merken
PLUS

Dynamo

Das wäre Dynamos Vorteil bei einem Geisterspiel

Fußballspiele sind vorerst abgesagt. Zu Partien ohne Fans kann es dennoch kommen. Sportpsychologe Fabian Pels sagt, wie Dynamo davon profitieren würde.

Dynamo kennt Geisterspiel-Atmosphäre wie hier im Februar 2015 gegen Erfurt, auch Testspiele haben die Dresdner zuletzt öfter vor leeren Rängen bestritten.
Dynamo kennt Geisterspiel-Atmosphäre wie hier im Februar 2015 gegen Erfurt, auch Testspiele haben die Dresdner zuletzt öfter vor leeren Rängen bestritten. ©  Robert Michael

Dresden/Köln. Einer geht noch. Das meinten zumindest die Verantwortlichen bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) am Freitagvormittag. Eigentlich wollten sie die Spieltage in den Bundesligen am Wochenende trotz der Corona-Pandemie durchziehen und erst ab Dienstag eine Pause bis 2. April einlegen. Doch daraus wird nun nichts, der Spielbetrieb ist vorerst eingestellt.

Nachdem bei Dynamos Gegner Hannover 96 zwei Profis positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden waren, meldete auch der 1. FC Nürnberg einen Fall. Die Spieler und Betreuer beider Zweitliga-Mannschaften wurden in häusliche Quarantäne geschickt. Außerdem hatte die Stadt Bremen die für Montagabend angesetzte Bundesliga-Partie von Werder gegen Leverkusen bereits abgesagt, weil sie trotz des Zuschauer-Ausschlusses mindestens 2.000 Menschen rund ums Weserstadion erwartete.

Anzeige
Zwischen Säge und Spänen

Wer Lust auf eine kreative und coole Ausbildung hat, der sollte nicht lange zögern und sich für eine Lehre zum Tischler bewerben!

Am Montag sollen die Vertreter der Vereine über den Vorschlag der DFL entscheiden, bis Anfang April alle Liga-Spiele auszusetzen. Ziel sei es aber nach wie vor, die Saison zu Ende zu spielen. Schon jetzt ist es jedoch keine normale mehr. Das erste Geisterspiel in der Bundesliga-Geschichte hatte am Mittwoch Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln mit 2:1 gewonnen.

Vor der generellen Absage hat Sportpsychologe Dr. Fabian Pels im Interview mit sächsische.de erklärt, wie sich leere Ränge auswirken. Seine Expertise bleibt aktuell, denn ob es nach einer Pause mit oder ohne Zuschauer weitergeht, ist derzeit völlig offen.

Herr Dr. Pels, hätte der Fußball eher auf die Krise reagieren müssen?

Ich bin kein Mediziner, kein Virologe. Solche Einschätzungen sollten wir den Experten überlassen. Auf jeden Fall ist es wichtig, dass eine einheitliche Linie gefahren wird.

Sind Geisterspiele für Sie Wettbewerbsverzerrung?

Die wäre es dann, wenn manche Spiele keine Geisterspiele wären. Ich weiß nicht, ob ich den Begriff im engeren Sinne verwenden würde, aber allein durch die Tatsache, dass sich einige wie gewohnt vorbereiten könnten, andere nicht, wäre die Gleichheit der Spiele untereinander nicht gegeben.

Wie verändert sich das Spiel ohne Zuschauer im Stadion?

Das beginnt schon vorher, wenn man den Rasen zum Aufwärmen betritt, und nicht wie sonst mit Applaus, Jubel oder auch Pfiffen empfangen wird. Von da an ist es eine ungewohnte Situation, die häufig dazu führt, dass man verunsichert ist, insbesondere, wenn der Rahmen grundsätzlich bleibt: Es ist ein Bundesliga-Spiel, ein Bundesliga-Stadion, es geht um etwas. Trotzdem ist es eine völlig neue Erfahrung und führt dazu, dass sich Spieler unwohl und verloren fühlen können. Es fühlt sich komisch an, haben einige nach bisherigen Geisterspielen berichtet.

Dr. Fabian Pels, 32 Jahre, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln.
Dr. Fabian Pels, 32 Jahre, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln. ©  privat

Wie kann man sich darauf vorbereiten?

Man sollte versuchen, zu simulieren, wie es sich anfühlen wird, indem man zum Beispiel ein oder zwei Trainingseinheiten im leeren Stadion absolviert. Man kann auch besprechen, welche Möglichkeiten sich ergeben, dass man zum Beispiel über 30, 40 Meter kommunizieren kann.

Aber Gegner hört mit …

Das stimmt. Es kann dazu führen, dass die Atmosphäre gereizter ist als sonst. Das hat Markus Gisdol, Trainer des 1. FC Köln, nach dem Geisterspiel gegen Gladbach berichtet. Für ihn sei das Coaching ungewohnt gewesen, weil die gegnerische Bank alles mitbekommen hat, auch die Kommunikation der Schiedsrichter war zu hören. Das mache es aufregender.

