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Widersprüche beim Boykott der Dynamo-Ultras

Die aktive Fanszene reist nicht zum Auswärtsspiel nach Karlsruhe am Samstag. Der Verein begrüßt das, verheddert sich aber bei der Begründung.

Als „Football-Army Dynamo Dresden“ traten die Fans im Mai 2017 in Karlsruhe auf. Diesmal bleibt der Block halbleer.
Als „Football-Army Dynamo Dresden“ traten die Fans im Mai 2017 in Karlsruhe auf. Diesmal bleibt der Block halbleer. © Mike Worbs

Die Atmosphäre im Wildparkstadion wird eine besondere sein. Der Gästeblock bleibt halbleer. Dynamo rechnet mit 600 Fans, die zum ersten Auswärtsspiel der Saison nach Karlsruhe reisen werden. Das ist wenig, gemessen am sonstigen Zuspruch, der selten unter 2.000 schwarz-gelben Anhängern liegt. Die aktive Fanszene hat zu einem Boykott der Partie beim Zweitliga-Aufsteiger aufgerufen, veranstaltet stattdessen zusammen mit dem Verein ein Public Viewing im Rudolf-Harbig-Stadion. Die Aktion ist genauso ungewöhnlich wie die Begründung, die Fragen aufwirft.

Warum wollen die Ultras nicht nach Karlsruhe reisen?

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Auf ihrer Internetseite begründen sie den Verzicht mit den – aus ihrer Sicht – zu erwartenden Polizeimaßnahmen. „Rund um dieses Spiel soll es die gewünschten Bilder geben“, schreiben sie. „Staatsanwaltschaft, Polizei, Funktionäre und Medienvertreter warten nur darauf, bis sich die ersten Dynamofans ,falsch‘ verhalten. Diese Show wollen und werden wir ihnen nicht geben.“ Hintergrund sind die Vorfälle beim vergangenen Dynamo-Spiel in Karlsruhe am 14. Mai 2017. Damals waren rund 1.500 Anhänger in Tarnkleidung als „Football-Army“ zum Wildparkstadion marschiert. Rund ums und im Stadion kam es zu Straftaten, die Polizei zählte 15 verletzte Beamte und 21 verletzte Ordner. Die juristische Aufarbeitung, die von einer Sonderkommission geleitet wurde, dauert bis heute an. Es laufen Verfahren gegen 50 Beschuldigte. Offenbar glauben die Ultras, dass die Ermittlungsbehörden am Samstag weitere Maßnahmen geplant hatten.

Wie positioniert sich der Verein zu dem Boykott?

Dynamo begrüßt ihn in einer Pressemitteilung ausdrücklich und unterstützt deshalb das Public Viewing in Dresden. Der Verein begründet diese „besondere Maßnahme“ mit der „angespannten Sicherheitslage und vor dem Hintergrund der Empfehlung der Sicherheitsträger in Karlsruhe sowie Dresden“. Auf SZ-Nachfrage konkretisiert der kaufmännische Geschäftsführer Michael Born, wer mit Sicherheitsträgern gemeint ist: Neben den beiden Vereinen seien dies die Deutsche Fußball-Liga sowie die Polizeidirektionen in Karlsruhe und Dresden. Der KSC-Fanbeauftragte Holger Brandenburg erklärt allerdings: „Der KSC hat Dynamo zu keinem Zeitpunkt geraten, der aktiven Fanszene einen Anreiseverzicht zu empfehlen.“ Ähnlich formulieren es die Beamten in Dresden: „Die Polizeidirektion hat keinerlei Empfehlung ausgesprochen“, sagt Sprecher Marko Laske. Das Polizeipräsidium Karlsruhe begrüßt das geplante Public-Viewing, betont aber, dass die Initiative dafür „alleinig aus Dresden“ kam.

Was spricht sonst für ein Fernbleiben der aktiven Dynamo-Fanszene?

