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„Dynamo? Für mich jetzt als Fan“

Ulf Kirsten spricht über neue Erfahrungen, seine Beziehung zu Dynamo, seinen Sohn Benny und sein Glück als Opa.

Ulf Kirsten hat Dynamo zu zwei Meistertiteln geschossen, war bester Torjäger der Bundesliga in den 1990-er Jahren.
Ulf Kirsten hat Dynamo zu zwei Meistertiteln geschossen, war bester Torjäger der Bundesliga in den 1990-er Jahren. ©  Foto: Robert Michael

Entspannt sitzt Ulf Kirsten in der Lobby des Hotels, schlank und athletisch wie eh und je, die schwarzen Haare vielleicht ein bisschen dünner geworden, aber unverkennbar. Als Stürmer hat er Dynamos erfolgreiche Zeit in den 1980er-Jahren geprägt, bei Bayer Leverkusen wurde er danach dreimal Torschützenkönig in der Bundesliga, seine 100 Länderspiele verteilen sich fast genau auf die DDR (49) und das wiedervereinigte Deutschland (51).

In dieser Woche ist der 53-Jährige mal wieder in Dresden, hat unter anderem mit Autor Uwe Karte das Buch über Jörg Stübner vorgestellt. Im Interview mit der SZ redet er über seinen verstorbenen Freund, verrät sein neues Projekt und erzählt, wie er die Stimmung im Fanblock erlebt.

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Was machen Sie eigentlich, Ulf Kirsten?

Nachdem ich 2011 als Trainer bei Bayer Leverkusen II aufgehört hatte, war ich für zwei Agenturen tätig, habe Spieler beraten und Veranstaltungen organisiert. Doch so ein Bürojob war nichts für mich. Bei einem gemütlichen Frühstück mit zwei Freunden fiel uns auf: Alles wird im Internet verglichen, nur für Sportwetten gibt es das nicht. Wir haben ein Vergleichsportal entwickelt, sind seit August online, in den nächsten Wochen wird die App fertiggestellt.

Wie funktioniert das?

Auf unserem Portal bking24.com bekommen Tipper direkt angezeigt, wo es für ihre Tipps die beste Quote gibt, sie müssen nicht das Netz durchstöbern. Bei uns werden 26 Anbieterdirekt verglichen, alle bekannten eingeschlossen. Das gibt es in 17 Sprachen, man kann es weltweit nutzen.

Sind Sie selbst ein Zocker?

Nein, ich habe auch mal einen Tipp abgegeben, aber das ist nicht meine Leidenschaft. Auf unserer Seite dürfte ich sowieso nicht selber spielen.

Wie ist Ihr Kontakt zum Fußball?

Ich bin oft auf Reisen, viel mit Dynamo auswärts unterwegs: Berlin, Stuttgart, in Nürnberg werde ich dabei sein, diesen Samstag beim Heimspiel gegen Kiel. Das ist eine emotionale Sache, ich sehe mich als Fan.

Dynamo-Legenden unter sich im Juni 2007 beim Benefizspiel im alten Rudolf-Harbig-Stadion (v. l.): Maik Wagefeld, Ulf Kirsten, Heiko Scholz und Ralf Minge. 
Dynamo-Legenden unter sich im Juni 2007 beim Benefizspiel im alten Rudolf-Harbig-Stadion (v. l.): Maik Wagefeld, Ulf Kirsten, Heiko Scholz und Ralf Minge.  © Archivfoto: Robert Michael

Dann müssen Sie im Moment leiden, fürchten Sie, dass Dynamo absteigt?

Nein, ich bin überzeugt, dass die Mannschaft die Qualität hat, sich in der zweiten Liga zu behaupten. Wenn ich das Pokalspiel in Berlin sehe, das haben sie ja nicht verloren, sondern unentschieden gespielt und das 3:3 äußerst unglücklich gekriegt. Für mich war es unverständlich, dass man nach 90 Minuten vier nachspielen lässt und nach 15 Minuten drei. Wenn dann der Bundesligist im Elfmeterschießen die stärkeren Nerven hat, ist das normal. Die Mannschaft hat gezeigt, wozu sie imstande ist. Auch drei Tage danach in Stuttgart, wo man leider zwei Riesenchancen zum 2:2 ausgelassen hat. Ein Unentschieden beim VfB wäre ein Riesen-Schub gewesen.

