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Wie ein Spiel das Leben von Jörg Stübner veränderte

Im der Jugend von Dynamo war er Torjäger, doch im Länderspiel schaltet er Frankreichs Superstar Michel Platini aus. Fortan ist nichts mehr, wie es war.

Jörg Stübner (r.) gegen Michael Platini: Der Dresdner blockt den Schuss des Franzosen.
Jörg Stübner (r.) gegen Michael Platini: Der Dresdner blockt den Schuss des Franzosen. © Frank Kruczynski

Dieser Seufzer ist bezeichnend. „Ich würde auch gerne mal was anderes träumen“, sagte Jörg Stübner. Immer wieder muss er nachts dieses eine Spiel noch mal spielen, auf dem Grundstück seiner Großmutter in Halsbrücke bei Freiberg. DDR gegen Frankreich, er gegen den großen Michel Platini, Weltfußballer des Jahres, Star des italienischen Rekordmeisters Juventus Turin. Ob er ihn jedes Mal aufs Neues „regelrecht zur Sau“ macht, wie es Mitspieler Andreas Trautmann damals beschrieb, bleibt offen.

Es ist nicht relevant. Uwe Karte beschreibt im neuen Buch „Stübner – Popstar wider Willen“, wieso diese Partie im September 1985 im Leipziger Zentralstadion im doppelten Sinn das Spiel seines Lebens gewesen ist: positiv wie negativ. Es brachte ihm den kometenhaften Aufstieg zum Popstar, der Wäschekörbe voll Fanpost – bevorzugt von Verehrerinnen – erhält. Doch genauso nimmt es ihm die Freiheit, sich dort zu entfalten, wo er sich am wohlsten fühlt: auf dem Fußballplatz. Plötzlich ist er festgelegt auf die Rolle als Manndecker. Dabei war er doch von klein auf ein offensiver Geist, hat entscheidende Tore erzielt.

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Fortan aber soll er den gegnerischen Spielmacher notfalls bis auf die Toilette verfolgen, wie es seinerzeit üblich war. Mit seinen läuferischen Fähigkeiten und seinem Mut im Zweikampf scheint der junge Bursche dafür besonders geeignet zu sein. „Bernd, da gibt es nur einen: den kleinen Stübner.“

So empfiehlt Assistent Harald Irmscher dem DDR-Nationaltrainer Bernd Stange den 20-Jährigen von Dynamo Dresden als Platini-Bewacher. Daraufhin verkündet Stange vor versammelter Mannschaft: „Jörg, deine Aufgabe ist es, Platini von der ersten bis zur letzten Minute zu beschatten und zu bekämpfen.“ Stübner nickt und sagt nur ein Wort: „Ja.“

Auch den Auswahl-Trainern ist aufgefallen, dass er kaum redet. „Das ist schon außergewöhnlich bei ihm. Der Junge sagt Guten Morgen und dann erst wieder Gute Nacht. Aber gut, so ist er eben und dazu ein klasse Fußballer“, wird Irmscher in dem Buch zitiert. Stübner erfüllt seinen Sonderauftrag zur allgemeinen Begeisterung, die DDR gewinnt durch die Tore von Reiner Ernst und Ronald Kreer mit 2:0, die Presse kommentiert den Sensationssieg überschwänglich. Karte zitiert die Einzelkritiken zum Beispiel in der Fußballwoche (Fuwo), dem DDR-Pendant zum Kicker: „Der 20-jährige Youngster bestand die (fast unlösbar scheinende) Herausforderung gegen den Weltklasse-Regisseur der ,Equipe tricolore‘, gegen Michel Platini, ausgezeichnet. Ohne Angst, ein Terrier, der den Juventus-Krösus systematisch entnervte und am Spielaufbau hinderte.“

Schulterklopfer in der Schillergarten-Bar

Das Foto von Wolfgang Behrendt hat er in sein Kritikbuch geklebt, oben rechts signiert von Trainer Eduard Geyer. Privatarchiv Jörg Stübner
Das Foto von Wolfgang Behrendt hat er in sein Kritikbuch geklebt, oben rechts signiert von Trainer Eduard Geyer. Privatarchiv Jörg Stübner © Privatarchiv Jörg Stübner

Uwe Karte wirft zu Recht die Frage auf: „Wie geht man um mit einem Fußballspiel, das einem das ganze Leben verändert? Nichts ist für Jörg Stübner nach dem Frankreich-Auftritt mehr so wie zuvor!“ Unmittelbar danach scheint ihm die Welt zu Füßen zu liegen, nicht nur in der „Schillergarten-Bar“ klopfen sie ihm auf die Schulter: „,Stübs‘, das war einwandfrei. Super, wie du dem Platini in Leipzig die Show gestohlen hast.“ Der gefeierte Held stößt an mit Sekt, genießt das Prickeln auf der Zunge.

