SZ + Dynamo
Merken

Minge rechnet mit Schubert ab

Mit drastischen Worten verteidigt Dynamos Sportchef die Kritik am Torwart, der aus dem Kader gestrichen ist. Doch wie konnte es überhaupt so eskalieren?

Von Daniel Klein
 5 Min.
Teilen
Folgen
Ein Bild aus guten, aus vergangenen Tagen. Ralf Minge gratuliert Markus Schubert vor drei Jahren zum Aufstieg in die A-Jugend-Bundesliga.
Ein Bild aus guten, aus vergangenen Tagen. Ralf Minge gratuliert Markus Schubert vor drei Jahren zum Aufstieg in die A-Jugend-Bundesliga. © Robert Michael

Die handschriftlich gefüllten Blätter klemmen in einer gelben Mappe. Als er sie bei der Pressekonferenz aufschlägt, beginnt ein 15-minütiger, sehr emotionaler Vortrag. Ralf Minge wird laut, teilweise überschlägt sich seine Stimme sogar. Das Thema, der Wechsel von Markus Schubert in die Bundesliga nach dieser Saison, ist eines, das ihn aufwühlt. Dabei hat der Torhüter seine Entscheidung schon vor einer Woche mitgeteilt. Verstehen, das wird überdeutlich, kann sie der Sportdirektor auch mit etwas Abstand nicht.

Minge ist enttäuscht und ärgerlich, wirkt beinahe wütend. Und er nutzt die Rede, um sich zu verteidigen. Danach scheint klar zu sein: Schubert wird in den drei restlichen Saisonspielen nicht mehr im Tor stehen. Kurz vorher hatte Trainer Cristian Fiel erklärt, dass er heute beim Heimspiel gegen St. Pauli nicht zum Kader gehört. Eine Rückkehr erscheint ausgeschlossen. 

Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen rund um einen denkwürdigen Vorgang.

Warum fehlt Schubert das erste Mal in dieser Saison bei einem Pflichtspiel?

Der Trainer möchte ihn vor den Pfiffen, Schmähgesängen und Anfeindungen der eigenen Fans schützen. Fiel vergleicht Schubert mit seinem Sohn. „Ich würde Noah nicht zumuten wollen, was da am Freitag auf ihn zukommt“, erklärt er und ergänzt in Richtung Schubert: „Ich will ihn da nicht reinschicken.“ Hinzu kommt, dass Dynamo noch nicht gerettet ist, weiter gegen den Abstieg kämpft. „Für uns geht es um viel, wir brauchen hier eine Stimmung, die uns hilft, die Punkte zu holen, die nötig sind, um auch nächste Saison in der zweiten Liga spielen zu können.“ Er fürchtet, dass die Emotionalität rund um die Causa Schubert die Konzentration auf das Wesentliche überlagern könnte.

Knickt die sportliche Leitung damit vor den Ultras ein?

Dieser Eindruck entsteht zwangsläufig, und er ist ein fataler. Beim Spiel in Ingolstadt hatten die Ultras Schubert auf einem Plakat als Hure beschimpft und danach in einer Stellungnahme auf ihrer Homepage nicht nur die Wortwahl verteidigt. Er habe durch sein Verhalten jeglichen Anstand vermissen lassen, heißt es dort. Wenn Schubert nun aus dem Kader geworfen wird, wirkt es wie ein Einknicken vor dem eigenen Anhang. Fiel ahnt das, deshalb erklärt er, ohne danach gefragt zu werden: „Wenn irgendwann mal der Tag kommen sollte, an dem man mir sagt, wen ich aufstellen muss, dann wird das mein letzter Tag als Trainer sein.“

Dennoch ist dies ein einmaliger Vorgang, der sich jedoch in die jüngere Vereinsgeschichte einreiht. Wiederholt hatte die aktive Fanszene Einfluss auf administrative Entscheidungen genommen. In dieser sportlich brisanten Situation will niemand riskieren, dass die Stimmung auf den Rängen umschlägt – oder sich „ein Graben auftut“, wie es der Sportchef formuliert.

