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Fiel streicht Schubert aus Dynamo-Kader

Der Torwart ist am Freitag gegen St. Pauli nicht dabei. Der Trainer erklärt in einer Pressekonferenz seine Entscheidung - Sportchef Minge arbeitet den Fall kritisch auf.

Die Lage ernst, ihr Blick streng. Ralf Minge und Cristian Fiel äußern sich zur Personalie Markus Schubert.
Die Lage ernst, ihr Blick streng. Ralf Minge und Cristian Fiel äußern sich zur Personalie Markus Schubert. © Ronald Bonß

Dynamo spielt am Freitagabend gegen den FC St. Pauli ohne Markus Schubert. Cristian Fiel hat den Torwart am Donnerstagmorgen unter vier Augen in seinem Büro informiert, dass er nicht im Kader stehen wird. Das erklärte der Trainer bei der Pressekonferenz am Mittag. "Wir sind in einer schwierigen Situation, es geht um viel. Deshalb brauchen wir eine Stimmung im Stadion, die uns hilft." 

Fiel stellte dabei klar, dass er zwar mit Sportgeschäftsführer Ralf Minge gesprochen und die Meinung von zwei, drei Spielern eingeholt hat, aber: "Wenn irgendwann mal der Tag kommt, an dem mir jemand sagt, wie ich aufstellen muss, wird es mein letzter Tag als Trainer sein."

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Er habe das entschieden, obwohl es ihm schwer fällt. "Es war mein Gedanke: Markus Schubert ist 20 Jahre, wenn ich früh angefangen hätte, könnte er mein Sohn sein. Ich habe meinen Noah (er ist zwölf/d. A.) angeguckt und in dem Moment war für mich klar: Ich würde ihm nicht zumuten wollen, was auf ihn am Freitag zukommt." 

Schubert war bereits beim Spiel in Ingolstadt (0:1) von den eigenen Fans beschimpft und beleidigt worden. Fiel versuchte, die Reaktion der Anhänger zu erklären. "Ich bin seit neun Jahren hier. Bist du erfolgreich, lieben dich die Fans und tragen dich durch diese Stadt. Wenn es nicht so gut läuft, sie sich ungerecht behandelt fühlen, zeigen sie dir das auch", sagte er. "Das ist es, was diesen Verein ausmacht." 

Bei Schubert sei die Enttäuschung umso größer, weil sie ihn als einen Dresdner Jungen sehen, der im Verein groß geworden ist und hier die Chance bekommen hat, bereits mit 20 die Nummer eins bei einem Zweitligisten zu werden. "Mit seinem Foto würden sie zum Tätowierer gehen und sagen: Hau mir mal dieses Gesicht auf die Wade. Warum? Weil es einer von ihnen ist, weil er seit vielen Jahren hier ist, Ralf sich ganz klar positioniert hat. Man muss wissen, dass das Umfeld, die Fans einfach hochgradig verletzt sind, weil sie den Jungen lieben."

Markus Schubert wird Dynamo bald verlassen.
Markus Schubert wird Dynamo bald verlassen. © Robert Michael

Das sagt wenig später auch Minge so ähnlich, vergleicht die Trennung mit der eines Paares kurz vor der Hochzeit. "Zwischen Liebe und Hass gibt es da wenig - und Schubi ist geliebt worden. Das verkehrt sich jetzt ins Gegenteil." In einer 15-minütigen, emotional vorgetragenen Erklärung bezieht er zum ersten Mal öffentlich Stellung, seit der Verein per Pressemitteilung vor einer Woche den Wechsel von Schubert zu einem - bisher unbekannten - Bundesligisten bekannt gegeben hat. Der Sportgeschäftsführer spricht von einem tiefen Graben, der sich durch diese Personalie im Verein aufgetan habe. Er kritisiert das Hass-Plakat, auf dem Schubert als Hure beleidigt wurde, verteidigt die Reaktion der Mannschaft, die deshalb nach dem Abpfiff in Ingolstadt direkt in die Kabine gegangen war. "Das war total in Ordnung. Sich vor einen Mitspieler zu stellen, erwartet man von einem Team."

