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Ede voller Energie

Die Lausitz feiert das 50. Jubiläum von Energie Cottbus. Und den Dresdner Geyer als einen der Väter des Fußball-Märchens.

Von Berthold Neumann

Vorn wird Eduard Geyer Platz nehmen, wenn am Sonntag der Festakt im Staatstheater Cottbus beginnt. Vorn. Dort, wo er immer am liebsten war und einen Verein nach vorn, ins Fußball-Rampenlicht brachte, von dem viele nach der Wende im wiedervereinten Deutschland gar nicht wussten, dass es diesen überhaupt gibt. Das änderte sich. Energie Cottbus feiert am 31. Januar seinen 50. Geburtstag.

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Der Aufstieg und die sechs Bundesliga-Jahre von Energie sind für viele noch heute das größte Fußball-Wunder in der Zeit nach der Wende.
Der Aufstieg und die sechs Bundesliga-Jahre von Energie sind für viele noch heute das größte Fußball-Wunder in der Zeit nach der Wende.

Die Lausitzer haben den Dresdner nicht vergessen. Im Gegenteil. Als Geyer kürzlich zu einer Buchlesung angekündigt wurde. waren die Karten im früher größten Cottbuser Kino binnen 40 Minuten ausverkauft. Es war bereits die zweite Veranstaltung dieser Art, und der heute 71-Jährige brauchte keinen Satz vorzulesen – er unterhielt sich trefflich mit den Leuten.

Zum Beispiel darüber, warum es den letzten DDR-Nationaltrainer 1994 überhaupt nach Cottbus, zur grauen Maus in der früheren DDR-Oberliga, verschlug. „Cottbus hatte ich überhaupt nicht auf der Rolle“, erinnert sich Geyer. „Rot-Weiß Erfurt hatte die Fühler ausgestreckt. Ich war schon auf der Autobahn Richtung Erfurt, kam aber im Stau nicht weiter.“ Geyer rief an, aus Thüringen gab es keine Reaktionen. Dagegen imponierte ihm die Hartnäckigkeit, mit der sich die Cottbuser um ihn bemühten. „Vor allem Geschäftsführer Klaus Stabach, den ich aus dem gemeinsamen Studium kannte. Und sie waren immer ehrlich zu mir und sagten: Mehr als 5 000 D-Mark können wir dir aber nicht zahlen.“ Das war – gemessen an den Gehältern der meisten westdeutschen Trainer – eher ein billiges Trostpflaster in der dritten Liga, die damals noch Regionalliga hieß.

„Dass ich bei Cottbus keine Reichtümer verdienen würde, war mir klar“, sagt er. „Geld beruhigt zwar, aber es war auch nie so wichtig für mich. Neben der sportlichen Herausforderung habe ich auch immer das Miteinander in unserer kleinen Truppe in Cottbus geschätzt – vom Präsidenten bis hin zur Sekretärin.“ Auch nach dem sensationellen Bundesliga-Aufstieg 2000 habe es kein Feilschen in der Geschäftsstelle gegeben. „In fünf Minuten war der Vertrag fertig. Ich habe nie etwas gefordert, was Energie unmöglich erfüllen konnte.“

Bayern-Stars gedemütigt

Als er sich mit Dynamo Dresden nach nur einem Jahr in Cottbus fast einig war, aber vom damaligen Dynamo-Präsidenten Rolf-Jürgen Otto hingehalten wurde, war es vor allem „das enge Vertrauensverhältnis“, das Geyer in Cottbus bleiben ließ. „Die Entscheidung pro Energie war die beste“, sagt er heute rückblickend. Fortan entwickelte sich das später als Triumvirat bezeichnete Bündnis zwischen Geyer, Stabach und Präsident Dieter Krein. Das Lausitzer Fußball-Wunder begann: 1997 Aufstieg in die zweite Liga und Einzug ins DFB-Pokalfinale, drei Jahre später der Erstliga-Aufstieg und vielleicht noch sensationeller: Drei Jahre hielt sich der krasse Außenseiter im Oberhaus.

„Dieses kleine Cottbus hat etwas Großes im deutschen Fußball geleistet“, meint Geyer. Und so wuchs aus Ignoranz und Besserwisserei, die Energie oft entgegenschlugen, auch Respekt vor Asterix aus dem kleinen gallischen Dorf, wie der langjährige Energie-Kapitän Christian Beeck mal den Verein bezeichnete. „Bei unserer Bundesliga-Premiere in Bremen haben sie uns angestarrt wie eine Kuh mit drei Köpfen, als wir im Weserstadion aufliefen“, erinnert sich Geyer. „Durch Miriuta sind wir in Führung gegangen, aber danach haben wir Lehrgeld bezahlt und 1:3 verloren.“ Wochen später, am 14. Oktober 2000, gab es unglaubliche Bilder aus dem Stadion der Freundschaft: Bayerns Ex-Torhüter Oliver Kahn verschwand betreten in die Kabine, das Stadion kochte über, der Neuling hatte die übermächtigen Bayern mit 1:0 geschlagen. Und Geyer unterhielt die Zuschauer im ZDF-Sportstudio mit seinen kernigen Sprüchen.

Mit denen er aber auch in heikle Situationen der medialen Öffentlichkeit geriet. So ärgerte sich Geyer über den vermeintlichen Lebenswandel junger Fußballer. „Die rauchen, saufen und huren wie die Nutten auf St. Pauli“, schimpfte er. Ausgerechnet vor dem Spiel – beim FC St. Pauli. Dort wurde er mit Sprechchören wie „Unser bester Freier – Ede Geyer“ empfangen. Noch mulmiger wurde ihm auf dem Weg, den er im Stadion am Millerntor zur Pressekonferenz zurücklegen musste. Dort hatten sich Prostituierte aus dem benachbarten Kiez mit Spruchbändern aufgebaut, Geyer schlich fast am Zaun entlang zum Mannschaftsbus. Heute erinnert er sich schmunzelnd an die „Dame mit überdimensionaler Oberweite. Ich fand es aber originell.“ Und fügte, ganz Geyer, hinzu: „Viel schlimmer war, dass wir dort 0:4 verloren hatten.“

Dass Energie heute sogar um den Klassenerhalt in der dritten Liga bangen muss, bedrückt den Dresdner. „Manchmal fehlte die Qualität der Spieler, manchmal wurden falsche geholt. Statt Ruhe und Stabilität zog Fluktuation ein“, sagt er. „Die unbedingte Fitness ist Grundlage für Erfolg. Deshalb mussten wir damals so hart trainieren, um qualitative Nachteile zu kompensieren“. Mit Stolz könne Energie Cottbus auch heute zurückblicken. „Die Wende war für viele Menschen im Osten schwer“, sagt Geyer. „Wenn viele durch uns wieder Zuversicht und Selbstvertrauen erlangten, erfüllt mich das heute noch mit Freude.“