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Wo ich meinen Hut hin häng'...

Er war DDR-Schlagerstar, sie ein „Exquisit“-Model. Zusammen sind sie von Berlin nach Glaubitz aufs Land gezogen.

Auch die ehemalige Scheune hat Eberhard Henn hergerichtet. Hier empfangen er und seine Frau Freunde.
Auch die ehemalige Scheune hat Eberhard Henn hergerichtet. Hier empfangen er und seine Frau Freunde. © Lutz Weidler

Hüte mit breiter Krempe standen Eberhard Henn schon immer gut. Im ehemaligen Schweinestall, den er sich zur Bar ausgebaut hat, hängen gleich mehrere. Ein Griff und jeder Hut passt. So wie damals in den Achtzigern, als die Kopfbedeckung sein Markenzeichen war. Auch andere Dinge, wie Plakate auf Spanisch, finden sich hier an der Wand. Sie erzählen von Henns früherem Leben.

Vor zehn Jahren haben Eberhard Henn und seine Frau Regine ihren Lebensmittelpunkt von Berlin nach Glaubitz bei Riesa verlegt. Auch wenn an ihrem Auto immer noch das B auf dem Nummernschild steht, aus dem Dorf bei Riesa wollen sie nicht mehr weg. Das Elternhaus von Regine Siegert-Henn, die mit Mädchennamen Bäger hieß, ist längst ihr gemeinsames Zuhause geworden. 

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In das hübscheste Model verguckt

Der Dreiseitenhof nahe des Floßkanals ist seit 1896 in Familienbesitz. „Wir haben schon immer gesagt, wenn wir mal Rentner sind, ziehen wir hierher“, sagt die 70-Jährige. Ihre Vorfahren haben in Glaubitz Spuren hinterlassen. Ihr Großvater Oswin entwarf 1948 das Glaubitzer Waldbad, ihr Vater Martin Bäger, ebenfalls ein Bauingenieur, leitete den Bau des Sportlerheims.

"Wenn wir mal Rentner sind, ziehen wir hierher" - gesagt, getan.
"Wenn wir mal Rentner sind, ziehen wir hierher" - gesagt, getan. © Lutz Weidler

Sie selbst zog es als junge Frau weg, raus aus der Enge des Dorflebens. Erst nach Riesa, später nach Berlin, wo sie als Model bei der DDR-Modekette „Exquisit“ Karriere machte. „Wir haben in den Achtzigern viele Modenschauen gemacht“, erzählt sie. „Das war früher Kultur.“ Bei einer Internationalen Modenschau während der Leipziger Messe 1988 lernte sie auch ihren Mann kennen. Eberhard Henn gehörte damals zum Pop-Trio G.E.S., das 1984 mit „Liebe ist nicht Liebelei“ seinen größten Erfolg hatte. Henn sang, spielte Gitarre und trug – na klar – einen Hut. Das fand das Model aus Glaubitz schick.

Auch Eberhard Henn erinnert sich noch sehr gut an die Unterhaltungsshow aus Mode und Musik, die Sänger Wolfgang Ziegler moderierte. „Da liefen lauter langbeinige Models rum und ich habe mich in das hübscheste verguckt“, erzählt Henn lächelnd. Schon zu DDR-Zeiten konnte er mit der Gruppe G.E.S. ins nichtsozialistische Ausland reisen, was ein Privileg war. Das Trio aus Cottbus, wo heute seine ehemaligen Kollegen Susann Burkhard und Siegbert Himpel als Paar noch immer leben, war ein gefragter Schlager-Export.

Sänger Eberhard Henn und seine Frau Regine haben die weite Welt gesehen, bevor sie aufs Land zogen.
Sänger Eberhard Henn und seine Frau Regine haben die weite Welt gesehen, bevor sie aufs Land zogen. © Lutz Weidler

„Wir hatten nach der Wende keinen Einbruch wie viele andere Musiker in der DDR“, sagt Henn. G.E.S. tourte weiter. Trotzdem kam 1992 das Aus, als Sängerin Susann Burkhard Zwillinge bekam.

Eberhard Henn hatte vorgesorgt und schon 1990 damit begonnen, eine eigene Musikagentur in Berlin aufzubauen. 1994 heiratete er Regine, die ihn seitdem unterstützt. Gemeinsam brachten sie zum Beispiel das Schauorchester Ungelenk groß raus und haben bis heute viele Künstler unter Vertrag. Einen Namen machten sie sich mit musikalischen Produktpräsentationen. Für Siemens kreierten sie eine Show in Marokko, für Nestlé in Südafrika und für den Autoreifen-Hersteller Fulda in Dubai.

Der kleine Laden um die Ecke

Wohl auch, weil sie die ganze Welt gesehen haben und den Trubel des Showbusiness zur Genüge kennen, sind sie heute auf dem Dorf glücklicher als in der Großstadt Berlin. „Viele Künstler ziehen sich privat zurück und wollen ihre Ruhe haben“, sagt Regine Siegert-Henn. Ihr Mann ergänzt: „Ich möchte auch mal was anderes hören und mich mit ganz normalen Leute unterhalten. Außerdem ist Glaubitz ein schönes Dorf.“ Hier gebe es alles, was man zum Leben braucht. Bäcker, Arztpraxis, Baumarkt und Kneipen. Letztere besucht er, um sich von den Leuten und ihrem Leben ein Bild zu machen. Schnell ist ihm klar geworden: „Die sind hier alle nett.“

Er mag es, bei sich um die Ecke in den kleinen Laden zu gehen. Henn nennt ihn in Anlehnung an das KaDeWe in Berlin das „Kaufhaus des Ostens“. Denn hier gibt es alles von der Säge über Kirschkern-Entferner und Mausefallen bis zum Tafelservice. Manche Dinge haben sogar noch ein D-Mark-Etikett. Henn mag auch den Ladenbesitzer. Der sei sehr zurückhaltend, aber ein herzensguter Kerl.

Seine Scheune ist für Eberhard Henn etwas besonderes.
Seine Scheune ist für Eberhard Henn etwas besonderes. © Lutz Weidler

Damit sich Eberhard und Regine Henn von ihrem Landhaus aus weiter um ihre Künstler kümmern können, brauchen sie nur einen Telefon- und Internetanschluss. Das haben sie in Glaubitz. Und darüber hinaus auch noch einen Bahnhof. Das mache vieles noch einfacher, sagen sie. „Ob wir von Berlin oder von Glaubitz aus mit der Bahn nach Köln oder Hamburg fahren, wo ist das Problem?“

Weitere Teile der Serie "Die neue Landlust"

Teil 1: "Wir wollten nie aufs Dorf"
Teil 2: Aus der Großstadt nach Kamenz
Teil 3: Wo ich meinen Hut hin häng...

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