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Fünf Fragen nach dem Skandal beim Dynamo-Spiel

Beim Gewaltausbruch von Fans werden auf St. Pauli Ordner und Polizisten verletzt. Wie konnte es dazu kommen, wie reagieren die Vereine und was berichten Augenzeugen?

Die Polizei greift im Stadion schnell ein, drängt die Gewalttäter zurück. Eine Leuchtrakete fliegt vom Stadiondach zurück auf die Zuschauer.
Die Polizei greift im Stadion schnell ein, drängt die Gewalttäter zurück. Eine Leuchtrakete fliegt vom Stadiondach zurück auf die Zuschauer. © dpa/Christian Charisius

Dieser Wutausbruch lässt einen zusammenfahren. Mathias Hain, 47 Jahre und einstiger Profi, ist außer sich, brüllt im Gang zur Kabine, bis ihm die Adern schwellen. „So ein Pack!“, schimpft der Torwart-Trainer des FC St. Pauli und meint jene Dynamo-Fans, die nach dem Schlusspfiff Ordner und Polizisten gewalttätig attackiert haben. „Die treten auf 65-jährige Ordner ein. Für jeden Scheiß gibt es Regeln, dafür nicht“, schrie Hain – und forderte: „Die müssen raus aus der Liga!“

Verständlicher Ärger. Doch wie ist das zu erklären, was am Freitagabend direkt nach dem Abpfiff der torlosen Partie zwischen dem FC St. Pauli und Dynamo Dresden passierte? Wie konnte es dazu kommen? Es ist eine differenziertere Sicht nötig, als sie Hain und andere in der ersten Emotion haben konnten. Die SZ beantwortet die fünf wichtigsten Fragen.

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Welche gesicherten Erkenntnisse gibt es bisher zum Geschehen?

Eine Gruppe Dynamo-Fans hat versucht, in andere Zuschauerbereiche zu klettern, um auf Anhänger des FC St. Pauli loszugehen. Zunächst kamen Ordner zum Einsatz, die Polizei griff sehr schnell ein. Die Attacken der Gewalttäter richteten sich nun gegen die Sicherheitskräfte. Laut Polizei wurden zwölf Ordner und sechs Beamte verletzt, der FC St. Pauli schrieb in einer Mitteilung am Samstag von 13 verletzten Ordnern, von denen vier im Krankenhaus behandelt werden mussten. Auch eine Leuchtrakete wurde gezündet, flog unters Tribünendach und von dort zurück in die Zuschauer.

Im Zuge der Partie hatte es 22 Festnahmen gegeben, nicht alle bei den Vorfällen nach Spielschluss. Die Polizei hat keine Angaben zur Herkunft der Personen und den gegen die erhobenen Vorwürfen gemacht.

Was unternehmen die beiden Vereine nach den Vorkommnissen?

In schnellen Statements bei Twitter kündigte der FC St, Pauli an, das Geschehen „intensiv aufzuarbeiten“, von Dynamo hieß es, das werde „in Ruhe“ getan. St. Pauli veröffentlichte bereits am Samstag, 17.45 Uhr, eine erste Stellungnahme. Darin wird eingeräumt, dass den Vorkommnissen „Provokationen beider Seiten während des Spiels“ vorausgegangen waren. Dazu zählten die Aufkleber mit dem Dynamo-Emblem, auf dem statt des D eine fallende Bombe zu sehen war und der Schriftzug Dresden in Flammen stand. Die verhöhnende Darstellung von Bombenangriffen sei „mit den humanitären Grundsätzen des Vereins nicht vereinbar“. Keine dieser Provokationen rechtfertige jedoch die Anwendung körperlicher Gewalt und die Inkaufnahme von Verletzten. Dynamo werde die Aufarbeitung in dieser Woche fortsetzen, hieß es auf Nachfrage.

Was sagen Trainer und Spieler zu den Vorfällen nach dem Abpfiff?

