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Dynamo ohne Minge? „Schwer vorstellbar“

Reiner Calmund erklärt im Interview, wie er die Lage bei Dynamo einschätzt und warum er RB Leipzig verteidigt. Und er macht eine klare Ansage an die Fans.

Reiner Calmund hat Dynamo 2010/11 beraten, Ralf Minge kennt er jedoch schon aus dessen Zeit in Leverkusen.
Reiner Calmund hat Dynamo 2010/11 beraten, Ralf Minge kennt er jedoch schon aus dessen Zeit in Leverkusen. © dpa/Thomas Eisenhuth

Reiner „Calli“ Calmund hat Bayer Leverkusen als Manager zu einem Top-Verein in der Bundesliga geformt, Dynamo in der finanziellen und personellen Existenzkrise mit dem Notvorstand im Sommer 2010 beraten und war ein Schwergewicht im deutschen Fußball – nicht nur wegen seiner Körpermasse. Jetzt lebt der 71-Jährige mit Frau und der adoptierten Tochter in Saarlouis und behält als TV-Experte einen kritischen Blick auf die Entwicklung. Über die aktuellen Tendenzen spricht er im exklusiven Interview mit sächsische.de.

Herr Calmund, Sie kennen Ralf Minge aus Ihrer Zusammenarbeit bei Bayer Leverkusen. Wie schätzen sie die Chancen ein, dass Dynamo den Vertrag mit dem Sportgeschäftsführer verlängern kann?

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Ich kann mir vorstellen, dass es von Ralf Überlegungen geben könnte, seinen Vertrag im Sommer auslaufen zu lassen. In meiner Zeit als Verantwortlicher bei Leverkusen habe ich selbst erlebt, welchem Druck man als sportlich Verantwortlicher ausgesetzt ist. Im Abstiegskampf erhöht sich dieser Druck enorm, weil man die Konsequenzen bei einem Abstieg kennt. Trotzdem wird Ralf bei seiner engen regionalen Bindung, seinem Verantwortungsgefühl für die Fans, Mitglieder, aber auch für die vielen Mitarbeiter des Vereins nicht so einfach den Job hinschmeißen.

Können sie sich Dynamo Dresden ohne Ralf Minge vorstellen?

Das ist sicher nicht nur für mich schwer vorstellbar. Sein Standing in der Stadt, bei den Sponsoren und in den Verbänden ist enorm, hier könnten mit Sicherheit auch andere wichtige Aufgaben für ihn gefunden werden. Ralf sollte auf alle Fälle einen jungen, guten Manager einarbeiten. Letztlich müssen allein die Verantwortlichen und Ralf Minge entscheiden, wie es weitergehen soll. Ich bin auch optimistisch, weil die Chemie zwischen Ralf Minge und dem erfahrenen Aufsichtsratsvorsitzenden Jens Heinig stimmt.

Bleibt er? Oder geht er? Für Reiner Calmund ist klar, dass Dynamo Dresden ohne Ralf Minge schwer vorstellbar ist. Er meint, dass Minge auf alle Fälle einen jungen, guten Manager einarbeiten sollte.
Bleibt er? Oder geht er? Für Reiner Calmund ist klar, dass Dynamo Dresden ohne Ralf Minge schwer vorstellbar ist. Er meint, dass Minge auf alle Fälle einen jungen, guten Manager einarbeiten sollte. © Archiv: Jürgen Lösel

Was meinen Sie, schafft Dynamo den Klassenerhalt?

Ich drücke alle Daumen. Dafür müssen jetzt alle, also Fußballer, Fans und Verantwortliche kämpfen. Nach dem wichtigen Derby-Sieg gegen Aue bin ich optimistisch, zumal die neuen Stürmer Patrick Schmidt, Godsway Donyoh und der kopfballstarke Simon Makienok viel Torgefahr ausstrahlen. Für die zweite Liga ist Dynamo allein wegen seiner Tradition, der vielen Fans und Zuschauer ein wichtiger Klub.

Wie sehen Sie grundsätzlich die Entwicklung des Fußballs im Osten?

