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Einfluss der Fans auf Spieler? "Wird absolut überschätzt“

Sportpsychologe Oliver Stoll verrät im Interview, wie Dynamo den Abstiegskampf angehen muss und dass leere Ränge dabei egal sind.

Patrick Ebert bedankt sich nach dem Spiel bei den Fans. Auf seine Leistung vorher auf dem Platz hatte die Unterstützung von den Rängen aber keinerlei Einfluss, behauptet der Sportpsychologe Oliver Stoll.
Patrick Ebert bedankt sich nach dem Spiel bei den Fans. Auf seine Leistung vorher auf dem Platz hatte die Unterstützung von den Rängen aber keinerlei Einfluss, behauptet der Sportpsychologe Oliver Stoll. © dpa/Robert Michael

Herr Stoll, Zweitliga-Schlusslicht Dynamo durfte aufgrund einer Ausgangssperre zwei Wochen nicht trainieren und muss nun ab Sonntag quasi im Drei-Tage-Rhythmus einen Sieben-Punkte-Rückstand auf die Nichtabstiegsplätze aufholen. Kann diese aussichtslos erscheinende Lage lähmen?

Wenn man sich das Szenarium in seiner Gänze vor Augen führt, kann einem als Spieler schon angst und bange werden. Die Trainer und Betreuer werden deshalb so schlau sein, alles in die Einzelteile zu zerlegen und die Mannschaft immer nur auf das nächste Spiel fokussieren.

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Das klingt nach einer Fußballfloskel.

Aber es ist aus meiner Sicht die einzige Chance. Es werden für Dynamo ganz intensive Spiele. Um einen so großen Rückstand aufzuholen, muss die Mannschaft im erlaubten Rahmen sehr aggressiv sein und mehr laufen als die Gegner. Das zehrt am Körper und an der Psyche. Und natürlich ist die Verletzungsgefahr hoch. Wenn man das jedoch ständig ansprechen würde, wäre es kontraproduktiv. Deshalb plädiere ich für die Strategie, in kleinen Schritten von Spiel zu Spiel zu denken.

Trainer Markus Kauczinski denkt darüber nach, die Startelf komplett zu wechseln, damit immer eine frische Mannschaft auf dem Platz steht. Wäre das sinnvoll?

Natürlich hält es die Motivation hoch, wenn alle spielen dürfen. Auf der anderen Seite laufen bei eingespielten Teams Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsprozesse schneller und automatischer ab als bei einer neu zusammengewürfelten Mannschaft. Wenn man den Kader tatsächlich in zwei Teams teilt, wäre es deshalb vielleicht sinnvoll, zumindest immer dieselben Elf zusammenspielen zu lassen.

Zweitligisten sind Spiele im Drei-Tage-Rhythmus nicht gewohnt. Kann sich Dynamo so schnell darauf einstellen?

In solch einer Ausnahmesituation mit den hohen Belastungsphasen ist es wichtig, jeden Tag in diesen vier Wochen genau zu strukturieren, um Auszeiten für die Erholung freizuschaufeln. Auch im Bus oder im Flugzeug kann man Achtsamkeits- und Motivationstechniken anwenden. Das muss man natürlich wollen. Wer dafür nicht offen ist und meint, er kommt am besten beim Computerzocken runter, sollte eben das machen.

Warum ist das so wichtig?

Wenn man die Belastungs- und Erholungsphasen nicht richtig strukturiert, kann das neben Verletzungen zu einem Leistungseinbruch führen. Deshalb würde ich ein Screening oder Monitoring empfehlen. Da könnte man zum Beispiel täglich Fragebögen verteilen, auf denen die Spieler einschätzen sollen, wie sie sich in verschiedenen Situationen gefühlt haben. Das geht ganz schnell, dauert nur drei Minuten. Man kann dann Profile von jedem einzelnen Spieler erstellen und erkennt, ob alles im grünen Bereich ist. Falls nicht, sollte man bei demjenigen die Belastung rausnehmen und die Erholung fördern.

Aber wer soll das machen? Die Mannschaft hat in dieser Saison nicht kontinuierlich mit einem Sportpsychologen zusammengearbeitet.

Sie haben aber Leute in ihren Reihen, die das können. Herr Minge (Sportdirektor Ralf Minge/d.A.) hat Psychologie studiert und bei Silvio Schröter

 ...... der bis 2001 Spieler in Dresden war und jetzt vorrangig als Sportpsychologe im Nachwuchsleistungszentrum von Dynamo arbeitet ...

