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Das große Dilemma für die Fußball-Fans

Die Vereine wollen bald wieder Zuschauer ins Stadion lassen – in begrenzter Zahl. Das sorgt für Kritik und wirft Fragen auf, wie eine Umfrage bei Dynamos Fans zeigt.

Neue Normalität in Corona-Zeiten: ein Geisterspiel im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion. Die große Frage bleibt: Wann dürfen auch wieder Fans dabei sein?
Neue Normalität in Corona-Zeiten: ein Geisterspiel im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion. Die große Frage bleibt: Wann dürfen auch wieder Fans dabei sein? © dpa/Robert Michael

Dresden. Zurück zur Normalität? Das wird auf unbestimmte Zeit unmöglich sein. Aber wie stellt man sich ein auf die völlig neuen Herausforderungen, wie geht man um mit dieser Corona-Pandemie? Während Virologen vor einer zweiten Welle warnen, weil viele Menschen sorgloser geworden sind, plant der Profi-Fußball bereits, wieder Zuschauer ins Stadion zu lassen. Am Dienstag steht bei der Mitgliederversammlung der 36 Klubs aus den beiden Bundesligen ein Konzept zur Abstimmung.

Die Eckpunkte: begrenzte Zuschauerzahl, keine Stehplätze, kein Alkohol, keine Gästefans. Eine klare Mehrheit dafür gilt als sicher, doch unumstritten ist dieser mögliche erste Schritt in den Alltag nicht. Für viele Fans sind die Bedingungen inakzeptabel, sie fürchten zudem, dass mit personalisierten Tickets „durch die Hintertür des Gesundheitsschutzes“ ein Instrument der Überwachung installiert werden könnte, wie die Organisation „Unsere Kurve“ erklärt.

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Personalisierte Tickets unerlässlich

Dagegen hält der Dresdner Virologe Alexander Dalpke genau das für unerlässlich. „Beim Ticketverkauf müssten die Vereine dafür sorgen, dass Infektionsketten gegebenenfalls nachverfolgt werden können“, betont der Professor, denn: „Es wird auch in Stadien Übertragungen geben, das wird nicht zu verhindern sein. Um Infektionen komplett auszuschließen, müsste man Spiele mit Zuschauern weiter verbieten.“ Die Entscheidung darüber werde letztlich in einer Risikoabwägung fallen, „die eher politisch als virologisch begründet sein kann“, meint Dalpke.

Bei steigenden Infektionszahlen könnte das Thema schnell vom Tisch sein, trotzdem muss die Debatte geführt werden – und zwar nicht nur auf höchster Verbands- und Funktionärsebene, sondern vor allem unter den Fans selbst. Das zeigt eine Umfrage der Fangemeinschaft (FG) Dynamo, an der sich mehr als 1.000 weibliche und männliche Anhänger beteiligt haben, 43 Prozent sind Vereinsmitglied und besitzen eine Jahreskarte. Dieser Fakt ist wichtig, um das – nicht repräsentative – Stimmungsbild einordnen zu können.

Alexander Dalpke leitet das Institut für Medizinische Mikrobiologie, Hygiene und Virologie im Uniklinikum Dresden.
Alexander Dalpke leitet das Institut für Medizinische Mikrobiologie, Hygiene und Virologie im Uniklinikum Dresden. © Jürgen Lösel

In ihrer Auswertung stellt die FG das Fazit voran – und es verdeutlicht die Schwierigkeit: Die eine und schnelle Lösung gebe es nicht. Sie selbst habe „noch keinen abschließenden Standpunkt“ gefunden. Der oft geäußerte Wunsch, entweder alle oder keinen ins Stadion zu lassen, sei aus Perspektive der Fans nachvollziehbar. „Inwieweit das Szenario in absehbarer Zeit realistisch ist, wagen wir nicht zu beurteilen“, heißt es. Dynamo erstellt derzeit ein Konzept für bis zu 12.000 Zuschauer bei den Heimspielen im Rudolf-Harbig-Stadion. Für die Vor-Corona-Saison war der Verkauf von Jahreskarten bei 17.000 gestoppt worden.

