merken
PLUS Dynamo

Der Dynamo-Trainer, der zurückgetreten ist

Helmut Schulte hat Dynamo in der Bundesliga übernommen – und nach einer Saison genug erlebt. Seine Erinnerungen.

Helmut Schulte saß in Dynamos erster Bundesliga-Saison 1991/92 auf dem Trainerstuhl. Nach einem Jahr hatte er genug erlebt – und trat zurück.
Helmut Schulte saß in Dynamos erster Bundesliga-Saison 1991/92 auf dem Trainerstuhl. Nach einem Jahr hatte er genug erlebt – und trat zurück. © Frank Dehlis

Turbulent ist es immer bei Dynamo, derzeit wieder besonders. Emotional sowieso. Doch die Zeit, in der die Schwarz-Gelben in die Bundesliga stürmten, war sogar eine besonders außergewöhnliche. Erst im Rückblick wird deutlich, welch herausragende Leistung es war, sich 1991 für die höchste deutsche Spielklasse qualifiziert und vier Jahre darin behauptet zu haben. Jetzt werden im neuen Buch, erschienen im Verlag Saxophon, Dynamos vergessene Helden gewürdigt: von Allievi bis Zickler.

In 55 Porträts erzählen die Spieler, was sie damals erlebt haben und wie es danach für sie weitergegangen ist. Sie gewähren tiefe, teils sehr persönliche Einblicke. Spannende Erinnerungen an ein besonders aufregendes Kapitel der Vereinsgeschichte. Außerdem sprechen sechs Trainer über ihre damaligen Erfahrungen – wie Helmut Schulte. Er kam im Juni 1991 als neuer Cheftrainer für die Bundesliga nach Dresden. Jetzt verrät der 62-Jährige, was damals in der Kabine passierte.

ECHT.SCHÖN.HIER
Sachsen entdecken und erleben
Sachsen entdecken und erleben

Lernen Sie unbekannte Orte der Region kennen - wir geben Ihnen Insidertipps um die Heimat neu zu erkunden und lieben zu lernen.

Herr Schulte, haben Sie sich gewundert, dass Dynamo nach der erfolgreichen Qualifikation für die Bundesliga das Trainer-Duo Reinhard Häfner/Hartmut Schade entlassen hatte?

Ich habe mich schon gewundert, war aber nicht mehr wirklich überrascht. Ich hatte vorher mal einen Anruf vom 1. FC Köln bekommen, die mit Christoph Daum Zweiter hinter den Bayern geworden waren. Es ginge mit Daum nicht mehr, der habe Höhe gekriegt – und was die mir alles erzählt haben. Das habe ich mir eine Nacht überlegt, aber bei St. Pauli hatten wir gerade Manager Georg Volker verloren, der ging zum HSV. Wenn ich jetzt in den Sack haue trotz Vertrag – das kann ich nicht machen. Der FC hat dann Erich Rutemöller verpflichtet.

Bei Dynamo haben Sie dann zugesagt ...

Ja, aber vorher auch gefragt: Wieso? Ziegenbalg (damals Präsident/d. A.) meinte: Wir brauchen einen Trainer, der die Bundesliga und den Abstiegskampf kennt …

Helmut Schulte im Dezember 2018.
Helmut Schulte im Dezember 2018. © Sven Geisler

So viel Erfahrung hatten Sie bis dahin aber auch nicht. Hat Sie das überzeugt?

Nee, ich war mit Pauli aufgestiegen, wir hatten einmal die Klasse gehalten, nach zweieinhalb Jahren bin ich rausgeflogen. Wir sind dann mit Dynamo drin geblieben, und ich bin – so möchte ich das mal sagen – mit einem blauen Auge davongekommen.

Wie meinen Sie das?

Das Ziel wurde zwar erreicht, von daher war es okay. Aber Dynamo hätte einen wirtschaftlichen Geschäftsführer mit hoher sozialer Kompetenz gebraucht, der zudem weiß, wie der Profi-Fußball funktioniert. Das war doch ein radikaler Umbruch von einem System, in dem der Verein staatlich subventioniert worden ist, zu einer Ordnung, wo er plötzlich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen funktionieren musste. Viele Menschen hatten Angst, ihren Job zu verlieren, ihre Familie nicht mehr ernähren zu können. In diesem Klima diesen Klub zu führen, war sehr schwierig. Jemanden zu holen, der dabei helfen kann, wäre wichtiger gewesen als ein neuer Trainer. Fußball ist Fußball, in der Bundesliga spielt man nur gegen andere Mannschaften. Der größte Hammer waren für mich allerdings die Stasi-Geschichten, weil sie die Mannschaft betroffen haben.

Wann haben Sie davon erfahren?

