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Sammer gratuliert Dynamo mit Exklusiv-Interview

Sein Heimatverein feiert Ostersonntag den 67. Geburtstag. Sammer spricht lange und offen über eine besondere Beziehung – bis zur Frage, wie er Dynamo helfen könnte.

Sein Wort hat Gewicht, immer noch: Matthias Sammer, gebürtiger Dresdner und der zumindest außerhalb seiner Heimatstadt vermutlich prominenteste Ex-Dynamo.
Sein Wort hat Gewicht, immer noch: Matthias Sammer, gebürtiger Dresdner und der zumindest außerhalb seiner Heimatstadt vermutlich prominenteste Ex-Dynamo. © dpa

Dresden. Die Überraschung zum Geburtstag ist gelungen, jetzt noch viel mehr. Ursprünglich sollte dieses exklusive Gespräch mit Matthias Sammer ja lediglich ein Teil der Feierlichkeiten zum 67. Vereinsjubiläum von Dynamo Dresden sein, medial integriert in den Traditionstag rund um das für diesen Sonntag geplante Heimspiel gegen den VfB Stuttgart. 

Dass dies auch noch genau der Klub ist, zu dem der gebürtige Dresdner Sammer im Sommer 1990 gewechselt war – besser hätte man es nicht planen können.

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Doch dann kam Corona, nur war das Interview mit dem außerhalb Dresdens vermutlich prominentesten Ex-Dynamo längst geführt. Weil nun aber viele Menschen viel mehr Zeit haben, über Ostern zu Hause sind und der Vereinsgeburtstag de facto unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, kommt die unerwartete Abwechslung auf dem Youtube-Kanal des Klubs gerade recht. Schließlich ist Sammer auch keiner mehr, der sich regelmäßig zu Wort meldet. Hochspannend ist es aber immer wieder, ihn über den Fußball reden zu hören – und erst recht, wenn dann Dynamo das Thema ist.

Ende Februar hatte er ein kleines Team aus Dresden, angeführt von Dynamo-Pressesprecher Henry Buschmann, in seiner Wahlheimat München empfangen; im Büro von Dieter Hoeneß, der wiederum vor nunmehr 30 Jahren als Stuttgarts Manager entscheidenden Anteil am Transfer des damals 22-jährigen Sammer hatte.

Dynamos Pressesprecher Henry Buschmann interviewt Matthias Sammer in dessen Wahlheimat München. Es ist ein ausführliches, offenes Gespräch, das fast eine Fußballspiellänge dauert.
Dynamos Pressesprecher Henry Buschmann interviewt Matthias Sammer in dessen Wahlheimat München. Es ist ein ausführliches, offenes Gespräch, das fast eine Fußballspiellänge dauert. ©  Screenshot SZ

Auch das passt also dramaturgisch perfekt, ebenso das Setting. Ein karger Raum mit weißen Wänden und einem Tisch, darauf zwei Gläser Wasser. Dazu drei Kameras, zwei Scheinwerfer, das ist alles. Es soll nicht um Äußerlichkeiten gehen.

Sammer steht im Mittelpunkt, und das in aller Ausführlichkeit. Viel länger als ausgemacht dauert das Interview, am Ende ist es fast eine Fußballspiellänge. Doch Sammer nimmt sich die Zeit. Es ist, wenn man so will, sein Geschenk zum Dynamo-Geburtstag – und auch ein Weg zu sich selbst, eine Art selbst verordnete Rückbesinnung und Analyse seines bisherigen Tuns.

Er halte sich inzwischen in der Öffentlichkeit ganz bewusst zurück, seit er im Sommer 2017 als Sportvorstand von Bayern München zurückgetreten ist aufgrund einer kleinen Durchblutungsstörung im Gehirn. Der mittlerweile 52-Jährige sieht sich nun mehr in der Rolle des Beobachters, wolle sein Leben, sagt er, ein bisschen mehr reflektieren, Dinge verstehen und sich nicht allein an Titeln messen.