... weiß ich es sogar ganz genau, weil er Student bei mir war und jetzt seine Masterarbeit in Angewandter Sportpsychologie schreibt. Ein guter Mann. Ich würde es für eine Option halten, ihn in diesen Wochen mit reinzunehmen.

Oliver Stoll, 57 Jahre, ist Professor für Sportpsychologie an der Uni Halle-Wittenberg und gehörte als Betreuer zum Olympiateam 2008.
Oliver Stoll, 57 Jahre, ist Professor für Sportpsychologie an der Uni Halle-Wittenberg und gehörte als Betreuer zum Olympiateam 2008. © privat

Angesichts der sportlich brisanten Lage und auch von Spekulationen, der Verein möchte mit den positiven Corona-Fällen und der Quarantäne einen Saisonabbruch provozieren, um so den Abstieg zu verhindern, veröffentlichte Dynamo ein Motto für die nächsten Wochen: Wir gegen den Rest der Welt. Kann das helfen?

Es emotionalisiert und führt zu einer höheren Motivation. Doch es könnte zu kurz gedacht sein und sogar nach hinten losgehen. Wenn die Spieler das tatsächlich verinnerlichen, pusht sie das unheimlich hoch, und es besteht die Gefahr, dass sie auf dem Platz überdrehen.

Falls es am Ende mit dem Klassenerhalt tatsächlich klappen sollte, könnten die Spieler zu Helden werden. Sollte man diese Perspektive bei den Ansprachen jetzt nutzen?

Prinzipiell tue ich mich mit dem Heldenbegriff schwer, auch als Wunder würde ich es nicht bezeichnen. Eine außergewöhnliche Leistung wäre es aber auf jeden Fall. Ich glaube, es bringt nur nichts, das bewusst in einer Traineransprache einzusetzen, weil die Spieler selbst wissen, dass der Wind momentan von vorne kommt und nicht in den Rücken bläst. Außerdem könnte es den Druck erhöhen, der ohnehin schon da ist. Wenn aber das Ziel in zwei, drei Wochen in Reichweite wäre, könnte man eventuell noch einen emotionalen Impuls setzen.

Mit Videos und Filmen von positiven Beispielen aus der Vergangenheit?

Ja, ich hätte da auch einen konkreten Vorschlag. Bei den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid hat im Eishockey ein US-College-Team die als unbesiegbar geltende sowjetische Mannschaft geschlagen. Dabei standen die Chancen vor dem Spiel bei 1:99, die US-Jungs hatten keine Erfahrung und nicht mal ein Jahr, um sich vorzubereiten. Hollywood hat daraus den sehr sehenswerten Film „Miracle on Ice“ gemacht. Den könnte man durchaus zeigen. Es geht da nicht um Dynamo, nicht mal um Fußball, deshalb baut es keinen Druck auf, sondern zeigt nur: Selbst wenn alles gegen einen spricht, hat man eine Chance. Wunder sind möglich.

Es gibt auch ein Beispiel aus dem Fußball: Dänemark schlug 1992 im EM-Finale Deutschland, obwohl die Spieler vorher aus dem Urlaub geholt wurden und sich nicht richtig vorbereiten konnten – so wie jetzt Dynamo durch die Quarantäne.

Das wäre mir fast zu nahe liegend. Da könnten die Spieler gleich denken: Ich weiß, worauf das hinauslaufen soll.

Ein ganz anderer Aspekt der geplanten Aufholjagd sind die fehlenden Zuschauer. In Dresden sind sie sonst sehr laut und euphorisch. Trifft es Dynamo deshalb besonders hart, wenn die Ränge leer bleiben müssen?

Dahinter steckt ja die Idee, dass die Zuschauer einen Einfluss auf die sportliche Leistung der Spieler hätten. Aus der internationalen empirischen Forschung wissen wir: dem ist nicht so. Ich mache mich da jetzt womöglich unbeliebt, aber der Einfluss der Fans wird absolut überschätzt. Der ist für die Medien und die Sponsoren wichtig, aber nicht für die Spieler. Die sind da komplett im Tunnel.

Die Profis, nicht nur von Dynamo, betonen aber immer wieder, wie wichtig die Hilfe von den Rängen ist.

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