Das sei aber nur die eine Perspektive - und die andere mit Fans oder Ultras nur unzureichend beschrieben. "Das kann maximal ein Synonym sein", sagt Minge und zählt auf: Jugendtrainer, Mitarbeiter in der Nachwuchsakademie, Mitglieder, Sponsoren und Freunde des Vereins, selbst Außenstehende. Viele sind sauer auf Schubert, weniger wegen seiner Entscheidung an sich, wie der Sportgeschäftsführer betont. Es gehe um die Art und Weise. Und er sagt deutlich: "Auch ich bin verarscht worden."

"Die Tür stand lange offen"

Minge stellt den Ablauf des Vorganges noch mal detailliert dar, der im Juni 2014 als Torwart-Projekt beginnt, "als wir nicht wussten, wie es wirtschaftlich und sportlich weitergeht ". Dynamo war gerade aus der zweiten Liga abgestiegen, die Mannschaft auseinander geflogen. In der Situation setzte Minge bei Schubert auf die Talent-Prognose, wie er sagt. Als der gemeinsame Karriereplan so gut wie aufgegangen war, nämlich im vorigen Sommer, wollte der Verein mit dem Eigengewächs verlängern - und Schubert erst einmal Stammtorhüter sein. 

Das, so berichtet es Minge jetzt, hatte er zur einzigen Bedingung gemacht. Vielleicht, räumt er ein, hätte er sich darauf nicht einlassen und die Prämisse anders setzen sollen: Erst Unterschrift, dann Stammtorwart. Denn offenbar hatten Schuberts Berater andere Absichten, über das Vertragsangebot sei nie gesprochen worden. Stattdessen habe er eine vier Seiten lange Mail mit Beleidigungen erhalten, wie es sich zuvor keiner raus genommen hatte und wofür es nie eine Entschuldigung gab. "Was wir mit dem Jungen machen, wie wir ihn unter Druck setzen!"

Dabei sei, betont Minge, das Gegenteil der Fall gewesen. "Die Tür stand lange offen." Man habe Schubert selbst über die eigentliche Frist, den 10. April, hinaus Bedenkzeit gewährt. Daraufhin seien von Beratern potenzielle Nachfolger ins Spiel gebracht worden. Am 23. April habe er dem Schlussmann dann gesagt, er kenne die Konditionen und solle sich entscheiden, 24 Stunden später hat er im persönlichen Gespräch abgesagt. Was es auch für Minge schwieriger macht: Wohin es Schubert zieht, lässt der bisher offen. Möglicherweise hat er mehrere Optionen, in westlichen Medien wird derzeit wieder verstärkt über Fortuna Düsseldorf spekuliert. Trainer Friedhelm Funkel soll ihn als starken Torwart bezeichnet haben, an dem mehrere Vereine interessiert sind.

Entscheidung gegen Dynamo

"Das ist erst einmal eine Entscheidung gegen Dynamo", sagt Minge - und nennt es einen "derben Rückschlag" für den Ansatz, Talente aus dem eigenen Nachwuchs nach oben zu bringen.

Über die Aufstellung entscheide der Trainer, beteuert Minge. "Das ist in Stein gemeißelt." Aber er habe natürlich mit Fiel darüber gesprochen und stehe tausendprozentig hinter dem angekündigten Torwart-Wechsel. Man habe Schubert bisher nie infrage gestellt, auch wenn er mit seinen erst 20 Jahren nicht fehlerfrei sein kann. "Er hatte mit der Ungewissheit zu kämpfen, das muss man sagen."

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Jetzt gelte es, den Fokus auf die drei Spiele zu richten, um die Punkte für den Klassenerhalt zu holen und auch nächste Saison in der 2. Bundesliga spielen zu können. "Das wäre das vierte Jahr, das hatten wir noch nie." Wer Schubert gegen St. Pauli ersetzen wird, ließ Fiel offen. Zuletzt hatte der Trainer jedoch Patrick Wiegers als Ersatzmann den Vorzug gegenüber Tim Boss gegeben.