Geschäftsführer Born erinnert an den „völlig unverhältnismäßigen Polizeieinsatz der Beamtinnen und Beamten aus Baden-Württemberg“ beim DFB-Pokalspiel Ende Oktober 2017 in Freiburg. Danach hatten mitgereiste Fans wie auch Vereinsvertreter das Auftreten der Einsätzkräfte scharf kritisiert. Born listet weitere Argumente auf, die seiner Meinung nach eine angespannte Sicherheitslage am Samstag erkennen lassen. So sei ohne den Fanverzicht mit einem Großaufgebot der Polizei zu rechnen gewesen und die Partie als Hochrisikospiel eingestuft worden. Zudem wären „Aggressionen und Eskalationen von allen Seiten nicht auszuschließen gewesen“. Folgt man dieser Argumentationskette, dann müsste die aktive Fanszene wohl noch einige weitere Spiele in dieser Saison boykottieren. Die Duelle gegen Aue, den Hamburger SV und St. Pauli

Was könnte noch hinter dem Aufruf der Ultras stecken?

Offenbar haben einige der 50 Beschuldigten vom Mai 2017 Angst vor weiteren Untersuchungen, wenn sie nach Karlsruhe reisen. Im Dezember 2017 hatten 400 Beamte bei einer Razzia 34 Wohnungen und Geschäftsräume von Verdächtigen untersucht und dabei Beweismaterial sichergestellt. Ob die Sonderkommission am Samstag tatsächlich nochmals im Einsatz gewesen wäre, ist allerdings reine Spekulation. Laut Staatsanwalt Mirko Heim sind die polizeilichen Ermittlungen inzwischen abgeschlossen.

Wie reagiert Karlsruhe auf den Verzicht?

Sowohl der KSC als auch die Polizei scheinen erleichtert zu sein. „Das attraktive Alternativangebot in Dresden ist eine hervorragende Maßnahme, um kritischen Situationen in Karlsruhe vorzubeugen“, teilt Polizeisprecher Raphael Fiedler mit. Die Partie wurde nach dem angekündigten Boykott auf ein Risikospiel heruntergestuft, es gibt im Stadion auch Alkohol. Auch KSC-Sicherheitsbeauftragter Brandenburg glaubt, dass die Maßnahme als deeskalierend angesehen werden kann und „respektiert die Entscheidung der aktiven Fanszene aus Dresden“, wie er schriftlich mitteilt.

Haben Dynamo-Fans schon mal ein Auswärtsspiel boykottiert?

Einen freiwilligen Verzicht gab es bisher nur, wenn ausschließlich personalisierte Tickets für Gästefans verkauft wurden – wie für die Zweitligapartien in Cottbus (Juli 2011) und beim FC St. Pauli (August 2017). Ansonsten wurden die schwarz-gelben Anhänger vom DFB-Gericht zum Fernbleiben verurteilt. Auswärtsspiele mit einem Ausschluss der Gästefans gab es in der Vereinsgeschichte zwei, konsequent umgesetzt wurden die Strafen aber nicht, weil die Fans an Tickets und auch in die Stadien kamen. So sahen rund 500 Anhänger im April 2010 das 0:0 in Unterhaching, im März 2012 waren es sogar etwa 1 000, die das 0:3 bei Eintracht Frankfurt erlebten.

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2016 stieg Dynamo begleitet von Ausschreitungen in die 2. Liga auf, 2017 marschierte die "Football Army". Warum sind die Vorfälle bis heute nicht geklärt?

Wegen der fehlenden Wirksamkeit der Beschränkungen nahm der DFB von Teilausschlüssen Abstand. Inzwischen wurden Kollektivstrafen sogar komplett ausgesetzt, weiterhin werden die Vereine aber zur Kasse gebeten.

Dies hätte womöglich auch am Samstag gedroht. Es könnte ein weiterer Grund sein, warum Dynamo der Ultra-Boykott nicht ungelegen kommt.

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