Stübner kann nicht ahnen, was sein Jugendtrainer Harald Fischer später im Gespräch mit Karte erklärt: „Ich habe das ja dann nur aus der Distanz verfolgt. Aber mit dem Länderspiel gegen Frankreich, in dem er Platini abgemeldet hat, fand ich, dass er irgendwie missbraucht wurde. Den Jörg, den ich kannte, den gab es nicht mehr.“ Aus dem einstigen Mittelstürmer war ein „Staubsauger“ vor der Abwehr geworden und Stübner darüber alles andere als glücklich, was er seinem Zimmerpartner Reinhard Häfner im Sommer 1986 steckt. „Wenn du das nicht spielen willst, spielst du bei Geyer überhaupt nicht! Das solltest du wissen“, erinnerte er sich an den guten Rat des erfahrenen Mitspielers, der im Oktober 2016 gestorben ist.

Damals hatte Eduard Geyer nach einem schwachen Jahr mit dem 3:7 im Europapokal bei Bayer Uerdingen als Tiefpunkt Klaus Sammer als Chefcoach bei Dynamo abgelöst – und gleich mal das Karriereende von Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner durchgesetzt. Mit dem Mann war nicht zu spaßen. Also spult Stübner weiter sein Pensum ab. „Zuverlässig und unspektakulär“, wie es Karte beschreibt. Der 53 Jahre alte Journalist aus Dresden hat sich vier Jahre lang regelmäßig mit Stübner getroffen, zuletzt kurz vor dessen Tod am 24. Juni 2019. Einen Dialog zum legendären Frankreich-Spiel gibt er so wieder:

„Jetzt aber mal ganz im Ernst, läuferisch gesehen, war das doch keine große Kunst für Dich, einen Platini über die volle Spielzeit als Schatten zu verfolgen und ihn so aus dem Spiel zu nehmen?“, fragte Karte. „Nee, natürlich nicht!“, antwortete Jörg. Der kleine Giresse wäre viel schwieriger zu bespielen gewesen. Im Vergleich zu diesem Schleicher, der ständig auf Achse war, sei Monsieur Platini wirklich nur ein Stehgeiger gewesen. Die Liste seiner prominenten Gegenspieler ist lang: Thom, Panenka, Platini, Giresse, Sigurvinsson, Scifo, Francescoli, Prosinecki. Stübner lacht: „Nur gegen Panenka hatte ich keine Chance, der alte Mann ist mir wirklich weggelaufen!“

"Das hat mir ja auch nicht geholfen nach der Wende..."

Das war im Frühjahr 1985 beim Europapokal-Rückspiel in Wien. Nach einem 3:0 in Dresden schien das Weiterkommen nur eine Formsache zu sein, aber Dynamo ging bei Rapid mit 0:5 unter. Stübner hatte seine eigene Theorie, warum das passieren konnte. Auch die ist nachzulesen in dem Buch, das insofern auch ein gutes Stück Vereinsgeschichte, die Stübner nicht nur erlebt, sondern einige Jahre mit geprägt hat. Bis körperlich nichts mehr ging. Er hatte sich im wahrsten Sinne verschlissen.

Karte organisierte ein Treffen im Café: Talent und Förderer. Fischer erzählte dabei: „Wie weit die Rolle bei dir verinnerlicht war, hab ich 1989 bei einem Freundschaftsspiel in Bischofswerda gesehen. Du hast da einen Spieler verfolgt, der eigentlich gar keine Rolle gespielt hat. Das hätte eigentlich umgekehrt sein müssen, dass der dir auf den Füßen steht! Und du hast einfach das gespielt, was sie dir erzählt haben. Das ist eigentlich schade gewesen.“ Und Stübner antwortete: „Das hat mir dann ja auch nicht geholfen nach der Wende …“

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Als sich am Abend des 16. Juli 2019 im Rudolf-Harbig-Stadion 30.000 Menschen vor Dynamos Testspiel gegen Paris St. Germain zum stillen Gedenken an Jörg Stübner von ihren Plätzen erheben, ist sein Bruder Uwe vor Ort. Karte schreibt: „Als … der Name ,Platini‘ fällt, horcht selbst Weltstar Kylian Mbappé auf. Irgendwie scheint es, als sollte alles so sein.“

Das Buch und die Lesungen

Uwe Karte: Stübner, Popstar wider Willen. Sportfrei Verlag. 416 Seiten, 350 Fotos und Abbildungen, 24,90 €.
Uwe Karte: Stübner, Popstar wider Willen. Sportfrei Verlag. 416 Seiten, 350 Fotos und Abbildungen, 24,90 €. © Uwe Karte, privat

Präsentationen:

Do., 19.30 Uhr, Festsaal Schloss Schönfeld bei Thiendorf.

Do., 28.11., 19 Uhr, Ballsportarena Dresden (mit Ulf Kirsten).

Karten an der Abendkasse oder verbindliche Reservierung: [email protected]

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