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Dynamos bittere Erkenntnis: "Und es ist trotzdem passiert"

Die Corona-Fälle haben nicht nur Dynamo erschüttert, der ganze Spielbetrieb steht in Frage. Und alle diskutieren über Dresdens Gesundheitsamt.

Ein Hinweisschild am Zaun des Rudolf-Harbig-Stadions. „Ich habe alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen“, sagt Dynamo-Profi Simon Makienok.
Ein Hinweisschild am Zaun des Rudolf-Harbig-Stadions. „Ich habe alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen“, sagt Dynamo-Profi Simon Makienok. © dpa

Dresden. Auf einmal ruht in Dresden der Ball wieder, über Dynamo aber reden alle. Besser gesagt: über den Fall Dynamo. Mit den beiden positiven Corona-Tests am vergangenen Wochenende sorgen die Dresdner, Tabellenletzter in der 2. Fußball-Bundesliga, nicht nur bundesweit für Schlagzeilen. Die Konsequenzen, nämlich zwei Wochen Quarantäne für die gesamte Mannschaft, könnten ein ohnehin fragiles Gebilde zum Einsturz bringen: die geplante Saisonfortsetzung in Corona-Zeiten unter Ausschluss von Zuschauern.

Am Samstag soll es losgehen. Fakt ist: Dynamo wird den Re-Start der Bundesliga vom Fernseher verfolgen. Doch wie geht es weiter? Und wie ist das überhaupt möglich, dass sich zwei Spieler infizieren, obwohl es in Dresden kaum noch neue Fälle gibt? Sächsische.de erklärt den Stand der Dinge.

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Wie ist Dynamo in diese erste Quarantäne-Woche gestartet?

Weitgehend wort-, aber nicht tatenlos. Innerhalb des Vereins wurden und werden unter Hochdruck die Entwicklungen analysiert. Für Interviewanfragen, und das mediale Interesse ist deutschlandweit riesig, wie Pressesprecher Henry Buschmann hat durchblicken lassen, steht vorerst jedoch keiner der Verantwortlichen zur Verfügung. Erst am Mittwoch wollen sich die beiden Geschäftsführer Michael Born und Ralf Minge öffentlich und ausführlich äußern.

Intern ist das schon am Sonntag passiert, vermutlich sehr deutlich sogar. Nachdem Dynamo in seiner Pressemitteilung zu den zwei neuen Corona-Fällen in einer „wichtigen Anmerkung zur Berichterstattung“ darauf hinwies, dass weder Verein noch betroffene Spieler möchten, dass Namen genannt werden (dies betreffe die Privat- bzw. Intimsphäre und falle unter strengen Persönlichkeitsrechtschutz), ist Simon Makienok selbst in die Offensive gegangen.

Der dänische Stürmer machte noch am Samstagabend via Instagram seinen positiven Test öffentlich. „Nachdem ich fünfmal getestet wurde, seit wir wieder mit dem Training begonnen haben, und jedes Ergebnis negativ war, bekam ich plötzlich einen Test zurück, der besagte, dass ich positiv auf Covid-19 getestet wurde. Keine Symptome, keine Indizien, nichts. Ich habe alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, die ich konnte. Und trotzdem ist es passiert“, schrieb Makienok.

Der Eintrag wurde inzwischen wieder gelöscht. Man habe das Thema mit dem Spieler intern besprochen, heißt es von Dynamos Seite. Eine Geldstrafe habe er nicht erhalten.

Den drei infizierten Profis, einer ist bereits seit 3. Mai in Quarantäne, geht es unverändert gut, sie sind weiterhin symptomfrei. Die anderen Spieler versuchen sich im Homeoffice fit zu halten, jeder mit individuellem Trainingsplan. Trotzdem sind sie, wie im DFL-Hygieneplan vorgesehen, am Montag erneut auf das Coronavirus getestet worden. Ergebnisse soll es im Laufe des Dienstags geben. Unabhängig davon gilt die vom Gesundheitsamt Dresden verfügte häusliche Quarantäne bis zum 22. Mai.

Wie ist das möglich, dass nach zwei negativen Tests der dritte positiv ist?