Wäre es für Dynamo ein Vorteil, dass die Mannschaft aus organisatorischen Gründen einige Testspiele – zuletzt beim VfB Stuttgart – ohne Zuschauer ausgetragen hat?

Ja, das kann ein Vorteil sein, weil man diese Atmosphäre schon gewohnt ist. Die Spieler wissen, wie es sich anfühlt. Das ist natürlich hypothetisch, aber sonst kennt man das vielleicht von Testspielen im Sommer, wenn nur wenige Zuschauer dabei sind. Allerdings geht es dann auch um deutlich weniger. Jetzt geht es um wichtige Punkte. Zudem ist der Rahmen ein anderer, oft finden solche Partien auf Sportplätzen oder in kleineren Stadien statt.

Was raten Sie Spielern, wie sie mit Geisterspiel-Atmosphäre umgehen sollten?

Sie sollten sich darauf konzentrieren, was sich überhaupt nicht ändert, also dass sie vom Trainer eine bestimmte Marschroute auf den Weg bekommen, wie sie spielen sollen. Das bleibt gleich, ist etwas Altbekanntes und kann einem Sicherheit geben.

Wie gelingt es, die äußeren Umstände auszublenden?

Es könnte ein Ansatz sein, zu gucken, was ich jetzt tun muss, handlungsorientiert zu sein. Also sich auf das zu konzentrieren, was getan werden muss und nicht darüber nachzudenken, was hätte sein können. Man kann versuchen, sich vorher in diese Situation hineinzuversetzen und sich vor seinem geistigen Auge vorzustellen, dass man in einem leeren Stadion ganz normal Pässe spielt – die bekannten Handlungsabläufe. Mit dieser Vorwegnahme dessen, was kommt, im Kopf absolviert man eine Art mentales Training.

Was wird aus dem Heimvorteil?

Groß angelegte Studien haben gezeigt, dass es den Heimvorteil objektiv gar nicht gibt – auch unter der Berücksichtigung von Faktoren wie Anzahl der Zuschauer und Auslastung der Stadien. Folglich kann man nicht behaupten, dass er jetzt wegfällt. Gleichwohl ist es so, dass es sich emotional für Spieler besser anfühlt, wenn das Stadion gut gefüllt ist und einen die Fans unterstützen. Wenn man nur auf die nackten Ergebnisse schaut, muss man jedoch sagen, gibt es den Heimvorteil nicht.

Demnach ist es keine Chance für Vereine, die sonst weniger Zuschauer haben?

Dabei müsste man unterscheiden: Ist es ein großes Stadion, das wenig gefüllt ist oder ein kleines, das voll besetzt ist. Die Zuschauerzahl ist relativ zu betrachten. Deshalb kann man dazu keine pauschale Aussage treffen, aber interessant in dem Zusammenhang fand ich die Aussage von Toni Leistner (Ex-Dynamo-Profi/d. Red.) vom 1. FC Köln, der meinte: Ein komplett leeres Stadion ist für keinen ein Vorteil.

Und aus sportpsychologischer Sicht?

Es ist eine Herausforderung, auf die man sich vorbereiten und mit der man umgehen kann, auch wenn es nicht die Situation ist, die wir uns alle wünschen.

Gibt es einen Ersatz für die Stimmung, sollte man Fangesänge über Lautsprecher einspielen?

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Corona: Das sagen Dynamos Chefs zur Lage

Der Verein reagiert auf die Corona-Krise - und lässt die Profis weiter zu Hause trainieren. Die Folgen für den Verein sind unabsehbar.

Symbolbild verwandter Artikel

Bundesliga-Chef denkt an Geisterspiele

Die höchsten deutschen Fußball-Ligen pausieren vorerst bis 2. April. Und DFL-Geschäftsführer Seifert wirbt schon mal um Verständnis für Spiele ohne Zuschauer.

Symbolbild verwandter Artikel

Was bedeutet die Absage für Dynamos Abstiegskampf?

Nach einem zweiten Corona-Fall steht die Mannschaft von Hannover 96 unter Quarantäne. Das Spiel fällt aus, doch die Konkurrenz kann auch nicht punkten.

Symbolbild verwandter Artikel

Corona-Infizierte waren beim Sachsenderby

Beim Fußball-Zweitligaspiel Dynamo Dresden gegen Erzgebirge Aue waren zwei Personen, die mit dem Coronavirus infiziert sind, im Stadion.

Symbolbild verwandter Artikel

Setzt endlich den Spielbetrieb aus

Die deutsche Eishockey-Liga hat es vorgemacht - und alle Spiele abgesagt. Das sollte beim Fußball auch passieren. Ein Kommentar.

Ich denke, so etwas wirkt sehr künstlich. Die Spieler wissen doch, dass es nicht die wahre Atmosphäre ist. Darum würde ich persönlich sagen, dass es keinen Vorteil bringt, aber das ist ein schwieriges Thema.

Wird denn ohne Zuschauer genauso viel Adrenalin ausgeschüttet?

Für hormonelle Reaktionen bin ich kein Experte, kann dazu nichts sagen.

Das Gespräch führte Sven Geisler.