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„Weil mir mein Kopf im Weg war“

Dynamos René Klingenburg bekam mit 18 seinen ersten Profi-Vertrag - und hatte plötzlich falsche Freunde. Was er gelernt hat, sagt er im Interview.

René Klingenburg will bei Dynamo auch als Mentalitätsspieler vorangehen.
René Klingenburg will bei Dynamo auch als Mentalitätsspieler vorangehen. © Sven Ellger

Er war weit weg, und zwar nicht nur im sprichwörtlichen Sinne. René Klingenburg hatte seine Karriere als Fußball-Profi schon so gut wie an die Wand gefahren. Dabei war er mit der A-Jugend von Schalke 04 Meister geworden, hatte mit 18 seinen ersten Profi-Vertrag unterschrieben. Doch danach hat er sich ablenken lassen und ist aus der Spur geraten. Als er bei Viktoria Köln in der vierten Liga gelandet war, wurde ihm bewusst, etwas ändern zu müssen. Er flog nach Australien, um zu sich selber zu finden, hat in Sydney gespielt. Nach einem halben Jahr war er klar im Kopf für den Neustart in Deutschland, seit dieser Saison spielt der 25-Jährige bei Dynamo.

Im Interview spricht er auch über die Lehren aus seinen Erfahrungen.

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René Klingenburg, haben sich Ihre Erwartungen an Dresden erfüllt?

Ich weiß, warum ich gekommen bin: um Fußball zu spielen und Leistung zu bringen. Man hat mir gesagt, Dresden ist wahrscheinlich der schönste Fleck im Osten, das stimmt, aber selbst wenn die Stadt nicht so schön wäre: In diesem Stadion spielen zu dürfen, das ist – mit der Tradition und den verrückten Fans – schon eine Ehre.

Sie sind bei Schalke 04 groß geworden. Was heißt für Sie Tradition?

Vor allem Fan-Basis, wie der Verein in der Stadt, aber auch deutschlandweit angenommen wird. Dynamo Dresden ist in Fußball-Deutschland einfach ein Begriff. Dazu kommt die Geschichte des Vereins.

Sie standen bisher nur im Pokalspiel gegen Dassendorf in der Startelf, wurden in der 2. Bundesliga dreimal eingewechselt. Sind Sie damit zufrieden?

Selbst wenn wir zwölf Punkte hätten und ich fünf Tore gemacht hätte: Zufriedenheit ist für mich ein Tabu-Wort. Ich bin in ständigem Austausch mit dem Trainer, wobei ich zu ihm gesagt habe: Du brauchst nicht so viel mit mir zu reden, ich kann meine Leistung einschätzen. Es geht hier nicht um René Klingenburg, sondern darum, dass die Mannschaft erfolgreich ist.

Wenn Sie Ihre Leistung einschätzen können, hätten Sie sich dann öfter von Anfang an aufgestellt?

Boah, das ist natürlich eine kleine Fangfrage. Als Spieler willst du immer in der Startelf stehen. Aber ich hatte in der Vorbereitung ein kleines Loch, habe etwas gebraucht, bis ich richtig in Fahrt gekommen bin. Ich haue mich jede Trainingseinheit voll rein, aber ich weiß, es wird schwierig, weil wir eine brutal hohe Qualität im Mittelfeld haben. Wenn ich rein komme, gebe ich 110 Prozent für mein Team. Da habe ich viel aus meiner Vergangenheit gelernt.

Im Pokalspiel gegen Dassendorf (3:0) stand René Klingenburg in Dynamos Startelf, in der zweiten Liga aber noch nie.
Im Pokalspiel gegen Dassendorf (3:0) stand René Klingenburg in Dynamos Startelf, in der zweiten Liga aber noch nie. © PICTURE POINT

Ist es für Sie einfacher, mit der Situation umzugehen, weil Ihre Karriere schon mal vor dem Aus stand?

Ich weiß, dass du dem Trainer das Gefühl geben musst: Hey, auf den Jungen kann ich zählen, der steht hinter mir, auch wenn er nicht spielt. Das ist mein Charakter, diese Einstellung ist von den Misserfolgen in meiner Vergangenheit geprägt worden. Selbst wenn ich von Anfang an spiele, werde ich kein anderer René Klingenburg sein.

Also hilft Ihnen die Erfahrung?

Definitiv. Ich schaue auch gerne mal zurück, um mich zu erinnern, welche Fehler ich nicht mehr machen will und darf. Damit bin ich seit drei Jahren auf einem guten Weg.

Wie viel davon können Sie an jüngere Spieler weitergeben?

Viel. Als ich die Verantwortung für mich endlich übernehmen konnte und zu Schalke zurückgekehrt bin, habe ich in der U23 versucht, sie weiterzugeben. Es prasseln als junger Spieler viele Dinge auf dich ein. Ich habe bei einigen meiner ehemaligen Mitspieler gesehen, dass sie die gleichen Fehler gemacht haben, zum Beispiel nicht einsichtig waren. Du neigst als junger Mensch dazu, Fehler auf andere zu schieben.

Sie galten selbst als besonderes Talent. Was ist dann passiert?