„Wer mit dem Corona-Virus in Kontakt kommt, ist nicht automatisch infiziert“, erklärt der Dresdner Virologe und Institutsleiter im Universitätsklinikum, Professor Alexander Dalpke. „Auch lässt sich das Virus erst zuverlässig nachweisen, wenn es sich im Körper entsprechend vermehrt hat. Die Inkubationszeit beträgt vier bis 14 Tage. Man kann also frühestens nach vier Tagen die Viren nachweisen, erst dann liegt ein positives Ergebnis vor. Wenn die beiden Spieler beim Test am 8. Mai positiv waren, heißt das nicht, dass sie nicht auch schon bei den Tests am 4. Mai beziehungsweise am 2. Mai oder bis zu 14 Tage vor dem 8. Mai Kontakt zu einem anderen Infizierten hatten“, sagt Dalpke, der in der SZ regelmäßig in seiner Corona-Kolumne die Vorgänge dieser Tage kommentiert.

Die zwei aktuellen Fälle müssen also längst nicht die letzten sein, so gut sich die Spieler jetzt auch schützen. Dass es gleich zwei Infizierte in der Mannschaft gibt, ist für den Experten nicht besonders aussagekräftig. „Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung hängt davon ab, mit wem und wie intensiv ich Kontakt zu einem Infizierten hatte – also ohne Abstand und Hygienevorschriften. Wie sich diese beiden Spieler verhalten haben, können wir von extern nicht beurteilen“, betont Dalpke.

Erstmals testen lassen hat sich am vergangenen Freitag auch Sportchef Minge. Er hatte seit der ersten Testreihe am 2. Mai keinen unmittelbaren Kontakt mehr zur Profiabteilung und hat auch seitdem den Kabinentrakt im Rudolf-Harbig-Stadion nicht betreten. Deshalb ordnete ihn das Gesundheitsamt in die Kontaktgruppe 2 ein. Bedeutet: Minge ist nicht in Quarantäne.

Warum wurde die gesamte Mannschaft unter Quarantäne gestellt?

Das ist die vielleicht am meisten diskutierte Frage, auch bei der DFL. Ligaboss Christian Seifert sagte noch am Samstagabend, dass er sich ein anderes Ergebnis gewünscht hätte. „Gleiche Regeln für alle“, entgegnet indes Kris Kaufmann, Bürgermeisterin für Arbeit, Soziales und Gesundheit auf die Frage. Die Quarantäne für das gesamte Team sei nötig, da alle intensiven Kontakt miteinander hatten. Seit vergangenem Donnerstag befindet sich Dynamo wieder im Mannschaftstraining ohne jegliche Abstandsregeln auf dem Platz.

Stadt-Pressesprecher Kai Schulz betont zudem auf SZ-Nachfrage, dass ausschließlich das Gesundheitsamt über die Quarantäne entschieden habe und auch nicht etwa ein Vorschlag vom abstiegsbedrohten Zweitliga-Tabellenletzten dazu beigetragen hat. Und über die Facebook-Seite der Stadtverwaltung erklärt er weiter, dass es bei jedem Covid-19-Befund auch darum geht, die Ansteckungskette zu rekonstruieren und alle Kontakte zu definieren. 

„Im Falle der SGD sind dies nach der Analyse des Mannschaftstrainings alle Beteiligten. Damit sind auch alle Kontaktpersonen unter häuslicher Quarantäne zu stellen. Dies passiert vor allem, um eine unkontrollierte Verbreitung des Virus zu verhindern. Erschwerend kommt im Fall von Dynamo hinzu, dass die Ursache der Ansteckung unklar ist und damit die Gefahr besteht, dass weitere bisher unentdeckte Fälle vorhanden sind“, schreibt Schulz.

Auch Ute Teichert, die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, verteidigt das Vorgehen der Behörden. „Vertraut doch den Leuten, die das machen. Die haben die Ausbildung, die können auch entscheiden und die können genauso gut auch differenzieren, in einem Fall ist es so und im anderen so“, so Teichert am Sonntagabend in der ARD-Sendung Anne Will. Die Fälle in Köln und in Dresden seien unterschiedlich.

Beim Bundesligisten Köln waren nur die drei positiv auf das Coronavirus getesteten Spieler in Quarantäne geschickt worden. Doch anders als Dynamo jetzt hat Köln damals in Kleingruppen trainiert.

Besteht die Möglichkeit, dass die Tests fehlerhaft sind?

