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Dynamos Kreuzer: Es war einfach nur dämlich

Der Vizekapitän sieht beim 0:2 gegen Hannover Rot. Jetzt spricht er über die Sperre und die schwierigen Wochen davor - das Interview.

Von der Tribüne aus muss Niklas Kreuzer die nächsten Spiele von Dynamo verfolgen – für ihn läuft die Saison bisher alles andere als gut.
Von der Tribüne aus muss Niklas Kreuzer die nächsten Spiele von Dynamo verfolgen – für ihn läuft die Saison bisher alles andere als gut. © Foto: Jürgen Lösel

Niklas Kreuzer, wie haben Sie die Sperre von drei Spielen aufgenommen?

Es ist ein herber Schlag für mich. Ich bin nicht der Typ, der für solche Aktionen bekannt ist. Jetzt hocke ich hier, habe um die 140 Pflichtspiele für Dynamo auf dem Buckel, und es ist mir noch nie passiert, auch nicht in der Jugend oder bei meinen vorherigen Vereinen, dass ich mit einer Roten Karte vom Platz fliege.

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Wie erklären Sie sich den – wenn auch leichten – Kopfstoß gegen Hannovers Miiko Albornoz?

Schwer. Im Eifer des Gefechts sind mir für zwei Sekunden die Sicherungen durchgebrannt. Ich bin mit viel Emotion, Motivation und Leidenschaft in das Spiel gegangen. Dann gab es den Zweikampf, ein paar Rempler – ich habe mich in der Szene selbst nicht wiedererkannt. Es war einfach nur dämlich, ja, das ist das beste Wort, um es zu beschreiben. So etwas darf mir nicht passieren, erst recht nicht in der Rolle, in die ich reinwachsen möchte.

Sie hatten vor dem Spiel gegen Hannover nur einmal in der Startelf gestanden und fünfmal gar nicht gespielt. Wie viel Frust war dabei?

Darauf haben mich viele angesprochen: Hey, Junge, das kommt aus dem Unterbewusstsein, die Wut, die sich angesammelt hat. Ich weiß es nicht, und das soll auch keine Ausrede sein. Für mich geht es nicht darum, was davor war oder Albornoz gemacht hat. Es geht nur um meine Aktion, und die war einfach dumm. Es war allein mein Fehler, überzureagieren.

Vor der Saison hat Sie der Trainer zum Vizekapitän ernannt, waren dann aber Reservist. Wie gehen Sie damit um?

Ja, das war nicht einfach. Ich denke, ich hatte vorige Saison unter Cristian Fiel eine gute Rückrunde gespielt, war mit meiner Leistung zufrieden. In der Sommerpause hat mir der Trainer gesagt, in welcher Verantwortung er mich sieht. Das war alles sehr positiv. Im Auftaktspiel gegen Nürnberg stand ich in der Startelf, war Kapitän. Wir haben gut gespielt, unglücklich verloren. Danach hat es für mich einen negativen Lauf genommen.

Die Aktion: Niklas Kreuzer geht mit dem Kopf nach vorn, trifft Hannovers Miiko Albornoz leicht im Gesicht...
Die Aktion: Niklas Kreuzer geht mit dem Kopf nach vorn, trifft Hannovers Miiko Albornoz leicht im Gesicht... © Lutz Hentschel

Noch mal die Frage, wie Sie damit umgehen …

Man muss es akzeptieren, weil die Mannschaft im Vordergrund steht. Trotzdem war es für mich von Spiel zu Spiel schwerer, es zu verstehen. Vorige Woche hatte ich ein sehr gutes Gespräch mit dem Trainer und sehe positiv in die Zukunft, obwohl jetzt vier schlimme Wochen kommen.

Sie haben sich mit dem Platzverweis selbst wieder rausgenommen …

Leider Gottes. Dümmer kann es nicht laufen. Ich habe mich über das Training wieder in die Mannschaft gespielt, hatte das Gefühl, bis zu der dummen Aktion ein ganz gutes Spiel gemacht zu haben. Mein Anspruch ist es, Stammspieler zu sein, und ich denke, es wäre meine Chance gewesen, mir den Status wieder zu erkämpfen. Dass ich mir das durch diese Aktion einreiße, darf mir einfach nicht passieren. Ich habe mich dafür bei der Mannschaft, dem Trainer, den Verantwortlichen entschuldigt.

Ihr Vater Oliver Kreuzer war Abwehrspieler unter anderem bei Bayern München, hat ein paar Mal Rot gesehen. Wie hat er reagiert?