Mein A-Jugend-Trainer sagte: Talent bringt dich bis zur Schwelle, aber durch die Tür nur deine Einstellung, deine Mentalität und harte Arbeit. Viele schaffen es nicht, weil sie denken, die Beine tragen mich schon. Für solche Typen, wie ich einer war – nicht vogelwild, aber manchmal aufmüpfig, nicht in jeder Trainingseinheit ans Limit gehend –, reicht Talent nicht. Dein Umfeld spielt eine Rolle, aber entscheidend ist dein eigener Kopf. Als junger Spieler hörst du bei den älteren oft nur mit einem Ohr zu und denkst, du weißt es besser. Wenn anderen etwas auffällt, was du selbst nicht hören willst, ist es aber meist die Wahrheit.

Was war Ihre Wahrheit?

Ich hatte mich nach oben gearbeitet, es gab aber auch immer wieder Dellen, weil mir mein Kopf im Weg war: Rote Karten, Aussetzer in der Schule. Ich habe mich aber durchgeackert mit meiner Einstellung auf dem Platz, bin mit Schalke A-Jugend-Meister geworden. Bis ich mit 18 meinen ersten Profi-Vertrag bekam. Ab dem Tag hast du plötzlich unzählige neue Freunde, bis dahin hatte ich nur einen besten Freund. Es kommen die Schulterklopfer, es gibt viele Faktoren. Wenn du dann nicht fokussiert bist, geht es schnell in die falsche Richtung.

Beim 2:1-Sieg gegen Heidenheim jubelt der eingewechselte René Klingenburg (Nr. 17) mit Patrick Ebert (l.) über dessen Freistoßtor zur Führung.
Beim 2:1-Sieg gegen Heidenheim jubelt der eingewechselte René Klingenburg (Nr. 17) mit Patrick Ebert (l.) über dessen Freistoßtor zur Führung. ©  dpa/Robert Michael

Was ist für Dynamo drin nach dem durchwachsenen Saisonstart?

Als wir am dritten Spieltag nach zwei Niederlagen in der Liga ein bisschen unter Druck standen, hat man gesehen, welche Moral diese Mannschaft hat. Heidenheim schlägt man nicht im Vorbeigehen. In Darmstadt hätten wir gewinnen müssen. Aber: Hätte, hätte, Fahrradkette. Jetzt kommt St. Pauli. Ich denke, unsere Mannschaft ist fußballerisch auf so hohem Level, dass wir am Samstag gewinnen können.

Wo kommt Dynamo ein?

Diese Fragestellung habe ich, auch wenn sie natürlich vollkommen legitim ist, vorige Saison in Münster auch schon erlebt. Erst hieß es, wir holen Punkt für Punkt für den Klassenerhalt, dann ging es öffentlich plötzlich um den Aufstieg. Das ist für mich zu viel Gerede von außerhalb. Es geht nicht darum, Prognosen abzugeben. Entscheidend ist unsere Art, Fußball zu spielen. Selbst wenn wir am Anfang zweimal verloren haben, konnten wir teilweise trotzdem unsere Qualitäten zeigen. Über uns sagt wahrscheinlich keiner: Die hauen wir einfach mal so weg, sondern: Mit Dynamo kommt eine spielstarke Mannschaft, da müssen wir aufpassen. Ich denke, wir als Mannschaft und unsere Fans sind froh, dass Dynamo so geilen Fußball spielt.

Wie wird der offensiv zwingender?

Das kommt, das ist eine Frage der Zeit. Einfach laufen lassen, genauso selbstbewusst weiterspielen.

Sie waren vorige Saison bei Preußen Münster mit neun Treffern der torgefährlichste Mittelfeldspieler der 3. Liga. Können Sie Ihre Schuss- und Kopfballstärke auch im auf Ballbesitz orientierten Spiel bei Dynamo einbringen?

Ich nehme mir immer vor, auch mal aufs Tor zu ballern. Als ich gegen Darmstadt reingekommen bin, gab es dafür im Spiel leider kaum Möglichkeiten. Da war ich ein bisschen wütend.

Weshalb wütend?

Weil der Schiedsrichter das Tor wegen Abseits, leider zu Recht, nicht gab. Auch der Pfostenschuss – das sind Situationen, in denen du denkst: Du fährst hier mit einem Punkt nach Hause, hast aber eigentlich zwei verloren.

Spielen Sie lieber die defensive oder offensive Position im Mittelfeld?

Ich spiele am liebsten da, wo ich der Mannschaft am besten helfen kann.

Und ohne diese Floskel: Wo fühlen Sie sich wohler?

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Dynamo-Neuzugang René Klingenburg hat sein Startelf-Debüt verpatzt - zumindest sieht er selbst das so. Der Trainer findet das sogar gut.

Von Natur aus bin ich Offensivspieler, aber genauso habe ich Bock, als Mentalitätsspieler voranzugehen und mich in der Defensive reinzuhauen.

Warum muss René Klingenburg am Samstag im Heimspiel gegen St. Pauli in der Startelf stehen?

Die Frage beantwortet allein der Trainer. Ich stehe in jedem Fall zu hundert Prozent hinter ihm und der Mannschaft.

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