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Dynamos Torwart will kein Held sein

Er hält Elfmeter, spielt Darts und spricht Polnisch: Kevin Broll ist die neue Nummer eins bei den Dresdnern - und räumt einen Fehler ein.

Als Torwart hat Kevin Broll eine besondere Position, eine Sonderrolle möchte der Neuzugang von Dynamo jedoch nicht.
Als Torwart hat Kevin Broll eine besondere Position, eine Sonderrolle möchte der Neuzugang von Dynamo jedoch nicht. © dpa/Robert Michael

Es ist ihm unangenehm, darüber zu sprechen, sogar peinlich, wie er sagt. Dabei kann er stolz sein auf diese Quote: Acht von zwölf Elfmetern hat Kevin Broll für Großaspach gehalten, so viele wie bisher kein anderer Torwart in der 3. Fußball-Liga. „Ich komme mir selber blöd vor, wenn ich das erklären soll“, sagt der 23-Jährige, der seit dieser Saison bei Dynamo Dresden im Tor steht. „Ich springe einfach in eine Ecke, der Schütze schießt dorthin – Glück für mich, Pech für ihn.“

Einen Heldenstatus mag Broll nicht, schon gar nicht will er ihn am Samstag. Dabei könnte es im DFB-Pokalspiel sogar zum Elfmeterschießen kommen, was für die Schwarz-Gelben jedoch bereits eine Blamage wäre. Denn als Zweitligist ist Dynamo gegen den Amateurverein TuS Dassendorf, der in der Oberliga Hamburg drei Klassen tiefer spielt, natürlich klarer Favorit. „Ich wünsche mir ein souveränes Weiterkommen und dass wir Tore schießen“, sagt der Mann, der Gegentreffer verhindern soll.

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Das hat bisher nur bedingt geklappt, wobei Broll lediglich einmal gepatzt hat – nicht mit den Händen, sondern mit dem Fuß. Beim 2:4 in Karlsruhe leitete er einen Treffer mit einem Pass zum Gegner ein. „Das musste echt nicht sein. Ich habe den Ball total schlecht getroffen, er ging ja nicht mal in die Nähe eines Mitspielers“, räumt er seinen Fehler ein, hadert aber nicht wegen dieser Szene. „So etwas passiert, daraus muss man lernen, trotzdem die Ruhe bewahren, nichts Verrücktes veranstalten, solide weiterspielen.“

Als neue Nummer eins bei Dynamo wird er besonders kritisch beäugt, zumal nach dem Wirbel um den Wechsel seines Vorgängers Markus Schubert zu Schalke 04. „Darüber mache ich mir keine Gedanken“, meint Broll. Er ist den Dreikampf um den einen Platz zwischen den Pfosten mit Patrick Wiegers und Tim Boss selbstbewusst angegangen. „Ich kannte das, war noch nie vor einer Saison als erster Mann gesetzt.“ Als er allerdings wegen einer Rippenprellung pausieren musste, sei das ein Nackenschlag gewesen. „Das hat auch an der Seele gefressen.“ Deshalb hat er die Schmerzgrenze für sich ein wenig verschoben und „irgendwann auf die Zähne gebissen und es halt durchgezogen“.

Er kann Spiele mit entscheiden

Als ihm Cristian Fiel endlich gesagt hat, dass er zum Auftakt gegen Nürnberg in der Startelf steht, habe er die – umschreiben wir es mit – Kronjuwelen kurz verloren. „Aber schnell wiedergefunden.“ Der Reiz für den Torwart liege darin, Spiele mit entscheiden zu können, meint er – und ist sich bewusst: „In beide Richtungen.“ Vielleicht sind Torhüter deshalb oft ein wenig verrückt, und Broll ist es auch. Das sagt er über sich, auch wenn man ihm das derzeit kaum glauben mag.

