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Dynamo hat einen Gewinner in der Krise

Über kaum eine Position wird immer wieder so heftig diskutiert wie den Torwart – bis Kevin Broll kam. Warum ist das so?

Bis zur Krönung bei Dynamo ist es noch ein Stück, durchs Kronentor am Zwinger spaziert Kevin Broll aber wie einer, der weiß, was er kann.
Bis zur Krönung bei Dynamo ist es noch ein Stück, durchs Kronentor am Zwinger spaziert Kevin Broll aber wie einer, der weiß, was er kann. © Lutz Hentschel

Es sieht nicht gut aus für Dynamo Dresden, und für ihn selbst auch nicht. Die Nacht von Berlin wirkt nach, das Ausscheiden im DFB-Pokal gegen den Bundesligisten Hertha BSC nach Elfmeterschießen, nach einer kämpferisch hinreißenden Partie der ganzen Mannschaft, aus der er noch einmal herausragte. „Verloren ist trotzdem verloren, ich muss das erst mal sacken lassen“, meint Kevin Broll im einzigen Interview, dass der Torwart danach gibt. Am späten Mittwochabend ist das, kurz nach Schlusspfiff, kurz vor Mitternacht.

Niedergeschlagen sieht Broll aus, als er auf die zwei Fragen des ARD-Reporters antwortet, und ein bisschen konfus klingt es, was er sagt. Die Worte passen nicht recht zusammen. Doch der 24-Jährige stellt sich, lobt seine Mitspieler, die Fans. Dabei hätte er allen Grund gehabt zu schimpfen, zu kritisieren. Oder gar zu wüten, wie er es auf dem Spielfeld getan hatte.

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Aufgebracht trat Broll gegen den Pfosten seines Tores – nachdem ihm Herthas Angreifer Vedad Ibisevic zuvor mit voller Wucht am Kopf traf. Sekundenlang blieb der Torwart am Boden liegen, dann berappelte und schüttelte er sich. Weiter ging es.

Nach Kopftreffer droht Zwangspause

Dass er bei dem Zusammenprall eine Gehirnerschütterung erlitten hat, ahnt in diesem Moment vermutlich nicht mal er. Adrenalin schlägt Schmerz.

Dass etwas nicht ganz stimmt, hat Broll selbstverständlich gemerkt. Speiübel ist ihm mit Spielende und das entscheidende Elfmeterschießen deshalb viel mehr als ein Nervenspiel. Es bleibt Spekulation, was gewesen wäre, wenn der ausgewiesene Elfmeterspezialist (sechs von sieben Strafstößen hat er in der Vorsaison gehalten) ohne vorherigen Kopftreffer zwischen den Pfosten gestanden hätte.

Bekannt ist indes das Ergebnis: Herthas Torwart hält zwei Elfmeter, Broll keinen. Dynamo hat die Herzen gewonnen und reichlich Sympathie, Berlin das Spiel. Und damit nicht genug: Nun droht Broll auch noch eine Zwangspause. 

Gehirnerschütterungen sind nicht zu verharmlosen, es gibt einige Fälle, die in der Folge zum Karriere-Ende führten – und als jüngstes Beispiel den Handball-Torwart des HC Elbflorenz Dresden. Max Mohs wurde in der Partie gegen Aue vor drei Wochen am Kopf getroffen, klagte danach über Schwindel und Übelkeit. Seitdem fehlt er aufgrund eines Schädelhirntraumas.

Bei Broll ist erst einmal die Diagnose Gehirnerschütterung fest, weitere Untersuchungen und Tests fanden am Freitag statt. Doch der Trainer legt sich fest: „Wenn es etwas am Kopf ist, gehe ich nicht das Risiko ein. Da geben wir dem Jungen die Zeit, wieder fit zu werden“, sagt Cristian Fiel, der zu den großen sportlichen Sorgen womöglich noch ein erhebliches personelles Problem bekommen hat. Denn Broll, das hat das Pokalspiel deutlich gemacht, ist aus der Mannschaft derzeit schwer wegzudenken, sowohl sportlich als auch charakterlich. Der Neuzugang überzeugt mit zunehmend starken Leistungen und hat binnen kürzester Zeit in der internen Hierarchie eine führende Position übernommen.