Nur manchmal kommt der Mahner und Ereiferer durch

Dieser Bestandteil sei gerade prägend, betont Sammer. Das Interview kommt demnach gerade recht. „Ich weiß nicht, ob ich mir die Zeit genommen hätte, so ein Gespräch zu führen, wenn ich noch Sportvorstand bei Bayern München oder Borussia Dortmund wäre“, betont er.

Sammer wirkt aufgeräumt, gelassen, entspannt , nur manchmal bricht noch der Mahner und Ereiferer in ihm durch. Als ihn Buschmann als Intellektuellen des deutschen Fußballs bezeichnet, lächelt er das großzügig weg. In langen, fast schon erzählerischen Passagen, die ein Stück weit als Geschichtsunterricht durchgehen, spricht Sammer stattdessen über seine Kindheit in Dresden und die Anfänge bei Dynamo, über Erinnerungen an „einen großen, familiären Verein“ und „eine starke emotionale Wurzel“, von seiner „kleinen Oase Dresden“.

Als Fünfjähriger hat er bei Dynamo mit dem Fußballspielen begonnen, irgendwann 1972 oder 1973 muss es gewesen sein. Und dass hier ein Ausnahmetalent heranwächst, ist dann nicht nur Vater Klaus, damals erst Spieler, später Cheftrainer und nun Ehrenspielführer im Verein, aufgefallen. 

Bereits mit 17 Jahren gibt Sammer junior sein Debüt bei den Männern, wird mit der DDR-Auswahl U18-Europameister, gewinnt 1989 den Meistertitel sowie 1990, dies dann schon als Stammspieler, das sogenannte Double aus Meisterschaft und Pokalsieg in einer Saison. „Das Selbstbewusstsein und der Wille, Titel zu gewinnen, hat den Ursprung ganz eindeutig bei Dynamo Dresden“, sagt Sammer gleich zu Beginn des Geburtstagsinterviews.

Dynamo Tabellenletzter - "das tut mir auch weh"

Diese Anfänge sind es, die eine Verbindung mit dem schwarz-gelben Trikot entstehen ließ, „die einen stolz und auch glücklich macht“, verdeutlicht er. Sammer hat sichtlich Spaß am Rückblick, nur verklären will er nichts. „Ich mag es nicht, wenn man davon spricht, früher war alles besser.“

Viel spannender ist sowieso das Hier und Jetzt, auch und gerade bei Dynamo Dresden und Sammers Verhältnis zum Heimatverein. „Im Moment läuft es ja leider nicht so gut“, sagt er bezogen auf die sportliche Lage als Tabellenletzter der zweiten Liga, „und das tut mir auch ein bisschen weh. Doch wann immer Dynamo spielt, gucke ich rein“.

Schwenkt die TV-Kamera durchs Rudolf-Harbig-Stadion, sieht Sammer dort unter anderem das große Porträtfoto seines Vaters an der Tribünenwand. Dann packt es ihn emotional immer wieder aufs Neue, sagt er. „Grandios. Dass Vater da hängt, kann man gar nicht mit Worten beschreiben.“ 

Es sei fantastisch, was Dynamo gelungen ist mit dieser von der Fanszene initiierten Aktion, alle Ehrenspielführer des Vereins auf diese Weise zu würdigen. „Diese Bilder lassen etwas lebendig werden und machen die Geschichte einfach rund“, meint Sammer.

Matthias Sammer macht sich immer noch viele Gedanken um den Fußball, öffentlich spricht er darüber aber nur noch sehr selten. Er sei inzwischen mehr in der Rolle des Beobachters, wolle die Dinge reflektieren - auch sein Verhältnis zu Dynamo.
Matthias Sammer macht sich immer noch viele Gedanken um den Fußball, öffentlich spricht er darüber aber nur noch sehr selten. Er sei inzwischen mehr in der Rolle des Beobachters, wolle die Dinge reflektieren - auch sein Verhältnis zu Dynamo. ©  Screenshot SZ

Sein Foto aber… gehört dort nicht hin, findet der frühere Mittelfeldstratege, auch wenn er es anders ausdrückt. „Ich bin mit 22 weggegangen und war nie so prägend für diesen Verein.“

Und plötzlich gerät das Gespräch in eine Phase, die Sammer noch versucht charmant einzufangen. „Wir wollen ja ein schönes Interview machen“, sagt er. Die Frage nach seiner lange Zeit distanzierten Beziehung zum Heimatverein aber steht: Ist Ihnen die Welt von Dynamo zwischenzeitlich mal fremd geworden?