Ich bekam eine Woche vor dem Rückrundenstart einen aufgeregten Anruf: Wir müssen uns sofort treffen, morgen ist die Hölle los! Ein Reporter hatte Torsten Gütschow vorab informiert, dass es am nächsten Tag in der Zeitung stehen werde. Wir hatten unser letztes Vorbereitungsspiel in Chemnitz. Ich sagte: Dort kann er nicht spielen. Der Präsident und die anderen entgegneten: Doch, der muss spielen! Nein, der hat doch alles andere im Kopf, bringt den ganzen Laden durcheinander. Der Kompromiss war: Wir fragen Torsten, ob er spielen kann. Was soll er sagen? ,Natürlich spiele ich!‘ In seiner unnachahmlichen Art. Er ist ja ein super Typ. Aber er ist rumgelaufen wie Falschgeld, gut, das war auch vor der Stasi-Nummer manchmal so (lacht).

Wie sind Sie als Trainer mit der Situation umgegangen?

Ich wusste gar nicht, damit umzugehen, ich wollte, dass es so schnell wie möglich erledigt ist. Irgendetwas machen, damit es weg ist. Das ging natürlich nicht. Ich habe dann gesagt: Passt auf, Leute, ich bin am weitesten weg von der Arie. Wenn noch einer dabei war, ist jetzt der Zeitpunkt, es zu sagen. Dann ziehen wir einen Schlussstrich und machen weiter. Ich konnte doch nicht einschätzen, wie schlimm das gewesen ist. Aber ich hatte bei Torsten zum Beispiel das Gefühl, es war mehr oder weniger Kasperletheater, und er hat denen irgendwelche Belanglosigkeiten erzählt.

Helmut Schulte mit Dynamo-Legende Dieter Riedel 2004.
Helmut Schulte mit Dynamo-Legende Dieter Riedel 2004. © Archiv SZ-Thomas Lehmann

Trotzdem haben Sie mit Dynamo den Klassenerhalt geschafft, Ihr Vertrag hat sich automatisch verlängert. Wieso haben Sie freiwillig Schluss gemacht?

Ich hatte das Gefühl, durch diesen Abstiegskampf in der Arbeit mit der Mannschaft durch zu sein. Ich hatte schon das ganze Repertoire gespielt und dachte, das wird nächste Saison nicht mehr gut gehen. Nein, es waren so viele Sachen passiert …

Erzählen Sie bitte.

Ich habe mal drei Monate nicht mit Steffen Büttner gesprochen, weil der in Leverkusen eine total dusselige Rote Karte kassiert hatte. Ich war ein aggressiver, junger Trainer, habe mich mit Spielern angelegt. Ich weiß nicht mehr, welches Spiel es war: In der Besprechung habe ich zwei Aufstellungen präsentiert und die Mannschaft entscheiden lassen, welche die bessere Variante wäre. Uwe Rösler war dadurch erst mal draußen. Es wäre sicher für jeden schwierig gewesen, damit umzugehen. Wir haben gewonnen, Uwe wurde eingewechselt. Als ich ihm hinterher auf die Schulter klopfe und die Hand geben will, schlägt er sie weg. Ich war natürlich auch mega emotional und wollte ihm wirklich an den Kragen. Zum Glück hat mich – ich glaube – René Müller festgehalten, sonst hätte ich ihm eine gegeben. Heute würde ich sagen: Ich bin Familienvater, das kriegen wir hin. Aber früher: Die Boxhandschuhe raus! Ohne Rücksicht auf Verluste.

Wie haben die Dynamo-Bosse auf Ihren Rücktritt reagiert?

Sie sagten zuerst: ,Sie haben Vertrag.‘ ,Aber wenn ich nicht mehr will, macht es doch keinen Sinn?‘ ,Doch, wir trauen Ihnen das trotzdem zu.‘ Für mich war der Entschluss aber unverrückbar. Ich habe die Journalisten zum Essen eingeladen und ihnen verraten, dass ich um die Auflösung meines Vertrages gebeten habe. Einem wollten sie das zu Hause in der Redaktion nicht glauben. Der hat doch gerade den Klassenerhalt geschafft? Doch, der kann die Hampelmänner nicht mehr sehen! Das war dann die Schlagzeile in der damals neuen Boulevard-Zeitung Super am nächsten Tag.

Das kam sicher weniger gut an …

Weiterführende Artikel

Düsseldorf holt Ex-Dynamo als Trainer 

Düsseldorf holt Ex-Dynamo als Trainer 

Das Schlusslicht der Fußball-Bundesliga schickt Friedhelm Funkel in Rente und setzt im Kampf gegen den Abstieg auf Uwe Rösler.

Das dachte ich auch. Nach der Landung kommt die Freundin von Manager Kluge auf mich zu: ,Herr Schulte, kann ich noch mal mit Ihnen sprechen?‘ Wir haben uns in eine ruhige Ecke gesetzt, und ich dachte, sie wird mir die Leviten lesen. Stattdessen meinte sie: ,Mit den Hampelmännern haben Sie hundertprozentig recht.‘

Und Sie gingen mit dem Satz: ,Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.‘

(lacht) So war ich halt damals drauf.

Das Gespräch führte Sven Geisler; gekürzte Fassung.


Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag Saxophon, 192 Seiten 22,90 €. 
Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag Saxophon, 192 Seiten 22,90 €.  © PR

Erhältlich ist das Buch ab sofort im Handel oder hier im DDV-Onlineshop

Mehr zum Thema Dynamo