Kicker-Empfehlung

Für Außenstehende mag das eine wie das andere überraschen. Schließlich kam Broll im Sommer vom Dorfklub Sonnenhof Großaspach – wenn auch mit der Empfehlung des Branchenblattes Kicker, das ihn in der vergangenen Saison zum zweitbesten aller Drittligaspieler kürte.

Was jetzt in Dresden aber am meisten überrascht: Broll wird selbst von den Fans mindestens akzeptiert – was bei Dynamo in den vergangenen drei, vier Jahren keine Selbstverständlichkeit mehr war.

Janis Blaswich war jung und talentiert, aber ebenso nur von einem Bundesligisten ausgeliehen wie Marvin Schwäbe. Beide hatten einen schweren Stand beim Publikum, was zum einem mit ihrem Status als Nachfolger des überaus beliebten Benjamin Kirsten zu tun hatte und zum anderen mit der inzwischen alltäglichen Anforderung, ein mitspielender Torwart zu sein. Brolls direkter Vorgänger wiederum konnte es mit Fans und Ball am Fuß, nur entschied sich Markus Schubert, seinen Vertrag nicht zu verlängern und stattdessen in die Bundesliga zu Schalke 04 zu wechseln.

Schneller als gedacht bietet sich für Dynamo nun die Möglichkeit, endlich wieder über Jahre hinaus eine feste Nummer eins zu haben. Broll besitzt dafür die Fähigkeiten und das Alter, vor allem gibt es die Vertragssituation her. Sein Kontrakt ist bis zum 30. Juni 2022 datiert.

Immun gegen die Pfiffe der Fans

Stark ist Broll auch, wenn es darum geht, die eigene Meinung zu vertreten. Von ihm gibt es Klartext, selbst wenn er anecken könnte – bei Mitspielern, Verantwortlichen oder eben Fans. Dass die unlängst beim Stand von 0:0 gegen den Erstliga-Absteiger Hannover die Mannschaft auspfiffen, habe ihn verstört, verdeutlichte er danach. Seinen Stil, den Ball aus dem Strafraum herauszuspielen statt zu schlagen, werde er jedenfalls nicht ändern. Diese Kritik hält er gern aus, Druck verspüre er nicht. Sein Credo: „Man muss einfach die Eier in der Hose haben und weitermachen. Fertig, aus!“

Selbst, wenn die Fans in der Nach-Kirsten-Ära und durch Schuberts Abgang vorsichtiger geworden sind mit Zuneigungsbekundungen, das Zeug zum Publikumsliebling hat Broll allemal – siehe Pokalspiel. „Er hat es echt überragend gemacht, das kann ich auch als sein Konkurrent sagen. Es hat nur noch gefehlt, dass er sich zum Helden im Elfmeterschießen macht. Aber es hat nicht sollen sein, und es gilt jetzt, den Blick auf Sonntag zu richten“, sagt Patrick Wiegers, der als Ersatz für die Partie beim Bundesliga-Absteiger Stuttgart bereitsteht. Auf der Bank würde dann der A-Jugendliche Stefan Kiefer sitzen, weil Profitorwart Tim Boss an einer Knieverletzung laboriert.

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Hätte, wenn und würde: Am Samstag wird noch mal in Dresden trainiert, danach macht sich Dynamo auf die Reise nach Stuttgart. „Bis dahin muss ich wissen, was mit Brollo ist“, sagt Cheftrainer Fiel. An der Ausgangssituation ändert sich so oder so nichts. Es hat schon besser ausgesehen.

  • Am Sonntag spielt Dynamo Dresden auswärts beim VfB Stuttgart. Anpfiff ist 13.30 Uhr.

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