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Wie geht es bei Dynamo mit Minge weiter?

Die Zukunft des Sport-Geschäftsführers bei der SGD ist offen, Gespräche wurden wegen Corona ausgesetzt. Jetzt sagt der Aufsichtsratschef, wie er darüber denkt.

Dynamos Sport-Geschäftsführer Ralf Minge (l.) und der Aufsichtsratsvorsitzende Jens Heinig. Tragen sie weiter gemeinsam Verantwortung?
Dynamos Sport-Geschäftsführer Ralf Minge (l.) und der Aufsichtsratsvorsitzende Jens Heinig. Tragen sie weiter gemeinsam Verantwortung? © Robert Michael

Dresden. Wie geht es weiter bei Dynamo Dresden? Die Frage ist grundsätzlich geworden durch die Auswirkungen des Coronavirus. Derzeit ruht der Ball und es ist völlig unklar, wann diese Saison weitergeht - und ob überhaupt. "Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, wie eine weitere Planung funktionieren soll", sagt Jens Heinig, Dynamos Aufsichtsratsvorsitzender.

Das betrifft auch eine für den Verein wichtige Personalie. Der Vertrag von Ralf Minge als für den Sport verantwortlicher Geschäftsführer läuft Ende Juni aus. Der 59-Jährige, Vereinsidol und Identifikationsfigur, hatte zuletzt vor dem Spiel in Regensburg zu seiner Zukunft Stellung genommen - und sie offen gelassen: "Ich hänge an Dynamo, nicht an diesem Job", hatte Minge im Interview mit Sky gesagt.

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Die bislang letzte öffentlich bekannt gewordene Position des Vereins war es, im Aufsichtsrat spätestens Anfang Februar mit dem leitenden Angestellten zu sprechen. „Wir wollen uns zunächst grundsätzlich darüber austauschen, welche Ansätze, Vorstellungen und Konzepte er für die nächste Saison und die weitere sportliche Entwicklung hat“, sagte Thomas Kunert Mitte Januar im Gespräch mit der SZ. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Gremiums, das über die Besetzung der Geschäftsführung entscheidet.

"Es müssen beide Seiten wollen"

Im Trainingslager in Spanien galt die volle Konzentration dem Kampf um den Klassenerhalt, doch nun wissen Dynamos Trainer Markus Kauczinski, Chefscout Kristian Walter und Sport-GeschäŠftsfüŸhrer Ralf Minge(v. l.) nicht, wie es in der 2. Bundesliga überhau
Im Trainingslager in Spanien galt die volle Konzentration dem Kampf um den Klassenerhalt, doch nun wissen Dynamos Trainer Markus Kauczinski, Chefscout Kristian Walter und Sport-GeschäŠftsfüŸhrer Ralf Minge(v. l.) nicht, wie es in der 2. Bundesliga überhau © Lutz Hentschel

Doch bisher ist keine Entscheidung gefallen. "Es müssen immer beide Seiten wollen", meint Heinig nun auf Nachfrage der SZ - und so gibt es nur einen offenen Zwischenstand: "Wir haben natürlich miteinander gesprochen, sind aber noch zu keinem Ergebnis gekommen." Die Gespräche seien jedoch wegen der Corona-Krise erst einmal hintenan gestellt worden. "Wir sind von dem Thema überrumpelt worden, haben als Verein alle Veranstaltungen abgesagt, auf der Geschäftsstelle eine Notbesetzung", erklärt Heinig. Der 61-Jährige ist seit 2007 ehrenamtlicher Aufsichtsrat bei Dynamo, seit 2014 als Vorsitzender.

"Aufgrund der prekären Situation müssen wir einen Notfallplan realisieren und alle Maßnahmen ergreifen, um die Menschen zu schützen. Das hat oberste Priorität", betont Heinig, der sich als Geschäftsführer der Veolia Umweltservice Ost GmbH & Co. KG unmittelbar mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie auseinandersetzen muss. "Wir werden sicher telefonieren, aber wann wir zu einer Entscheidung kommen, ist derzeit offen und nicht absehbar."

Anders als der für die Finanzen zuständige Geschäftsführer Michael Born hatte Minge seinen Vertrag im Februar 2018 um zwei und nicht um drei Jahre verlängert. Der einstige Torjäger und DDR-Nationalspieler war im Februar 2014 als Sportchef zu Dynamo zurückgekehrt, zuvor hatte er diese Funktion bereits von 2007 bis zu seinem Rücktitt am 2. April 2009 ausgebübt. Minge hatte damals die Verträge zur Stadionnutzung wegen der hohen Kosten nicht unterschrieben, weil er darin eine erhebliche Benachteiligung des Vereins im Wettbewerb erkannte. Er hatte Expertisen eingeholt und sich für alternative Lösungen eingesetzt, die vom Stadtrat jedoch nicht in Erwägung gezogen wurden.