Zuletzt gab es stattdessen in Hamburg den nächsten Nackenschlag …

Natürlich müssen sie aufpassen, nicht den Anschluss ans Mittelfeld zu verlieren, aber der Abstand ist noch überschaubar. Da muss man nicht in Panik verfallen, weil man gerade auf einem Abstiegsplatz steht. Der Vorstand bei Dynamo geht relativ entspannt damit um, ohne die Situation zu verharmlosen, sie aber auch nicht zu dramatisieren. In der Winterpause kann personell noch mal nachgelegt werden, auch wenn das eher schwierig ist. Welche Spieler kriegst du da? Aber ich bin zuversichtlich, dass sie es schaffen.

Haben Sie Kontakt mit Ralf Minge?

Nein.

Sie waren viele Jahre befreundet. Das Tischtuch ist zerschnitten?

Man grüßt und respektiert sich. Der Verein hat mit ihm in den vergangenen Jahren Großartiges geleistet, sich wirtschaftlich von 7,5 Millionen Euro Schulden zu 4,5 Millionen Gewinn entwickelt. Das ist sensationell. Ich habe mir gerade das neue Trainingszentrum angeschaut, das richtig geil wird. Deshalb bin ich guter Dinge, was die Zukunft des Vereins angeht.

Können Sie sich vorstellen, selber Verantwortung zu übernehmen?

Ich wurde in den letzten fünf, sechs Jahren dreimal gefragt, habe dreimal zugesagt.

Worum ging es bei den Anfragen?

Darauf will ich nicht genauer eingehen. Nicht als Trainer. Aber es ist von Dynamo-Seite nie konkret geworden. Deswegen bin ich jetzt als Fan unterwegs. Das ist eine neue Erfahrung, und es macht mir großen Spaß, im Block zu stehen, auch mal eine Rauchbombe um die Ohren zu kriegen.

Wie erleben Sie die Stimmung?

Man sieht, wie die Jungs mitfiebern, mitleiden und voller Enthusiasmus die Mannschaft unterstützen. Bei diesen Fans kannst du verlieren, wenn sie das Gefühl haben, du hast dir den Hintern aufgerissen. Sie haben ein Gespür, ob sich jeder hundertprozentig aufopfert. Andernfalls haben sie auch das Recht zu pfeifen.

Sind Sie lieber im Fanblock als im Vip-Raum?

Jein. Man kommt im Fanblock ins Gespräch, kann fluchen, wie man es auf der Vip-Tribüne eher nicht macht. Und auf das Essen im Vip-Raum kann ich verzichten.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie im Fanblock erkannt werden?

Das ist immer respektvoll, nie so, dass ich sagen würde: Ich habe die Nase voll. Sie fragen höflich, ob sie zum Beispiel ein Foto machen können.

Für eine Ost-Auswahl sind Ulf Kirsten (l.) und sein Sohn Benjamin, genannt Benny, im November 2010 im Leipziger Zentralstadion gemeinsam aufgelaufen.
Für eine Ost-Auswahl sind Ulf Kirsten (l.) und sein Sohn Benjamin, genannt Benny, im November 2010 im Leipziger Zentralstadion gemeinsam aufgelaufen. © Archivfoto: Robert Michael

Was ist es für ein Gefühl, immer noch gefragt zu sein?

Das ist eine Anerkennung deiner Leistung, die du als Spieler gebracht hast. Das ist allerdings schon sehr lange her, vielleicht habe ich ein so markantes Gesicht, dass mich alle noch erkennen. Was mich besonders freut, wenn ich mit Benny angesprochen werde – ich will nicht sagen, wer jünger aussieht. (lacht)

Ihr Sohn Benjamin hat von 2008 bis 2015 bei Dynamo gespielt, war Stammtorwart beim Aufstieg und in der zweiten Liga. Jetzt ist er bei Lok Leipzig. Wie bewerten Sie seine Karriere?

Ich bin unheimlich stolz auf ihn. Ein Torwart-Trainer in Leverkusen hatte gesagt: Das wird nie was, er werde bestenfalls vierte, fünfte Liga spielen. Aber Benny hat es, ohne den Namen zu benutzen, durch seine Mentalität, seine Besessenheit und Willenskraft geschafft und sich seinen Traum erfüllt, für Dynamo aufzulaufen. Das stand für ihn von klein auf obenan. Er ist 2014 bester Torwart der zweiten Liga gewesen, in der Saison davor nach Noten (im Kicker/d. Red) sogar bester Spieler.

Wurde er zu wenig gewürdigt?

Nein, er hat seine Anerkennung bekommen von den Fans und dem einen oder anderem Offiziellen im Verein. Das Scheinheilige war noch nie unser Ding. Wenn dir einer nur auf die Schulter klopft, darauf können wir pfeifen. Er weiß, wie die Leute denken, die es ehrlich mit ihm meinen.

