen und stolz auf sich sein."

Ante Covic (Hertha): "Wir sind alle Sportsmänner. Wenn ein Spiel im Elfmeterschießen entschieden wird, sind die ersten Gedanken beim Gegner. Ich finde, dass es dazu gekommen ist, dazu gehören zwei Mannschaft. Deshalb ein riesen Kompliment, Fielo, an dich und deine Truppe. Dass wir an die Grenzen gegangen sind, hat man gesehen, auch nach dem Spiel gespürt. Wir hatten am Anfang drei Möglichkeiten, haben die nicht genutzt und Dynamo aufgebaut. Nach dem 2:3 guckst du rechts und links und siehst in den Augen meiner Spieler, dass noch Leben drin ist, dass der Glaube immer noch da ist. Dieses Spiel hat alles mitgebracht für jeden Einzelnen, der im Stadion war, das hat sicher keiner bereut. Ich bin unheimlich stolz auf die Truppe, dass wir weitergekommen sind. Natürlich ist das nicht unbedingt super für die Nerven des Trainers."

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Wie kam Dynamos Führung zur Pause zustande?

Das 1:0 nach 45 Minuten ist glücklich – und verdient. Denn zu Beginn fehlt den Dresdnern der Zugriff, kann sich die Hertha mehrmals gefährlich vors Tor kombinieren. Vor allem der quirlige Javairo Dilrosun stellt die Defensive vor Probleme. Sein Schuss geht drüber (7.), kurz darauf verpassen Dodi Lukebakio und Ondrej Duda in der Mitte. Und schließlich ist es noch mal Dilrosun, der unbehelligt mehrere Gegenspieler passieren und schließlich schießen kann. Kevin Broll pariert stark.

Doch Dynamo befreit sich nach etwa einer Viertelstunde, hat eine erste klare Chance durch Koné. Doch der Senegalese scheitert am Torwart genauso knapp wie Brian Hamalainen kurz danach neben das Tor schießt. Es ist ein munteres Spiel mit Kampf, Leidenschaft und Emotionen. Dilrosun gegen Broll - das ist eines der Duelle des Abends. Aus dem Eckball entwickelt sich der Konter, mustergültig, weil Baris Atik sofort umschaltet, Alexander Jeremejeff anspielbar ist und zu Koné durchsteckt. Spätestens jetzt ist klar, was zuletzt besonders gefehlt hat: die zweite Spitze. Koné vollendet eiskalt in der Kühle des Abends.

Warum fiel der Ausgleich so schnell nach Wiederanpfiff?

Schiedsrichter Tobias Stieler hat die Partie gerade wieder freigegeben, schon trifft die Hertha. Ausgangspunkt ist ein langer Ball von Broll – direkt auf den Berliner Marvin Plattenhardt. Jetzt geht es ruck, zuck, Dynamo kann es nicht mehr verteidigen – letztlich steht Lukebakio in der Mitte frei und vollendet zum 1:1. Wieder ein Rückschlag. Kapitän Marco Hartmann, der auf der Bank saß, hatte eine gewisse Resistenz dagegen gefordert.

Danach macht Hertha ernst: Dilrosun gegen Broll, zum dritten Mal und mit wieder mit dem Torwart als Sieger. Das Glück des Tüchtigen beim Aufsetzer-Latten-Kopfball von Dilrosun und den Pfostenschuss von Salomon Kalou hat er mehr als verdient. „Hertha war noch nie mit den Profis im Pokalfinale“, erklärte Fiel vorab. „Es wird der Traum jedes Trainers in Berlin sein, das mit seiner Mannschaft zu erreichen.“

Doch Dynamo erweist sich als widerstandsfähiger als gedacht, auch wenn offensiv nun nur noch wenig passiert. Die Gastgeber haben die Chancen, Dresden hat Broll. Der hält auch gegen Vladimir Darida. Druckphase überstanden, Hertha ist nicht mehr so zwingend, versucht es mit Schüssen aus der zweiten Reihe. Und dann kommen die turbulenten Schlussminuten mit den zwei Elfmetern.

Wie war die Stimmung im Stadion?

Alle in Gelb! Das Motto haben tatsächlich mehr als 30.000 Anhänger der Schwarz-Gelben in die Hauptstadt getragen. Hertha-Manager Michael Preetz meinte trotzdem: „Ich bin mir sehr sicher, dass die Blau-Weißen lauter sein und dafür sorgen werden, dass es ein richtiges Heimspiel ist, egal, wie viele Dynamo-Fans da sein werden.“ Zumindest nimmt die Ostkurve den Kampf um die Sangeshoheit auf.

Soweit also alles gut. Allerdings brennen in der „gelben Wand“ immer wieder bengalische Feuer, einige Böller krachen. In den Anfangsminuten dürfte vielen Fans durch den Rauch der Durchblick aufs Spiel gefehlt haben. Schade, andererseits: Einige Pyromanen sollten nicht schmälern, was die Masse im positiven Sinne abbrennt, wie sie die Mannschaft unterstützt. Das ist und bleibt außergewöhnlich.

Wie hatte Fiel die Mannschaft aufgestellt?

Das ist schon mal ein klares Zeichen: Jeremejeff beginnt neben Koné, Dynamo startet also mit einer Doppelspitze. Fiel hatte vorher gesagt, dass er mit Blick auf das Ligaspiel am Sonntag beim VfB Stuttgart genau abwägen müsse, wer in der englischen Woche eine Pause braucht. Aber mauern war knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin nicht angesagt.

„Wenn du zu so einem Gegner fährst und sagst: Hoffentlich bekommen wir nur drei statt sechs Stück – dann bleiben wir lieber gleich hier“, hatte Fiel gesagt, wenige Minuten fuhr der Bus natürlich ab. „Wir müssen mit dem Gedanken dorthin fahren, etwas Großes schaffen zu können.“

Statistik:

Berlin: Kraft - Wolf (106. Leckie), Stark, Rekik, Plattenhardt - Grujic, Duda (88. Torunarigha) - Lukebakio (91. Ibisevic), Darida, Dilrosun - Kalou (70. Selke).

Dresden: Broll – Kreuzer (91. Hartmann), Ehlers, Ballas, Müller – , Nikolaou – Ebert, Atik (58. Horvath), Hamalainen (80. Möschl) – Jeremejeff (77. Stor), Koné.

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SR: Stieler (Hamburg). Zu.: 70.429. Tore: 0:1 Koné (36.), 1:1 Lukebakio (48.), 2:1 Duda (85., Foulelfmeter), 2:2 Ebert (90., Elfmeter), 2:3 Stor (107.), 3:3 Torunarigha (120.+3). 

Elfmeterschießen: 0:1 Ebert, 1:1 Ibisevic, 1:2 Horvath, 2:2 Darida, Kraft hält gegen Müller, 3:2 Dilrosun, 3:3 Koné, Rekik schießt Elfmeter über das Tor, 3:4 gegen Stor, 4:4 Selke, Kraft hält gegen Ehlers, 5:4 Grujic.

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