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Dynamo-Idol Jörg Stübner: Popstar wider Willen

Als Fußballer war er ein Teenie-Schwarm und Publikumsliebling, aber was war er für ein Mensch? Jetzt gibt es eine Biografie, die ihn ehrlich charakterisiert.

So kennt man Dynamos Teenie-Schwarm der 1980er-Jahre: Jörg Stübner mit Popperlocke.
So kennt man Dynamos Teenie-Schwarm der 1980er-Jahre: Jörg Stübner mit Popperlocke. © imago/werek

Manche Kinder hauen schon mal von zu Hause ab, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen oder glauben, nicht verstanden zu werden. Bei Jörg Stübner ist es anders. Er haut ab, um nach Hause oder zu seiner Oma nach Halsbrücke bei Freiberg zu fahren. Den 13 Jahre alten Jungen plagt das Heimweh, als er zur siebenten Klasse von Halle nach Dresden an die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) kommt, also zu Dynamo. Eigentlich hätte der talentierte Stürmer zu Lok Leipzig wechseln müssen, so war es im DDR-Delegierungssystem vorgesehen. Sein Vater Joachim widersetzte sich.

Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte, nachzulesen in der Biografie „Stübner – Popstar wider Willen“. Das Buch erscheint in dieser Woche. Autor Uwe Karte wollte über ihn und einen außergewöhnlichen Jahrgang im DDR-Fußball schreiben, dabei die Dresdner Top-Talente Heiko Scholz, Ulf Kirsten und eben Stübner in den Mittelpunkt stellen. Im Verlauf der Recherche zeichnet sich jedoch mehr und mehr ab, was er selbst denkt und Kirsten nach einem Wiedersehen im Sommer 2018 so sagt: „In dem Buch muss es nur um ihn gehen! Nur Stübner und sonst nichts!“

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Das lässt sich so nicht umsetzen, schließlich haben sie ihre Jugendzeit gemeinsam verbracht, Kirsten und Stübner bildeten an der Sportschule lange eine Zweier-Klasse. Sie sollen in einem zusätzlichen Schuljahr den Unterrichtsstoff nachholen, den sie verpasst hatten, weil sie oft mit der DDR-Nachwuchsauswahl unterwegs waren. Und sie haben gemeinsam ihr Debüt in der DDR-Oberliga gefeiert, nachdem Scholz als zu klein weggeschickt worden war. Nach der Wende kam er von Lok Leipzig zurück zu seinem Jugendverein – Dynamos erster Millionen-Transfer.

Handgemenge mit Kirsten

Sie fuhren gemeinsam in den Urlaub, aber auf dem Trainingsplatz haben sie sich bekämpft: Jörg Stübner (l.) und Ulf Kirsten.
Sie fuhren gemeinsam in den Urlaub, aber auf dem Trainingsplatz haben sie sich bekämpft: Jörg Stübner (l.) und Ulf Kirsten. © Privatarchiv/Jörg Stübner

Stübner und Kirsten pflegen eine „Hassliebe“, so beschreibt Stübner das Verhältnis – und er erzählt eine Episode von einem Länderspiel in Ägypten Anfang 1989, als sie bei einem Trainingsspiel aneinandergeraten sind. „Er hatte mich am Ohr gezogen, daraufhin hab ich ihn in den Hintern getreten. So kam es zum Handgemenge. Nach einem Faustschlag, den ich dann von ihm kassierte, bin ich sofort rein gegangen. Ulf stand dann natürlich am Pranger.“

Karte hatte Stübner, als Mönch verkleidet, zum Karnevalsauftakt 1990 im Dresdner Bärenzwinger zum ersten Mal persönlich getroffen, gesprochen hat der Fußballer damals wenig. Die Schoten riss eher „Scholle“, also Scholz. Seitdem sind sie sich immer wieder begegnet, aber richtig kennengelernt haben sie sich erst in den vergangenen vier Jahren. Der Autor hat sich mit vorsichtigem SMS-Kontakt über ausführliche Gespräche bis zu konkreter Hilfe wie zuletzt bei der Suche nach einer neuen Wohnung Stübners Vertrauen verdient – bis zu dessen überraschenden Tod am 24. Juni dieses Jahres. Dabei schien der Weg endlich geebnet zu sein für Stübners Rückkehr über die Dynamo-Fußballschule in ein Leben ohne die demütigenden Momente, die er als Sozialhilfeempfänger erfahren hatte. Eine Beamtin lackierte sich in seinem Beisein die Fingernägel, eine andere suchte ewig nach den Papieren und konnte mit seinem Anliegen nichts anfangen. Zitat Stübner: „Das macht dich mürbe, immer nur der Bittsteller zu sein.“

Jörg Stübner (2. v. r.) kam mit 13 Jahren aus Halle nach Dresden und litt sehr unter Heimweh.
Jörg Stübner (2. v. r.) kam mit 13 Jahren aus Halle nach Dresden und litt sehr unter Heimweh. © Privatarchiv/Jörg Stübner

Karte zeichnet ein Bild – untermalt mit vielen privaten Fotos sowie Dokumenten und persönlichen Aufzeichnungen –, das diesem herausragenden Fußballer, vor allem aber dem besonderen Menschen gerecht wird. Der 53 Jahre alte Journalist lässt in exklusive Dokumente gucken, der schriftliche Austausch mit Chefcoach Eduard Geyer über die gezeigten Leistungen ist legendär, zumal Stübner dem scheinbar allmächtigen Vorgesetzten sogar Kontra gibt.