Für mich ist die DFB-Mitglieder Statistik am aussagekräftigsten. 2019 hatte der DFB gut 7,13 Millionen Mitglieder und 150.000 Mannschaften. Der Nordosten kam mit den Landesverbänden Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen Anhalt und Thüringen auf 9,4 Prozent der Mitglieder und 14 Prozent der Mannschaften. Wenn man diese Zahlen zu Grunde legt, müssten jeweils zweieinhalb Teams aus dem Osten in der Bundesliga und zweiten Liga spielen. Mit RB Leipzig, Hertha BSC und Union Berlin ist man in der Fußball Beletage bestens vertreten und mit Aue und Dresden in der zweiten Liga knapp unter dem Soll.

Nun sind Hertha und auch RB Leipzig keine Ost-Klubs im herkömmlichen Sinne, also mit DDR-Vergangenheit. Wie bewerten Sie die Situation dieser Traditionsvereine?

In den drei DDR-Spielzeiten von 1988 bis 1991, also rund um den Mauerfall, war Dynamo das Bayern München des Ostens: zweimal Meister, einmal Vizemeister plus Pokalsieger. Der Leipziger Vereinsfußball kam jedoch trotz des Einzuges von Lok ins Europacup-Finale 1987 nicht über Mittelmaß hinaus, Union Berlin war eine Fahrstuhl-Mannschaft. Die Bedingungen haben sich geändert. Jetzt ist RB Leipzig als Champions-League-Teilnehmer und mit 41.000 Zuschauer im Schnitt der Krösus. Aber es gibt eben auch das Beispiel Union, der Weg nach oben ist für Traditionsvereine nicht versperrt. Viele Fans in Deutschland drücken dem sympathischen Klub die Daumen, dass er in der Bundesliga bleibt. Ich drücke sogar meine beiden Daumen.

Warum konnte Dynamo seine Spitzenposition nicht halten?

Dynamo hat viele erstklassige Fans, aber auch einige Chaoten, die mit unmöglichen Auftritten ein Sponsoring von namhaften Firmen verhinderten. Dresden hat in der zweiten Liga mittlerweile auch einen Umsatz von 35 Millionen. Trotzdem liegen die Bundesliga-Etats von Freiburg, Mainz, Augsburg und anderen, die in der Regel um den Klassenerhalt kämpfen bei mehr als 100 Millionen. Der Abstand nach ganz oben ist erheblich: Der FC Bayern hat 750, Borussia Dortmund 500 Millionen, auch die Verfolger Leipzig, Mönchengladbach, Leverkusen, Schalke wirtschaften mit einem Budget von 200 bis 300 Millionen Euro. Marktführer Bayern München ist es unter Uli Hoeneß gelungen Fußball-Sponsoring-Umsätze zu bündeln. Hoeneß war ein Visionär, der früh entdeckt hatte, was der TV-Markt hergibt, wie Internationalisierung geht und wie man einen Weltklub formt, der Investoren anlockt und trotzdem nah an den eigenen Fans bleibt.

Die Dynamo-Winter-Neuzugänge Patrick Schmidt (l.) und Simon Makienok bekamen von Reiner Calmund viel Lob ab.
Die Dynamo-Winter-Neuzugänge Patrick Schmidt (l.) und Simon Makienok bekamen von Reiner Calmund viel Lob ab. © Robert Michael/dpa

Was antworten Sie den Kritikern von RB Leipzig?

Was ich nicht nachvollziehen kann: Wenn Sebastian Vettel im Auto von Red Bull Weltmeister wird, jubeln ihm alle zu. Wenn RB in der Bundesliga gut spielt, werden sie angefeindet. RB Leipzig hat mit Vereinschef Oliver Mintzlaff, Sportdirektor Markus Krösche und Cheftrainer Julian Nagelsmann ein junges, erstklassiges Führungs-Trio. Die jüngste Mannschaft präsentiert großartigen und erfolgreichen Offensivfußball. Kritik am Red-Bull-Engagement lasse ich nicht gelten. Wo wäre Bayern München ohne Audi, Adidas, Telekom, Allianz, Siemens etc? Wo wäre Dortmund ohne Evonik, Puma und Iduna ? Oder wo wäre mein Verein ohne die Bayer AG? Wolfsburg mit VW, Stuttgart mit Mercedes, Schalke mit Gazprom, HSV mit Emirates und Klaus-Michael Kühne – ich könnte beliebig weiter aufzählen.