„Im Moment bin ich ein bisschen zu ruhig, weil ich noch relativ neu hier bin“, erklärt er und beschreibt sich sonst als giftig. „Ich kann auch anders als nett und höflich, das ganze Prozedere: Mal ein bisschen laut, mal ein bisschen durch den Wind.“ Torwart eben. Das ist er, seit er sich bei einem Turnier der F-Jugend freiwillig ins Tor gestellt hat. „Ich habe wohl zwei, drei Bälle gehalten – und so stand ich fortan in der Kiste.“ Was wiederum kein Zufall war.

Sein Vater Christof hatte es vorgemacht, wenn auch nicht als Profi. Er kam mit Mutter Karin aus Polen nach Deutschland, Kevin und sein zwei Jahre älterer Bruder Dennis – Torwart beim VfB Gartenstadt in der Verbandsliga Nordbaden – wurden in Mannheim geboren. „Ich spreche Polnisch, aber nicht perfekt“, erzählt Kevin Broll. Als Kind war er oft bei den Verwandten bei Tarnowitz, Nähe Kattowitz, in Schlesien, feiert dort Weihnachten mit der Familie. Er besitzt beide Staatsbürgerschaften, wie er staunend erfahren hat, als er sich einen neuen Personalausweis ausstellen ließ. Sein Opa, den er nicht mehr kennenlernte, hat einst bei Stahl Mielec im Europapokal der Landesmeister gespielt, als auch Dynamo international dabei war.

Dynamos Torwart pariert einen Torschuss am 1. Spieltag gegen den 1. FC Nürnberg.. 
Dynamos Torwart pariert einen Torschuss am 1. Spieltag gegen den 1. FC Nürnberg..  © dpa/Robert Michael

Den Traum, dorthin zurückzukehren, hat sich der Verein ins Leitbild geschrieben. Der Alltag aber heißt zweite Liga und ist mühsam, wie die zwei Niederlagen zum Start der neuen Saison einmal mehr gezeigt haben. „Wir spielen schön, aber bisher ohne Ertrag“, bringt Broll das Problem auf den Punkt. Das soll sich ändern, am besten sofort. „Wir müssen konsequenter und durchschlagskräftiger werden.“

Seine Aufgabe ist es, ein sicherer Rückhalt zu sein – allen Skeptikern zum Trotz. Mit diesem Anspruch an sich selbst ist Broll zu Dynamo gekommen, zu diesem „ambitionierten Verein“ mit dem „phänomenalen Umfeld“. Am Mittwoch ist der Single in Dresden in seine eigene Wohnung gezogen und hat sich „erst mal eine Dartsscheibe aufgehängt und ein paar Runden geworfen“. Zur Entspannung. „Andere spielen Golf, ich spiele Darts“, sagt er und nennt grinsend den Grund: „Weil das billiger ist.“

In Großaspach hat er ab und zu mit Lucas Röser gespielt, diese Duelle können sie nun in Dresden fortsetzen. „Du brauchst die Ruhe, darfst nicht nervös werden, wenn du zwei-, dreimal nicht triffst. So werde ich den Stress los, den man als Torwart hat“, erklärt Broll. „Das ist eher Kopfstress als Bewegungsstress.“ Wobei er das so auch wieder nicht stehen lässt. „Wenn einer meint, der geht ins Tor, weil er sich nicht so viel bewegen will, muss sich unsere Trainingseinheiten angucken: Als Torhüter stehst du unter Dauerbeschuss.“

In 14 Spielen ohne Gegentor

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Extra Mut erfordere es nicht, sich den Bällen entgegenzuwerfen, meint er. „Ein Spieler muss genauso mutig auf dem Platz agieren, sich trauen, aus der Distanz zu schießen und nicht nur Fünf-Meter-Pässe zu spielen.“ Als Torwart hat er zweifellos einen besonderen Platz, eine Sonderrolle aber mag Broll nicht. Deshalb verdreht er beim Thema Elfmeter eben die Augen. Wie wertvoll er sein kann, drückt eine andere Statistik viel deutlicher aus. In 38 Spielen für Großaspach hat er vorige Saison 14-mal zu null gespielt, insgesamt nur 39 Gegentore kassiert – und das in einer Mannschaft, die um den Klassenerhalt kämpfen musste.

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