Anders als der wütende Hain hielten sich die Trainer zurück. „Ich habe gesehen, dass sie aneinandergeraten sind, aber ich kann nicht einschätzen, was dort vorgefallen ist“, sagte Dynamos Chefcoach Markus Kauczinski. Grundsätzlich gehöre so etwas nicht zum Fußball, ergänzte sein Kollege Jos Luhukay. „Das ist schade, weil es ein Fußballfest sein sollte“, sagte der Niederländer. „Die Auswärtsfans tragen dazu bei, dass wir bei unseren Heimspielen eine fantastische Kulisse haben. Das ist in Dresden nicht anders.“ Dynamo-Profi Chris Löwe erklärte: „Wir kommen zum Fußball, wollen Spaß haben. So etwas gehört nicht dazu. Schade, dass es passiert ist.“

Szenen direkt nach dem Schlusspfiff: Ein gewalttätiger Dynamo-Fan attackiert einen Ordner mit einem Fußtritt.
Szenen direkt nach dem Schlusspfiff: Ein gewalttätiger Dynamo-Fan attackiert einen Ordner mit einem Fußtritt. © dpa/Christian Charisius

Wie reagieren Dynamo-Fans auf die Vorwürfe?

Der SZ liegt eine ausführliche Schilderung der Ereignisse aus der Sicht zweiter Mitglieder des Dynamo-Fanclubs „Exil53“ vor. „Während der kompletten zweiten Halbzeit wurden wir im Gästeblock von den Heimfans links von uns und über uns bespuckt, beworfen und beschimpft“, schreiben Ingo (38 Jahre) und Yvonne (27) aus Mannheim, die sich mit dem Stadion-Erlebnis einen schönen Valentinstag machen wollten. Doch nach Abpfiff sei es eskaliert. Begleitet von Nazi-Rufen und Spuck-Attacken seien Becher geflogen: erst leere, dann mit Bier gefüllte – „und der Gipfel: mit Urin gefüllte Becher“. Einer habe einen Mann mit seinem Sohn getroffen. „Dann hörten wir, wie einer rief: ,Das ist Pisse!‘ Daraufhin marschierten die Fans in Richtung Heimbereich.“ Die beiden Fans betonen: „Gewalt ist keine Lösung, und wir wollen das nicht runterspielen.“ Trotzdem müsse man bei der Aufklärung Ursache und Wirkung betrachten. Wer jetzt auf die „Scheiß Dynamo-Fans“ schimpfe, sollte auch das Sicherheitskonzept überprüfen. Dazu stellen sie sechs Fragen, die vor allem auf die mangelhafte Trennung der Heim- von den Gäste-Fans abzielen: „Wieso werden Heimfans direkt über dem Gästeblock platziert?“

Allerdings wird auch in Richtung der St. Pauli-Anhänger gefragt: „Wieso können einzelne Verwirrte in Ruhe in Bierbecher urinieren und diese auf andere Menschen werfen, ohne dass dies jemand unterbindet?“ „Wieso kann eine ganze Tribüne andere Menschen als Nazi bezeichnen, ohne diese zu kennen. Wieso schreitet kein Stadionsprecher ein?“ Es sei für sie nicht zu ertragen, dass nun Dynamo wegen der Überreaktion einiger Fans als Randaleverein dargestellt wird, erklären Ingo und Yvonne.

Warum kommt es zwischen St. Pauli und Dynamo zu Provokationen?

Zwischen den Fanlagern beider Vereine kommt es seit Jahren zu Provokationen. Dabei werfen die als politisch links geltenden St.-Pauli-Anhänger den Dresdnern vor, Neonazis in ihren Reihen mindestens zu dulden. Ihre Attacken zielen auf das Gedenken der Dresdner an die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Diesmal hing vor Anpfiff ein Banner mit der Aufschrift: „Sowas kommt von sowas. Gegen den doitschen Opfermythus.“ Vor zwei Jahren hatten sie davor gesetzt: „Schon eure Großeltern haben für Dresden gebrannt …“

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Dynamo-Fans sind bei den Begegnungen mehrfach mit frauenfeindlichen Spruchbändern sowie Körperverletzungen und Vandalismus im Stadion aus der Rolle gefallen. Im Dezember 2018 wurde ein Hitlergruß angezeigt. Zuletzt kam es beim Hinspiel in Dresden im September 2019 zu Vorkommnissen, zwei Ordner wurden vom Dienst suspendiert, weil sie T-Shirts mit einer eindeutig nationalsozialistischen Botschaft trugen. Das Amtsgericht Dresden verhängte gegen die beiden Männer, 47 und 29 Jahre alt, Geldstrafen. Der Verein wurde vom Sportgericht für Banner mit sexistischem und menschenverachtenden Inhalt zu von 45.000 Euro verurteilt.