An der Frage, wie deutlich weniger Tickets verteilt werden sollten, scheiden sich die Geister. Nur an Jahreskartenbesitzer der Vorsaison? Diese Option erhielt bei der Online-Umfrage, bei der Mehrfachnennungen möglich waren, die meisten Stimmen (24,2 Prozent). Aber ein freier Verkauf unter allen Fans, die Abgabe je zur Hälfte an Mitglieder und Inhaber einer Dauerkarte oder ausschließlich für Mitglieder wurden ähnlich oft ausgewählt. Schlussfolgerung: „Sofern es möglich sein wird, dass Fans die Spiele wieder live im Stadion verfolgen dürfen, entsteht ein Dilemma.“

Corona-Warn-App fällt durch

Ein Losverfahren könnte die Lösung sein. Das Zufallsprinzip wird jedoch von einer deutlichen Mehrheit der Teilnehmer – mehr als 75 Prozent – abgelehnt. Genauso wenig mehrheitsfähig scheint ein Szenario zu sein, bei dem das verfügbare Kontingent im Wechsel verteilt würde. „Wir wissen um das Bemühen der Entscheidungsträger, eine möglichst faire und gerechte Lösung anzubieten“, heißt es von der Fangemeinschaft, die damit zuerst den eigenen Verein um Geschäftsführer Michael Born meint. Es sei jedoch absehbar, „dass keine volle Zufriedenheit hergestellt werden kann“. Denn grundsätzlich wollen die meisten Fans zurück in ihre Kurven, fast die Hälfte (44,7 Prozent) unabhängig von Einschränkungen. Weitere 32,5 Prozent machen ihren Stadionbesuch davon abhängig, dass die Auflagen minimal ausfallen.

Am wenigsten als problematisch empfinden die Teilnehmer dabei personalisierte Tickets und eine begrenzte Zuschauerkapazität. Das ist durchaus ein überraschendes Ergebnis, aber bei 19,4 Prozent keine Mehrheitsmeinung. Mit der Maskenpflicht im Stadion können sich demnach nur 13,8 Prozent anfreunden, ein Einlass nur mit aktivierter Corona-Warn-App ist für gerade mal 7 Prozent als Maßnahme im Hygienekonzept vertretbar. Gegen diese Vorgabe spreche sich auch die Geschäftsführung aus, weil nicht alle Fans ein modernes Smartphone besitzen, heißt es.

Initiativen befürworten schrittweise Rückkehr

Die geringste Zustimmung bekommt die Maßnahme, Gästefans auszuschließen (6,3 Prozent). Das ist schlüssig, denn viele Dynamo-Fans sind außerhalb Sachsens zu Hause und nutzen Auswärtsspiele als Gästefans, um ihren Heimatverein spielen zu sehen. Unabhängig von der Liga unterstützen durchschnittlich etwa 2.000 Anhänger in Schwarz und Gelb in gegnerischen Stadien ihre Mannschaft. Das Verbot von Stehplätzen wurde in der Frage nicht thematisiert, sondern extra aufgegriffen. Eine temporäre Bestuhlung des K-Blocks wird von etwa der Hälfte der Teilnehmer (512 Stimmen) abgelehnt, aber von fast genauso vielen befürwortet (478). Die Stehplätze seien also unverzichtbar, schlussfolgert die FG. Der Umbau wäre für Dynamo aus Kostengründen allerdings sowieso kein Thema.

Bis wieder 9.000 Fans im K-Block dicht an dicht springen und singen dürfen, wird es sicher noch Monate, vielleicht Jahre dauern. Geisterspiele auf Dauer aber würden die Vereine letztlich in ihrer Existenz gefährden. Deshalb befürworten die Fan-Initiativen eine schrittweise und vorerst limitierte Rückkehr von Zuschauern.

Gesundheitsminister beraten nächste Woche

„Das freiwillige Fernbleiben aus Solidarität, so verständlich es auch ist, würde an der kritischen Lage für die SGD nichts ändern“, erklärt die Fangemeinschaft Dynamo und verweist auf die Kosten: Bei jedem Heimspiel ohne Zuschauer büßt der Verein einen mittleren sechsstelligen Betrag ein, obwohl Ausgaben unter anderem für Sicherheit wegfallen. Außer den Ticketeinnahmen, die sich mit Geisterticket-Aktionen nicht auffangen ließen, wie es heißt, würden Sponsoren und Partner wegen fehlender Werbeleistung weniger zahlen.

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