Wie reagieren Fiel und Minge auf die derbe Fankritik an Schubert?

Sie zeigen Verständnis. „Das Umfeld und die Fans sind hochgradig verletzt, weil sie den Jungen lieben“, meint der Trainer. Der Sportdirektor vergleicht das Verhältnis zwischen dem 20-jährigen Torwart und Dynamo wie das eines Paares: „Man ist jahrelang verliebt, entscheidet sich, irgendwann zu heiraten. Doch dann gibt es schon bei der Terminfindung Probleme. Und eines Tages kommt der Partner nach Hause und sagt: Ich heirate im Sommer jemand anders“, erzählt Minge. „Wenn die Liebe – wie in diesem Fall – groß ist, dann schlägt es ganz schnell ins Gegenteil um.“

Wie verletzt der 58-Jährige selbst ist, zeigt eine weitere Äußerung in Anspielung auf die Partie in Ingolstadt: „Wenn ich nicht der Geschäftsführer von Dynamo wäre, sondern nur ein Jahreskarteninhaber, dann hätte ich vielleicht auch gepfiffen. Ich schließe das nicht aus.“ Deutlicher geht es kaum. Er betont, dass nicht nur die Ultras Schubert kritisiert hätten. „Nachwuchstrainer, Sponsoren, Mitglieder, Freunde – alle sind mit dieser Entscheidung nicht zufrieden. Und sie haben das Recht, ihren Unmut zu äußern.“

Was wirft der Sportdirektor dem Torwart-Talent konkret vor?

Der Begriff Wortbruch fällt zwar nicht, doch darauf läuft es hinaus. In der Sommerpause vor dieser Saison soll Schubert versichert haben, dass er seinen Vertrag verlängert, wenn er die unangefochtene Nummer eins bei Dynamo wird. So schildert es zumindest Minge. „Wir haben das eingelöst.“ 

Dennoch zögerte Schuberts Management, bat immer wieder um Fristverlängerung. Mehr noch: „Ich bekam eine vierseitige Beleidigungsmail seines Beraters mit dem Vorwurf, wir würden den Jungen unter Druck setzen. Das war unterste Schublade“, echauffiert sich Minge. Schubert hat seinen Berater inzwischen gewechselt. „Das Problem war nicht die Entscheidung als solche, sondern der Weg dahin. Man kann eine Trennung auch anders vollziehen“, findet Minge. Schuberts Sicht auf die Dinge wäre spannend, doch weder er noch sein Management wollten sich bisher äußern.

Warum verrät Minge so viele Details, über die man eigentlich schweigt?

Auch die Kritik an ihm war zuletzt lauter geworden. Der Vorwurf: Warum wurde Schuberts Vertrag nicht viel eher verlängert? Warum kann er nun ablösefrei wechseln? Minge gesteht Fehler ein und auch, „naiv gewesen“ zu sein. Seine Erkenntnis: „Ich bin verarscht worden.“ Wenn er den Werdegang seines einstigen Musterschülers bei Dynamo ausführlich erzählt, wenn er all die Etappen der letztlich erfolglosen Vertragsgespräche auflistet, dann will Minge damit auch die Schuldfrage klären – zu seinen Gunsten. Verständnis für Schuberts Wechsel in die Bundesliga zeigt er in den insgesamt 35 Minuten, die er auf dem Podium sitzt, kein einziges Mal.

Wie geht es nun mit Schubert bis zum Saisonende weiter?

Aus dem Kader gestrichen ist er erst einmal nur für die Partie am Freitag. Was passiert, wenn der Klassenerhalt danach feststeht und die Situation entspannter ist? Fiel betont, dass er sich darüber „noch keine Gedanken gemacht“ habe. Doch nach Minges Monolog ist eine Rückkehr wohl ausgeschlossen. Schwer vorstellbar ist zudem, wie eine Verabschiedung beim letzten Heimspiel in 14 Tagen aussehen könnte. 

Gegen St. Pauli wird wohl Patrick Wiegers in die Startelf rücken. Der hat sein letztes Pflichtspiel vor zwei Jahren bestritten.