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"Es war einfach herrlich"

In der Humboldtbaude auf dem Schlechteberg war mal viel los. Warum der Pächter gefährlich lebte, erzählt jetzt sein Enkel, der auf Gran Canaria lebt.

Peter Lindner mit seiner Hündin zu Hause auf Gran Canaria. Die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er auf der Ebersbacher Humboldtbaude.
Peter Lindner mit seiner Hündin zu Hause auf Gran Canaria. Die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er auf der Ebersbacher Humboldtbaude. ©  privat

Verwaist liegt die Humboldtbaude auf dem Ebersbacher Schlechteberg, das Museum ist zu, die Gaststätte ebenfalls. Das hat allerdings nicht mit der aktuellen Corona-Krise und den Einschränkungen zu tun. Das Lokal im Erdgeschoss hat seit Jahren keinen Betreiber mehr und ist dicht, das Museum schloss die Stadt vor einigen Monaten. 

Die Stadt Ebersbach-Neugersdorf will das Objekt verkaufen, hofft auf einen Investor, der das Areal wieder belebt. Bislang ohne Erfolg. 

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So trist war es aber auf dem Berg nicht immer. "Da war mächtig was los, die Gaststube war am Wochenende oft voller Gäste, der Saal und die Terrasse auch", erzählt Peter Lindner von besseren Zeiten, die die Baude erlebt hat. Der Ebersbacher ist auf dem Berg geboren, hat die ersten zehn Jahre seines Lebens auf der Baude verbracht. 

Deshalb freut er sich immer, wenn er in der SZ über die Hmboldtbaude und den Schlechteberg liest. In der letzten Zeit waren die Meldungen allerdings meistens negativ. Zuletzt ist auch noch der Aussichtsturm demontiert worden, weil er nicht mehr standsicher war. Lesen kann Lindner die Nachrichten aus der Heimat nur übers Internet. Denn der 63-Jährige lebt seit über 20 Jahren auf der spanischen Insel Gran Canaria. Die Erinnerungen an die Zeit auf dem Schlechteberg sind trotzdem frisch. Peter Lindner gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er davon erzählt. 

Ruhe mitten im Wald

"Es war einfach herrlich", erzählt der 63-Jährige. "Diese Ruhe mitten im Wald." Von manchem kleinen Abenteuer, das er als Kind hier erlebte, kann er erzählen. So konnte man auf dem Berg prima Ski fahren, erzählt Peter Lindner. Den Skihang mit Lift, der später gebaut wurde, gab es damals allerdings noch gar nicht. Peter Lindner streifte auch stundenlang mit seinem Schäferhund durch den Wald. Bis der Opa pfiff. "Dann mussten wir wieder nach Hause." Dass der Fußmarsch zur Schule etwas länger war, als bei anderen Kindern, machte ihm nichts aus. 

Seine Großeltern waren die Betreiber der Gaststätte in der Humboldtbaude, erzählt Peter Lindner. Opa Alfred Lindner ist als ehemaliger Pächter vielen - vor allem älteren - Ebersbachern gut bekannt. Gemeinsam mit den Großeltern und seiner Mutter lebte Peter Lindner in der Baude auf dem Schlechteberg. Bis 1966 wohnte die Familie dort. Dann gingen die Großeltern in Rente und die Familie bezog ein Haus in der Stadt. 

Rias im Radio

Bis zum Auszug musste Klein-Peter aber auch im Gaststättenbetrieb mithelfen. Zum Beispiel im Winter, wenn das Lieferauto nicht bis auf den Berg kam. Dann wurde das frische Fleisch, das die Großeltern in der Gaststätte brauchten, unten in der Stadt im Gasthaus "Zur Eiche" abgegeben, erzählt Peter Lindner.  Seine Aufgabe war es dann, das Fleisch zusammen mit seiner Mutter dort abzuholen. "Da sind wir immer mit dem Hörnerschlitten den Berg runtergesaust", erinnert er sich. Zurück ging es dann zu Fuß - mit voll bepacktem Schlitten. 

