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Wie Jörg Stübner als kleiner Junge in die Mongolei kam

Sein Vater Joachim arbeitet als Geologe. In dem sozialistischen "Bruderland" soll er nach Gold suchen - doch das schürfen jetzt andere.

Mit dem Kinderausweis durfte Jörg Stübner in die Mongolei reisen. Eine schöne Zeit, soweit er sich daran erinnern konnte.
Mit dem Kinderausweis durfte Jörg Stübner in die Mongolei reisen. Eine schöne Zeit, soweit er sich daran erinnern konnte. © Privatarchiv Jörg Stübner

Als Fußballer ist Jörg Stübner rumgekommen in der Welt. Obwohl er sich geweigert hatte, inoffiziell mit der Stasi zusammenzuarbeiten, wurde der Mittelfeldspieler von Dynamo Dresden als Reisekader für das NSW, das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet, bestätigt. „Über die von St. bisher durchgeführten NSW-Einsätze sind bisher keine negativen Hinweise bekannt geworden“, notieren die Genossen des MfS im Frühjahr 1984 in seiner Akte.

Die hat der Autor Uwe Karte mit Stübner vor dessen plötzlichen Tod am 24. Juni dieses Jahres angefordert und für sein Buch „Stübner – Popstar wider Willen“ ausgewertet. Mindestens genauso spannend sind jedoch Bücher und Aufzeichnungen, die er von „Stübs“ im Laufe der Zusammenarbeit selbst bekommt wie das über eine Expedition von DDR-Geologen in der Mongolei, geschrieben von Vater Joachim Stübner. Der war 1966 mit Frau Inge und den beiden kleinen Söhnen Jörg, noch nicht mal zwei, und Uwe, erst ein paar Monate zuvor geboren, in das „Bruderland“ gegangen.

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Als Goldsucher im staatlichen Auftrag. Während sich die Sowjetunion weigerte, den Bedarf der DDR zu decken, meldete der Botschafter in der Mongolischen Volksrepublik, man habe in den Fußabdrücken von Rindern Spuren von Gold gefunden. Die Geologen sollen bereits ab 1962 die Vorkommnisse erkunden und werden in zwei Gebieten fündig. So kommen schließlich auch die Stübners hierher.

Jörg Stübner als Dynamo-Spieler Anfang der 1990er-Jahre.
Jörg Stübner als Dynamo-Spieler Anfang der 1990er-Jahre. © imago/werek

Spezielles Kapitel DDR-Geschichte

Der Einsatz in Familie 8.000 Kilometer fern der Heimat war ein Privileg, denn – wie Karte nach seinen Recherchen schreibt – die anderen 90 bis 100 Geologen und Techniker durften sich nur einmal im Jahr von der Ehefrau und den Kindern auf Kosten der Firma besuchen lassen. „In diesen vier Wochen geht der Expeditionsbetrieb mit Feld-, Labor- und Lagerarbeiten in vollem Umfang weiter. Ausflüge nach Ulan Bator oder in umliegende Ortschaften werden außerhalb der Arbeitszeit bzw. am Wochenende organisiert“, berichtet Karte, wie Vater Stübner den Alltag seinerseits in einem Buch beschrieben hat: „Ein bemerkenswertes Zeugnis von einem ganz speziellen Kapitel der DDR-Geschichte.“

Karte fragt Jörg Stübner, ob er Erinnerungen an diese Zeit hat. „Schöne, sehr schöne sogar! Mir hat es dort gefallen. Auch wenn ich die Eindrücke vielleicht jetzt vermische mit dem, was ich von Bildern kenne.“ Sie haben anfangs in einer Jurte gelebt, die traditionelle Behausung für Landbewohner. Der Autor beschreibt die Bedingungen so: „Für den mitteleuropäischen Standard sind es durchaus gewöhnungsbedürftige Umstände. Zu beachten ist die strikte Trennung zwischen Wasser- und Benzinkanister. Im Winter muss das am Morgen gefrorene Zahnputzwasser aufgetaut werden. In der Südmongolei sollte man vor dem abendlichen Einstieg in den Schlafsack überprüfen, ob es sich dort nicht vielleicht schon ein Besucher bequem gemacht hat. Der Halys-Otter gefällt vor allem der Bretterboden, auf dem nach und nach alle Jurten stehen. Im Frühjahr als Schutz vor der Nachtkälte, im Sommer ist es da angenehm kühl.“