2015 wurde sein Vertrag nicht verlängert, was auch zu Ihrem Zerwürfnis mit Minge geführt hat …

Das war sehr, sehr bitter, für mich ein absoluter Tiefschlag. Benny hat es schneller verkraftet. Ich bin nicht sauer auf den Verein, sondern auf die betreffenden Personen. Mittlerweile ist das aber gegessen, da muss man nicht hundert Jahre nachkarten.

Benny ist zweifacher Papa, wie fühlen Sie sich als Opa?

Ich habe die Kleine vorhin von der Schule abgeholt, war mit ihr beim Gitarren-Unterricht, habe mich danach vom ganz Kleinen vollsabbern lassen. Das ist immer schön, ich genieße das wie die ganze Familie.

Das letzte Treffen der Freunde zu dritt an der Dresdner Frauenkirche im Juni 2018: Heiko Scholz, Jörg Stübner und Ulf Kirsten.
Das letzte Treffen der Freunde zu dritt an der Dresdner Frauenkirche im Juni 2018: Heiko Scholz, Jörg Stübner und Ulf Kirsten. © Foto: Uwe Karte, privat

Harter Schnitt, aber das Thema müssen wir ansprechen: Jörg Stübner ist im Juni gestorben, Sie waren nicht nur jahrelang Mitspieler, sondern befreundet. Wie denken Sie an ihn zurück?

Wir hatten zusammen eine unheimlich schöne Zeit bei Dynamo. Mit der Wende war es für ihn sehr schwer, weil viele weggegangen sind und er nicht die Angebote hatte. Das hat ihn wahrscheinlich innerlich ein bisschen zerfressen. Ich habe viel unternommen, damit er bei meinem Abschiedsspiel in Dresden dabei ist (September 2003/d. Red.). Wir waren alle froh, dass es geklappt hat, und dachten, wir können ihn wieder integrieren. Aber es war nicht so einfach.

Sie haben Ihn erst für das Buch-Projekt von Uwe Karte wiedergetroffen …

Ja, vor anderthalb Jahren. Dynamo hat ihn wieder eingebunden in der Fußballschule, es schien ein neuer Anfang zu sein. Wenn jemand so jung verstirbt, ist das tragisch.

Wie haben Sie ihn zuletzt erlebt?

Unheimlich klar, auch locker. Er war immer ein bisschen zurückgezogen, in sich gekehrt, reserviert. Aber an dem Abend total entspannt, wir haben viel gelacht, er wusste Geschichten, was wir in der Schule oder im Internat verbockt haben, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte.

Er beschrieb Ihr Verhältnis als Hassliebe. Wie bewerten Sie es?

Es war ein Konkurrenzkampf. Er war auch Mittelstürmer, als ich aus Riesa zu Dynamo gekommen bin. Er war der absolute Leader, das absolute Top-Talent. Trotzdem haben wir privat viel unternommen, das hat sich entwickelt, weil wir permanent gemeinsam unterwegs waren auch bei den Nationalmannschaften. Wir hatten ein Jahr zu zweit extra Unterricht, weil wir durch die vielen Auswahl-Einsätze den Stoff nicht mehr schaffen konnten. So sind wir immer näher zusammengerückt, es wurde eine Freundschaft. Wir sind in den Urlaub gefahren, haben Silvester gefeiert.

Hatten Sie in der Wendezeit Kontakt?

Ich habe versucht, ihn 1993 oder 1994 nach Leverkusen zu holen, mit Calli (Manager Reiner Calmund/d. Red.) gesprochen. Den Termin hat Jörg nicht wahrgenommen, kam drei Wochen später. Das war eine Phase, in der er sehr unzuverlässig war, damit hatte sich das Thema erledigt und wir haben uns leider komplett aus den Augen verloren wie viele andere ehemalige Mitspieler. Er hat den Kontakt nicht mehr gesucht.

Uwe Karte wollte über das Trio Stübner, Kirsten, Scholz schreiben, aber Sie meinten: Das Buch muss nur über Stübner gehen. Warum?

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Unsere Geschichte ist bekannt, aber von Stübs wusste man vor 1990 nicht viel, weil damals nicht so berichtet worden ist. Und danach hat man nichts mehr von ihm gehört. Das Buch soll eine Wertschätzung sein, er hat in den 1980er-Jahren unfassbar geile Spiele gemacht. Wenn ich an die Länderspiele denke, wen er alles abgemeldet hat! Mir war es wichtig, dass er die Anerkennung kriegt, die er verdient hat.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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