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Die Geschichte von Dynamos Derby-Helden

Lucas Röser und Justin Löwe drehen mit ihren Toren das Spiel in Aue. Der eine war lange außen vor, den anderen kannte bisher kaum einer.

Dynamos Spieler umjubeln ihren Torschützen zum 1:2, Justin Löwe.
Dynamos Spieler umjubeln ihren Torschützen zum 1:2, Justin Löwe. © Robert Michael / dpa

Die Erinnerung ist zulässig, der Vergleich jedoch nicht. Cristian Fiel will jedenfalls dazu lieber nichts sagen, später verrät Dynamos Chefcoach aber doch, was er sich dabei gedacht hat. Nur eines stellt er sicherheitshalber klar: „Ich habe ihm nicht gesagt, er werde ein Tor schießen, das nicht!“ Die Geschichte klingt sowieso unglaublich, eben so wie die nach dem WM-Finale 2014. Er solle der Welt zeigen, dass er besser ist als Messi, hatte Bundestrainer Joachim Löw in jener weltmeisterlichen Nacht in Rio zu Mario Götze gesagt – und der Eingewechselte das Siegtor gegen Argentinien in der Verlängerung geschossen.

Fiel will wohl nicht in den Verdacht geraten, übergeschnappt zu sein, also weicht er lieber aus. Dabei hat er es so ähnlich gesagt zu Justin Leo Löwe, von dem bis Montagabend wohl, außer seinen Mannschaftskameraden, kaum einer wusste, dass er Profi bei Dynamo ist. Gespielt hatte er bis dahin lediglich eine Minute, von seinem Kurzzeit-Debüt am 2. November 2018 beim 3:1 gegen Sandhausen hatte niemand Notiz genommen. Es schien nicht mehr als eine Geste gewesen zu sein, ein Dankeschön für seinen Trainingsfleiß.

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Löwe gilt als besonders talentiert und außergewöhnlich engagiert. „Dass Leo ein wirklich guter Spieler ist, technisch unfassbar stark, mit einer super Mentalität, wusste ich schon, seit ich in der U19 sein Co-Trainer sein durfte“, sagt Fiel. Der Auserwählte kann es dagegen kaum glauben, dass er eingewechselt werden soll. Es steht 1:1 und dieses Sachsenderby auf der Kippe, in so einer kritischen Situation bringt nicht jeder Trainer einen 20-Jährigen, der de facto keine Zweitliga-Erfahrung hat. „Ich habe nicht eine Sekunde gezweifelt, ob ich ihn bringen kann oder nicht“, betont Fiel – und er sagt Löwe, was eben ein bisschen so klingt wie bei Götze und Messi: „Junge, das wird dein Tag, genieß es!“

Wenn er es so gemeint hätte, wie es tatsächlich kommt, hätte der 39-Jährige hellseherische Fähigkeiten. Die bestreitet Fiel jedoch und erklärt, was er ihm sagen wollte: „Sein zweiter Profi-Einsatz in einem Montagabendspiel gegen Erzgebirge Aue – mehr geht doch nicht, oder? Das wollte ich ihm mit auf den Weg geben: Es gibt keinen Grund, irgendwie nervös zu sein oder vor irgendetwas Angst zu haben.“ Wenig später pfeift er den jungen Mann aber zu sich und staucht ihn zusammen.

Plötzlich als vierter Stürmer

„Ich habe nicht ganz das gemacht, was ich sollte“, gesteht Löwe mit einem breiten Grinsen. Das Leuchten in seinen Augen erzählt von den Glücksgefühlen, die er „unbeschreiblich“ nennt. „Er sollte defensiver spielen, plötzlich steht er als vierter Stürmer in der vordersten Reihe“, kommentiert Fiel auch hinterher kopfschüttelnd das Fehlverhalten, zuckt mit den Achseln und winkt ab: „Nach dem Tor habe ich nichts mehr gesagt.“ In der Szene hat Löwe nämlich die Vorgabe umgesetzt, bei einer Ecke an der Strafraumgrenze auf einen Abpraller zu lauern. Und als ihm der Ball vor die Füße fällt, hält er unerschrocken drauf, abgefälscht, unhaltbar, drin. Dynamo führt plötzlich mit 2:1, hat zum ersten Mal in dieser Saison einen Rückstand gedreht.

Löwes Kommentar: „Ein irrer Abend!“ Er vergisst nicht, der Mannschaft ein Kompliment zu machen, wie sie zurückgekommen ist nach der ersten Halbzeit, in der die allgemeine Unsicherheit nach sieben sieglosen Versuchen jede Spielfreude gelähmt hatte. Tatsächlich ist Löwe nicht allein ein Derby-Held, was unmöglich ist in einem Teamsport. Hinterher rücken die Torschützen in den Mittelpunkt, aber fast jeder hatte mindestens eine Schlüsselszene wie Markus Schubert. Der Torwart pariert den Kopfball von Ex-Dynamo Pascal Testroet stark, es wäre das 2:1 für Aue gewesen.

Und natürlich Lucas Röser, der mit einem Hackentrick den erfahrenen Auer Schlussmann Martin Männel austrickst. „Das hat gut geklappt“, sagt Röser und grinst dabei schelmisch. „Das ist eine Situation, in der denkst du zum Glück überhaupt nicht nach, machst es einfach, wie es kommt.“ Ausgerechnet Röser. Der Stürmer war nur zweite Wahl, obwohl er – gemessen an seiner Spielzeit – eine starke Trefferquote hat, vorige Saison mit neun Toren Dynamos bester Schütze gewesen ist.

Der Moment, in dem sich das Derby dreht: Dynamos Lucas Röser (r.) hat den Ball mit der Hacke ins Auer Tor gekickt.
Der Moment, in dem sich das Derby dreht: Dynamos Lucas Röser (r.) hat den Ball mit der Hacke ins Auer Tor gekickt. © Robert Michael / dpa

Nachdem Röser gegen Magdeburg als Joker getroffen hatte, ließ ihn Fiel in Aue von Anfang an ran. Dieses Vertrauen zahlt sich kurz nach der Pause aus, in der der Trainer mehr Derby-Leidenschaft gefordert hatte. „Wir hatten das Spiel zwar kontrolliert, waren aber nicht zwingend. Das hat er angesprochen, dass wir mehr aufs Tor und aggressiver in die Zweikämpfe gehen müssen“, berichtet Röser von der Standpauke. Ob es wirklich eine war, also Fiel laut geworden ist, will er selbst nicht mehr wissen – ist ja auch egal, gewirkt hat sie.

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In der 77. Minute wechselt der Trainer aus – den einen Torschützen gegen den nächsten. Dass danach auch Erich Berko trifft und mit dem 3:1 alles klar macht, ist schon wieder eine Überraschung, weil dem Angreifer bis dahin das fehlte, was ein Angreifer braucht: die Entschlossenheit im Abschluss. Anders bei Löwe. Der zieht ab, ohne zu zögern. „Was mich besonders stolz macht, wenn die Mitspieler sagen: Du hast es dir besonders verdient. Ich spüre, wie sehr sie sich für mich mit freuen“, sagt Dynamos neuer Glückspilz, der vor einem Jahr an den Viertligisten FC Oberlausitz nach Neugersdorf ausgeliehen war.

Und um auf den Vergleich mit Messi zurückzukommen: Löwe ist natürlich kleiner als der Weltstar aus Argentinien – mit seinen 1,68 Meter genau zwei Zentimeter. Für Dynamos Fans ist er trotzdem der Größte – mindestens für ein paar Tage.