Peter Lindner erinnert sich auch noch gut an eine zu DDR-Zeiten nicht ganz ungefährliche Anekdote. Der Opa hörte immer gern Rias im Radio. Da gab es auch Leute, die ihn drauf ansprachen, dass das ja verboten sei. Opa Alfred hat dann immer ganz gelassen geantwortet: "Wenn ihr mich verpfeift und ich verhaftet werde, dann kriegt ihr hier nichts mehr zu essen." Das wollte dann wohl auch niemand und Opa Alfred konnte weiterhin unbehelligt seinen Lieblings-Sender hören. 

Dass der Baudenbetrieb damals so gut funktionierte, erklärt sich Peter Lindner so: "Die Preise waren noch nicht so hoch. Da konnten sich mehr Leute leisten, essen zu gehen. Es waren halt andere Zeiten." Zusätzlich vermieteten die Großeltern auch Gästezimmer in der Baude. "Leute aus dem ganzen Land waren da", schildert Lindner. 

So sah es früher auf dem Schlechteberg aus:

So sah es in den 1960ern an der Baude aus: die Terrasse war gut gefüllt. 
So sah es in den 1960ern an der Baude aus: die Terrasse war gut gefüllt.  © privat
Der ehemalige Baudenpächter Alfred Lindner mit dem Familienhund. 
Der ehemalige Baudenpächter Alfred Lindner mit dem Familienhund.  © privat
Da gab's noch richtig Schnee: Peter Lindner als kleines Kind im Winter auf dem Schlechteberg. 
Da gab's noch richtig Schnee: Peter Lindner als kleines Kind im Winter auf dem Schlechteberg.  © privat

Leben mit Hund auf Gran Canaria

Ebersbach und Deutschland verlassen hat Peter Lindner dann Ende 1999. Im Dezember machte er sich auf den Weg gen Spanien. Seine Mutter war verstorben und ihn hielt nach diesem Schicksalsschlag nichts mehr in der Oberlausitz, erzählt er. Er hoffte auf ein entspannteres Leben. Auf Gran Canaria hatte er Bekannte und startete dort noch einmal neu. Arbeit fand er auf der Insel auch in seinem Beruf als Maurer. 

Im Moment ist aber auch auf der Kanareninsel das Leben nicht ganz so entspannt wie sonst. Auch hier ist die Corona-Krise das alles beherrschende Thema. Auch in Spanien herrscht Ausgangssperre. Peter Lindner kann nicht zur Arbeit. "Alle Baustellen haben die Arbeit eingestellt", berichtet er. Auf den Straßen gebe es strenge Polizeikontrollen, die die Einhaltung der Ausgangssperre überprüfen. 

Da bleibt Peter Lindner lieber in seinem Zuhause - und das ist sehr außergewöhnlich: er wohnt in einem Dorf im Norden der Insel - in einer Höhle. Zusammen mit seiner Hündin lebt er dort - das ist ihm als großen Tierfreund ganz wichtig. Wie schon damals in Ebersbach auf dem Schlechteberg teilt er auch hier seine Bleibe mit einem Vierbeiner. Zwei Solarplatten versorgen ihn mit Strom, auch einen Wasseranschluss gibt es. 

Für sein altes Zuhause - die Humboldtbaude - wünscht sich Peter Lindner, dass es wieder aufwärts geht. Dass wieder Leben einkehrt in das Haus, an dem für ihn so viele schöne und lebhafte Erinnerungen hängen. 

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Darum, dass wieder etwas mehr Leben einkehrt auf dem Ebersbacher Hausberg, kümmert sich inzwischen der Gewerbeverein Oberland ehrenamtlich. Die Mitglieder organisieren regelmäßig Arbeitseinsätze und auch Tanzabende auf der Baude. Derzeit ruhen die Aktionen allerdings - wegen der Corona-Krise sind derartige Veranstaltungen abgesagt. 

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