Theoretisch ist bei der Entnahme der Probe ebenso möglich wie bei der Analyse im Labor, sagt Virologe Dalpke. Nur hält er die Wahrscheinlichkeit für sehr gering, weil die Tests durch die „versierte und geübte Fachärztin“ Dr. Sarah Dräger vom Uniklinikum Dresden vorgenommen wurden. Auch die Rate der Fehlerquote im Labor sei äußerst gering.

Wie sind die Reaktionen auf den Fall Dynamo?

Ausgerechnet ein Dresdner Profi wundert sich wenig über die Corona-Fälle. Für Sascha Horvath, das sagt der Österreicher der Heimatzeitung Krone, war dieses Szenario nur eine Frage der Zeit. „Weil die Ansteckungsgefahr viel zu hoch ist.“ Bei ihm sind die Tests negativ ausgefallen, aber er merkt an: „Du kannst dir das Virus schon ohne Probleme beim Einkaufen einfangen und hast dann im Mannschaftstraining den ständigen Körperkontakt.“ Die Quarantäne-Nachricht am Samstag hat ihn dennoch geschockt: „Wir kamen noch normal zum Team-Training. Plötzlich wurde jeder Spieler nach der Besprechung heimgeschickt. Ich konnte es einfach nicht glauben.“

So ähnlich sind die Reaktionen auch bei Hannover 96, Dynamos eigentlicher Gegner am Sonntag. „Es gehen einem dann sofort viele Gedanken durch den Kopf. Ich empfehle, dass die DFL die notwendigen Fragen klärt und Entscheidungen trifft mit der Prämisse, die Saison auf jeden Fall zu Ende zu spielen – notfalls in den Juli hinein“, sagt Martin Kind, Hannovers Geschäftsführer und Mäzen.

Für Eduard Geyer, Dynamos früherem Meistertrainer, ist die Konstellation schon seit Wochen klar. „Von Fairness und Gleichheit kann man nicht reden. Und für Dynamo Dresden ist es jetzt besonders hart“, sagt Geyer und fordert den Saisonabbruch. Für Geisterspiele könne er sich überhaupt nicht begeistern. Mit dem Quarantäne-Fall sei alles nur noch komplizierter geworden.

Welche Konsequenzen zieht die DFL?

Bislang keine. Am Montag hat der Ligaverband nach SZ-Informationen aber intensive Beratungen über die Auswirkungen auf den Spielplan in der 2. Bundesliga begonnen. Ein denkbares Modell: An diesem und vielleicht auch dem darauffolgenden Wochenende spielt nur die erste Liga.

Dynamo könnte in der Zeit zwar trotzdem nicht trainieren, dieser Wettbewerbsnachteil bliebe. Aber zumindest würden so alle Zweitligisten einigermaßen zeitgleich in die Restsaison starten, die aufgrund der Relegation ohnehin bis in den Juli hineinreicht. „Wir haben Puffer“, kündigte DFL-Chef Seifert schon an. Ein Saisonabbruch erscheint derzeit ausgeschlossen.

Ist das Hygienekonzept und der Plan weiterzuspielen gescheitert?

Das Konzept bezogen auf den Virus scheint zu wirken, sagt Virologe Dalpke. „Wenn man jetzt zwei Positive findet, spricht das eher für ein Funktionieren – denn man hat ja bis dato Unerkannte detektiert.“ Das Vorhaben aber, die Saison bis Ende Juni fair zu Ende zu spielen, scheint nicht aufzugehen. „Es war vorher schon unsolidarisch, halbgar und unverantwortlich“, kritisiert der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock in der ARD-Tagesschau: „Und jetzt wird es auch noch ungerecht.“

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„Sollte es noch zwei, drei Fälle wie in Dresden geben ... dann muss man schon sagen, dass das System auf tönernen Füßen steht“, räumt Borussia Mönchengladbachs Sportchef Max Eberl ein. Im Fall Dresden sei es „schon so, dass der Wettbewerb nicht komplett gleich ist, damit müssen wir leider leben. Aber das tun wir gerne im Sinne des Fußballs.“ Er hat leicht reden. Für Dynamo wird die ohnehin schon prekäre sportliche Situation noch bedrohlicher. „Ein Verein hat einen totalen Wettbewerbsnachteil. Und dann noch ein Verein, bei dem es ja wirklich um die Existenz in der 2. Liga geht“, sagt Ethiker Dabrock. (mit SZ/jv, SZ/cs, sid, dpa)

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