Die Stasi-Akte bleibt unspektakulär, aber wie der junge Kerl den Anwerbeversuch abwehrt, zeigt, dass er zwar verschlossen, aber nicht naiv war. Er hat den Satz auswendig gelernt und glaubhaft gemacht, dass er sich aus Angst, enttarnt zu werden, nicht mehr in die Mannschaftkabine trauen würde. Anekdoten dieser Art – auch die, wie er zu seiner Popperlocke kam – beschreiben den Alltag, mal witzig, mal traurig. Dazu hat Karte Weggefährten befragt wie Harald Fischer, Stübners Jugendtrainer bei Dynamo, oder seinen Klassenlehrer Klaus Seime. Er hat mit Zeitzeugen gesprochen wie Auswahlcoach Frank Engel oder Christoph Franke, der den gleichen Jahrgang in Karl-Marx-Stadt betreute und eine Idee hatte, wie dem Heimweih der Burschen beizukommen ist: Er machte seine Frau Maria zur Mannschaftsleiterin, gemeinsam verbrachten sie manchen Abend im Internat.

In Dresden steht dagegen infrage, ob Stübner bleiben kann. Dort wird aktenkundig vermerkt, er müsse in dieser Beziehung härter zu sich selbst werden. Letztlich ziehen die Eltern nach Dresden, wohl vor allem, weil der Vater seinen Sohn unbedingt groß rausbringen will. Jörg gehört schließlich auch bei Dynamo schnell zu denen, die fußballerisch auffallen, zumal er als Mittelstürmer viele Tore erzielt. Dass er später auf die Rolle des Manndeckers reduziert werden sollte, ist eines der Missverständnisse in seinem bewegten Leben.

Im Nachwuchs bei Dynamo ging Jörg Stübner (3. v. r.) noch als Stürmer auf Torejagd.
Im Nachwuchs bei Dynamo ging Jörg Stübner (3. v. r.) noch als Stürmer auf Torejagd. © Privatarchiv/Jörg Stübner

„Ich will nach Hause“

„Popstar wider Willen“ hat Karte das Buch bezeichnet und mit dem Titel genau diese Widersprüchlichkeit getroffen. Stübner konnte sich nicht wehren gegen seine Popularität, genauso wenig war er dem mit der politischen Wende verbundenen Umbruch gewachsen. „Der Jörg war ein introvertierter Typ ohne Störmanöver, der wollte unauffällig sein“, sagt Klassenlehrer Seime im Rückblick.

Was dieses Buch besonders spannend macht: Karte wechselt zwischen zwei Zeitebenen - der Geschichte des Fußballers und der Entstehung des Buches durch die Treffen mit Stübner. Es ist keine dieser Autobiografien über einstige Sportidole, die wenig Neues verraten und zudem schlecht geschrieben sind. Dieses Stübner-Porträt ist ein Stück Zeitgeschichte: Über den Aufstieg eines Sporthelden in der DDR, der schon als Jugendlicher ständig unterwegs ist und deshalb so etwas wie Heimat vermisst. Stübners Vorschlag für den Buchtitel: „Ich will nach Hause!“ Und über den Fall eines Menschen, der sensibel und auf das harte Leben als Einzelkämpfer nicht vorbereitet ist. Die Schlussfolgerung des Autors: „Wer zählte schon die, die im Zuge der Wende und der Wiedervereinigung auf der Strecke geblieben waren.“

Karte schildert die Hilfsangebote und erklärt, warum sie scheitern mussten. „Was in ihm vorgeht? Wohl eine Mischung aus Berührungsangst und Schamgefühl. Er will nicht als Versager gelten.“ Dabei, zu diesem Fazit kommt der Autor, war es sogar seine größte Lebensleistung, die schwierigen Umstände nach der Wende über einen so langen Zeitraum gemeistert zu haben. „Bis zum Schluss bewahrte er sich Wille und Stolz, bewundernswert!“

Nächste Folge: Wie Jörg Stübner als kleiner Junge in der Mongolei gelebt hat.

Das Buch - und die Lesungen

Uwe Karte: Stübner, Popstar wider Willen.
Sportfrei Verlag. 416 Seiten, 350 Fotos und Abbildungen, 24,90 €.
Uwe Karte: Stübner, Popstar wider Willen. Sportfrei Verlag. 416 Seiten, 350 Fotos und Abbildungen, 24,90 €. © Uwe Karte, privat

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Buch-Premiere: Mi., 19 Uhr, Rudolf-Harbig-Stadion (Vip-Bereich). 

Präsentationen: 

Do., 19.30 Uhr, Festsaal Schloß Schönfeld / b. Thiendorf.

Do., 28.11.; 19 Uhr, Ballsportarena Dresden (mit Ulf Kirsten). 

Karten an der Abendkasse oder verbindliche Reservierung: [email protected]

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