Die Temperaturen liegen zwischen jeweils 40 Grad Celsius – plus im Sommer, minus im Winter. Dann dauerte das Anziehen der beiden Kleinstkinder bald über eine Stunde, erzählt Inge Stübner. Auch die Mutter schwärmt vom Auslandseinsatz: „Eine tolle und sehr schöne Zeit. Und aufregend, wer hatte in der DDR schon so eine Möglichkeit!“ 1968 zieht die Familie in eine Plattenbau-Wohnung in Ulan Bator, Tür an Tür mit einem sowjetischen Major der Luftstreitkräfte. Jörg Stübner schreibt an Karte eine SMS, er werde ihm per Post noch Fotos als Beleg schicken. „Es ist mir wichtig.“ Viele dieser Bilder durfte Karte in Absprache mit der Familie exklusiv für das Buch verwenden.

Ehrgeiz des Vaters: Der Sohn soll Fußballer werden

In dieser Zeit ist es sein Vater, der Fußballspiele organisiert in einem Land, in dem andere Sportarten wie Ringen, Pferderennen und Bogenschießen beliebt sind. Es ist die Stärke dieses Porträt-Buches, das es weit mehr ist als eine biografische Abhandlung. Es vermittelt Zeitgeschichte auf lebendig erzählte Weise, fakten- wie anekdotenreich. Etwa wenn beschrieben wird, wie irgendwann jemand die Idee hatte, das Spielfeld mit einem GAS 69, einem allradgetriebenen Geländewagen sowjetischer Bauart, zu markieren: „Dafür musste sich lediglich der als ,Platzmeister‘ Eingeteilte bäuchlings mit den Füßen in Fahrtrichtung auf die Ladefläche legen, um dann bei geringer Geschwindigkeit des Jeeps mit einer Spitzhacke in den Händen die Markierung in den Boden zu ritzen.“

Mit Jörg Stübner hat das auf den ersten Blick wenig zu tun, es war nicht absehbar, dass der Knirps mal ein erfolgreicher Fußballer werden würde. Einer aber hatte das wohl bereits im Hinterkopf: sein Vater, Kapitän und Torjäger der Geologen-Elf. Diesen Eindruck bestätigt Bernd Grebenstein, damals als junger Mann an der Expedition beteiligt. „Ich hatte immer den Eindruck, dass Achim Stübner alles dafür getan hätte und vermutlich auch hat, dass sein Sohn einmal Fußballer wird“, sagt er im Gespräch mit Karte vier Jahrzehnte später – und über den Vater: „Achim war sehr ehrgeizig, auch beim Fußball. Aktiv hat er wohl nie gespielt, dennoch konnte er wirklich ganz passabel kicken.“

Grebenstein kann auflösen, was aus dem Goldrausch geworden ist. „2013 war ich noch mal da. Nach der Landung dachte ich schon, ich bin versehentlich in Dubai ausgestiegen. Unglaublich, was sich da in der Zwischenzeit getan hat! Und das Gold? Das holen sich die Kanadier, Amerikaner und Chinesen. Das macht schon ein wenig traurig.“

Nächste Folge: Ein Spiel und seine Folgen – wie Stübner zum Mythos wurde.

Das Buch - und die Lesungen

Uwe Karte: Stübner, Popstar wider Willen. Sportfrei Verlag. 416 Seiten, 350 Fotos und Abbildungen, 24,90 €.
Uwe Karte: Stübner, Popstar wider Willen. Sportfrei Verlag. 416 Seiten, 350 Fotos und Abbildungen, 24,90 €. © Uwe Karte, privat

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Buch-Premiere: Mi., 19 Uhr, Rudolf-Harbig-Stadion (Vip-Bereich).

Präsentationen:

Do., 19.30 Uhr, Festsaal Schloss Schönfeld bei Thiendorf.

Do., 28.11., 19 Uhr, Ballsportarena Dresden (mit Ulf Kirsten). 

Karten an der Abendkasse oder verbindliche Reservierung: [email protected]

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