Trainer-Projekt als persönliche Niederlage

Ralf Minge (l.) hatte Cristian Fiel zu seinem Trainer-Projekt erklärt, ihn im Februar 2019 zum Chefcoach befördert. Doch nicht mal zehn Monate später erfolgte die Trennung - für den Sportchef auch eine persönliche Niederlage.
Ralf Minge (l.) hatte Cristian Fiel zu seinem Trainer-Projekt erklärt, ihn im Februar 2019 zum Chefcoach befördert. Doch nicht mal zehn Monate später erfolgte die Trennung - für den Sportchef auch eine persönliche Niederlage. © Foto: Ronald Bonß

An die Zusagen der Stadt, die Belastung durch einen höheren Betriebskostenzuschuss auszugleichen, glaubte er nicht. Tatsächlich musste die finanzielle Unterstützung in den Jahren danach gegen erhebliche politische Widerstände durchgesetzt werden. Inzwischen gibt es eine Einigung, allerdings muss der Stadionnutzungsvertrag neu verhandelt werden.

Minge steht in seiner zweiten Amtszeit als Sportgeschäftsführer bei Dynamo maßgeblich für den sportlichen Neuaufbau nach dem Abstieg 2014. Damals verglich er den Verein mit einem Patienten auf der Intensivstation. Unter seiner Führung hat sowohl die Profi-Mannschaft als auch der Nachwuchs positiv entwickelt, auch wenn die derzeit unterbrochene Saison enttäuschend verlief.

Die Verantwortung dafür hat Minge bereits während der Mitgliederversammlung im November übernommen, wenig später musste er sein selbsternanntes "Trainer-Projekt" mit Cristian Fiel beenden. Wer Minge kennt, weiß, wie sehr er das als eine persönliche Niederlage empfindet. Im Frühjahr 2018 hatte er sich auf ärztlichen Rat eine Auszeit nehmen müssen, danach selbst von Burn-out gesprochen. "Es ist ein Punkt, den Spagat zwischen Belastung und Belastbarkeit hinzukriegen", sagte er nach seiner Rückkehr vier Monate später - und erzählte: "Der eine Arzt hat es ganz gut formuliert: ,Herr Minge, Sie sind nicht Pförtner bei Dynamo, und Sie sind nicht 30 Jahre alt`. Dem muss man Rechnung tragen."

Es sei viel passiert, meint Heinig, auch mit seiner Krankheit. "So etwas prägt. Wir sind alle keine 30 mehr. Deshalb muss man sich ganz genau überlegen, wie man weitermachen will", betont der Aufsichtsratschef.

"Nicht so einfach hinschmeißen"

Im Juni 2010 hat sich Reiner Calmund (l.) als Dynamos Berater gemeinsam mit Hans-Jürgen "Dixie" Dörner (r.) und Ralf Minge für den Verein engagiert, der finanziell und personell in Turbulenzen steckte.
Im Juni 2010 hat sich Reiner Calmund (l.) als Dynamos Berater gemeinsam mit Hans-Jürgen "Dixie" Dörner (r.) und Ralf Minge für den Verein engagiert, der finanziell und personell in Turbulenzen steckte. © Steffen Unger

Das heißt wohl, letztlich bestimmt Minge selbst, ob er weitermacht. "Wir sind ein Gremium, das entscheidet", sagt Heinig - und hat seine eigene Meinung: "Ja, ich halte Ralf für eine ganz, ganz wichtige Person für den Verein. Es wäre ein riesiger Verlust, wenn er komplett raus wäre." Das lässt die Möglichkeit offen, Minge in einer anderen Funktion zu binden. "Es gibt immer Alternativen", erklärt Heinig auf Nachfrage. "Wir sind ein großer Verein, haben viele Aufgaben zu bewältigen. Ich persönlich werde mich sehr dafür einsetzen, dass Ralf dem Verein erhalten bleibt."

Ähnlich hatte sich Reiner Calmund im Gespräch mit der SZ geäußert. Für den einstigen Manager von Bayer Leverkusen ist Dynamo ohne Minge schwer vorstellbar. "Sein Standing in der Stadt, bei den Sponsoren und in den Verbänden ist enorm, hier könnten mit Sicherheit auch andere wichtige Aufgaben für ihn gefunden werden", sagt der 71-Jährige, der Dynamo 2010/11 als Berater unterstützt hat.  Minge werde den Job aus Verantwortungsbewusstsein nicht so einfach hinschmeißen.

Derzeit sei es jedoch schwierig, überhaupt für die nächsten zwei, drei Wochen zu planen, erklärt Heinig. Fakt ist auch: Einige Spieler-Verträge enden zum 30. Juni. Bis dahin müsste die Saison also durch sein, sofern sie zu Ende gespielt wird. Ob es so kommt, kann derzeit niemand seriös sagen. Umso wichtiger wäre es für Dynamo, Sicherheit für die Zeit nach der Corona-Pause zu bekommen,  um schnell reagieren zu können.

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Ein Nachfolger von Minge müsste mit einer öffentlichen Ausschreibung gesucht werden, sich ein Auswahlverfahren anschließen. Eine interne Lösung - etwa mit Chefscout und Kaderplaner Kristian Walter, der Minge während dessen Auszeit vertreten hat - erscheint unwahrscheinlich. Zumindest dürfte eine solche Variante im Aufsichtsrat kontroverser diskutiert werden als eine Vertragsverlängerung mit Minge.