Derzeit bestimmen die Auseinandersetzungen zwischen Fans und Verband das Bild des deutschen Fußballs. Wie lässt sich das Problem lösen?

Es ist sehr wichtig, dass alle Beteiligten in einem offenen Dialog die Probleme aus der Welt schaffen. Dabei muss für die Problemfans – es handelt sich dabei um maximal ein bis zwei Prozent der Stadion-Besucher – klar sein, dass Gewalt, Rassismus und primitive, bösartige Beleidigungen strafbar und absolut nicht tolerierbar sind.

Der Knackpunkt ist speziell für die Ultras die vom DFB verhängte Kollektiv-Strafe zuletzt gegen die Dortmunder Fans, die dreimal nicht nach Hoffenheim dürfen. Was wäre die Alternative?

Ich kann die Fans hier verstehen. Man muss nach einem Konzept suchen um diese Bestrafung zu verhindern. Konsequent ist das nur mit der Aufhebung der Anonymität zu lösen. Im Klartext heißt das: Für alle Stadion-Besucher, nicht nur Fans, eine Registrierung mit den persönlichen Daten und biometrischer Gesichtserkennung sowie modernsten Kontrollen beim Einlass zum Stadion vorzunehmen. Sicherheitsexperten halten nur diese Methode für effektiv. Darin sehen viele einen Verstoß gegen den Datenschutz. Ich bin der Auffassung, besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen und weiß von vielen Bundesliga-Besuchern, dass bei ihnen die Sicherheit vor dem Datenschutz steht.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den sogenannten harten Fans gemacht?

Zur meiner aktiven Zeit als Manager bei Bayer Leverkusen hatten wir einen engen Kontakt zu unseren Fan-Gruppierungen. Es gab regelmäßig Tagungen mit den Vorsitzenden der Fan-Clubs. Auch mit den Ultras hatten wir einen guten Austausch. Die Meinung, dass alle Ultras Chaoten sind, ist absolut falsch. Ich kenne viele gute Aktionen von Ultras. Die Fans hatten bei uns großen Einfluss bei ihren Themen und Interessen, allerdings lehnten wir ein Einmischen in die Vereinspolitik komplett ab.

Dynamos Fans zeigen beim 2:1-Derbysieg gegen Erzgebirge Aue mehrere Spruchbänder. Calmund kann den Frust der Fans verstehen. Gewalt, Rassismus sowie primitive, bösartige Beleidigungen sind für ihn aber absolut nicht tolerierbar.
Dynamos Fans zeigen beim 2:1-Derbysieg gegen Erzgebirge Aue mehrere Spruchbänder. Calmund kann den Frust der Fans verstehen. Gewalt, Rassismus sowie primitive, bösartige Beleidigungen sind für ihn aber absolut nicht tolerierbar. © Robert Michael/dpa

Fans werfen den Profiklubs überzogene Kommerzialisierung vor, an welche Antworten und Lösungen denken Sie?

Ich möchte da nicht um den heißen Brei rum reden. Ohne Kommerz ist national und international kein Erfolg möglich, und jeder Fan möchte gerne Siege mit seinem Verein feiern. Im bezahlten Fußball ist die Zeit von Turnvater Jahn vorbei. Die Vereine müssen schon aus rechtlichen Gründen wie Unternehmen geführt werden. Dafür sind Kaufleute, Rechtsanwälte, Finanz- und Marketing-Experten, Trainer, Manager, sportliches Fachpersonal, Mediziner, Medien- und Veranstaltungs-Mitarbeiter und viele mehr erforderlich. Das sind die Fakten und die Basis für erfolgreichen und modernen Fußball.

Es gibt also keine Aussicht, die Finanzspirale zu stoppen?

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Es ist sicher jedem bekannt, dass unsere internationalen Gegner vor allem aus England und Spanien viel höhere Etats als unsere Klubs haben. Ein Beispiel: Der englische Tabellenletzte kassiert mehr TV-Geld als der deutsche Meister. Die Formel ist einfach: Die Pay-TV-Gebühr und die Abos sind in England doppelt so hoch wie in Deutschland, dazu kommen hohe Auslands-TV-Gelder für englischen Klubs.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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