Wenn einer ehrlich zu mir ist, dann er. Als ich in die Kabine kam, hatte ich schon eine Textnachricht von ihm: Junge, das war so dumm und unnötig. Er sagt jetzt aber auch: Du kannst es nicht mehr ändern, Kopf hoch und weiter.

Als Sie vom Platz flogen, stand es noch 0:0. War die Rote Karte ausschlaggebend für Dynamos Niederlage?

Das würde ich nicht sagen, weil es mit zehn gegen zehn weiterging (Albornoz sah Gelb-Rot/d. A.), wir also nominell nicht benachteiligt waren. Dennoch hat es Unruhe reingebracht.

Die Konsequenz: Schiedsrichter Christian Dingert (3. v. l.) zeigt Kreuzer (r.) die Rote Karte. 
Die Konsequenz: Schiedsrichter Christian Dingert (3. v. l.) zeigt Kreuzer (r.) die Rote Karte.  ©  dpa/Robert Michael

Hat Ihnen der Trainer erklärt, warum Sie in den Spielen davor auch nur zweimal eingewechselt worden sind?

Das war für mich auch verwunderlich. Aber was wir besprochen haben, bleibt unter uns.

Es waren aber sportliche Gründe?

Ja, klar.

Wie ziehen Sie sich selbst aus dieser persönlichen Krise?

Ich hatte so etwas noch nie, eine so lange Zeit draußen zu sitzen. Das war schwer zu schlucken und zu verdauen – vor allem für den Kopf, wenn du nach Hause gehst und denkst: Boah, Junge, woran liegt es eigentlich, dass du plötzlich nur noch zuschaust? Aber was jetzt kommt, habe ich mir selbst zuzuschreiben. Das war für zwei Sekunden nicht der Niklas Kreuzer, den ich kenne, sondern gefühlt ein anderer Mensch.

Sie hadern mit sich selbst …

Ja, ich mache mir sowieso viele Gedanken. In den ersten Tagen hatte ich schwer zu kämpfen, weil es nicht ein Fehlpass oder Stellungsfehler ist. Dann bist du genervt, aber es geht im nächsten Spiel weiter. Jetzt bin ich einfach drei Wochen dazu verdammt, zuzuschauen, weil ich so dämlich war. Der schlimmste Moment kommt noch, wenn ich den Jungs die Hand gebe und ihnen viel Glück für das nächste Spiel bei Greuther Fürth wünsche.

Theoretisch dürften Sie im DFB-Pokal am 30. Oktober in Berlin spielen. Wie sehen Sie Ihre Einsatzchance?

Ich kann mich in den zwei Spielen davor nicht anbieten. Wenn die positiv laufen, was ich wirklich von Herzen hoffe, gäbe es für den Trainer keinen Grund, irgendetwas zu ändern. Wenn er aber Bedarf sieht und mich braucht, weiß er, dass er auf mich zählen kann. Ich werde jetzt nicht sagen, ich komme mal zum Training, wenn ich Bock habe, und mache ein bisschen Larifari.

Was macht Ihnen Mut, dass die Saison noch positiv wird – für Sie und die Mannschaft?

Ich glaube, dass ich ein wichtiger Teil der Mannschaft war und wieder sein werde. Ich will spielen, und das möglichst immer 90 Minuten. Bei Dynamo gibt es kein Grau, nur Schwarz oder Weiß. Es sind viele Emotionen dabei. Für uns Spieler ist es nicht immer leicht, damit umzugehen. Wir wissen, dass wir gegen Hannover kein gutes Spiel gemacht haben, aber sie haben uns auch nicht in Grund und Boden gespielt. Wir haben die Qualität, dürfen uns aber nicht solche leichten individuellen Fehler leisten wie zum Beispiel in Aue.

Wie gelingt es, die Fans nach den Pfiffen wieder zu versöhnen?

Durch Erfolge, durch gute Leistungen. Ich kann verstehen, wenn sie bedient sind. Allerdings sollten sie auch akzeptieren, dass wir fürs Spiel unseren Plan haben und nicht pfeifen, wenn Kevin Broll von hinten raus spielt. Wenn wir es wieder hinkriegen, eine Gemeinschaft zu werden, zwischen Mannschaft und Fans diese Dynamik entsteht, haben wir eine Festung hier zu Hause. Dann kommt kein Gegner gerne hierher. Da müssen wir wieder hinkommen.

Wie ist die Stimmung in der Kabine?

Absolut professionell und harmonisch. Wir haben keinen dabei, der eine Einzelshow abziehen will, sondern halten als Team gut zusammen.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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