„Eigentlich nicht“, antwortet Sammer zunächst, und dann legt er los. Erzählt von Menschen, die Systeme prägen, von „Scharlatanen, die den Verein fast an die Wand nageln“. Dass von Dynamo in dieser Zeit - er meint die 1990er- und die ersten 2000er-Jahre - nur noch Tradition und Fans blieben. Damit hat sich Sammer, dessen Weltkarriere sich just in jenen Jahren auf dem Höhepunkt befindet, nicht anfreunden können.

Das Verhältnis zu Dynamo treibt ihn um, immer noch

Im Interview mit der Sächsischen Zeitung zu seinem 50. Geburtstag hat er seine damalige Distanz so erklärt: "Es ist mein Verein, und ich kann es nicht akzeptieren, dass er irgendwo rumdümpelt und in der Führung persönliche Eitelkeiten wichtiger sind als der Verein. Mit solchen Strukturen konnte ich mich nicht identifizieren.“

Der Punkt treibt Sammer offenbar immer noch um, zumindest gestikuliert er mehr als zuvor, rutscht auf dem Stuhl hin und her und redet sich fast sogar in Rage. Dabei ist die Phase des Nebeneinanderherlebens inzwischen vorbei, man nähert sich wieder an. Was natürlich auch mit Menschen zu tun hat, namentlich hier an erster Stelle mit Ralf Minge, Dynamos Sportchef und Sammers früherem Mitspieler.

Man müsse miteinander reden, um zueinanderzufinden, meint Sammer und stellt fest: „Nur hat das ja noch nie stattgefunden.“ Das könne man ihm natürlich vorwerfen, sagt er, dass er zum Beispiel nicht mal nach Dresden komme und bei einem Heimspiel auf der Tribüne sitzt. 

Plötzlich hat das Gespräch eine ungeahnte Schärfe

Letztlich bricht Sammer seine Einlassungen abrupt ab, und plötzlich hat das „schöne Interview“ eine ungeahnte Schärfe, als er mit großen Augen fragt: „Ist es nicht wie in der Liebe?“

„Ja“, stimmt Buschmann seufzend zu, „aber es ist ja nie zu spät.“

„Nie“, antwortet Sammer, den Kopf schüttelnd, die Augen immer noch weit aufgerissen. Ob dieses Nie mehr Frage ist oder doch Feststellung, lässt sich nicht heraushören. „Nie“, sagt auch Buschmann daraufhin. Und dann ist Stille im Raum. 

Eine knisternde Spannung für Sekundenbruchteile, die sich wie eine kleine Ewigkeit anfühlt und gleich zur Explosion führt – wenn Sammer mittlerweile nicht so sehr in sich ruhen würde und Buschmann nicht das Thema gewechselt hätte.

Zumindest der Teil der Aufarbeitung ist also noch nicht ganz abgeschlossen, und doch Sammers grundsätzliches Interesse, Dynamo zu unterstützen, deutlich zu vernehmen. Wann und wie das gehen könnte und ob überhaupt? „Im Moment ist es, so wie es ist, sehr gut“, sagt Sammer. Als Berater von Borussia Dortmund ist er weiterhin nah dran am Fußball und ansonsten vor allem glücklicher Familienvater mit drei Kindern (28, 25 und 18 Jahre).

Dresden ist Heimat für ihn, nicht mehr sein Zuhause

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Das komplette, fünfteilige Interview mit Matthias Sammer gibt es auf DynamoTV.

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