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Edel-Abitur bringt kaum Vorteile

Auf Heimaturlaub waren vor ein paar Tagen Jungen und Mädchen, die einst am Wilhelmsplatz und im Augustum zur Schule gingen. Nun lernen sie am Landesgymnasium in Meißen. Wir haben mit drei von ihnen gesprochen.

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Von Matthias Nicko

Sie waren in Görlitz schon im selben Kindergarten – die Zwillinge Agnes und Judith Brandt sowie Friederike Hüttig. Später besuchte das Trio das Gymnasium am Wilhelmsplatz. Agnes lobt „die gute Basis“ der Ausbildung, ohne die es auch für eine Schülerin mit vielen Einsen schwer geworden wäre an St. Afra in Meißen.

Doch das Lernen ist dort nicht das Ein und Alles. Zwar wird Biologie mitunter auf Englisch gelehrt, aber Friederike sagt: „Es geht vor allem um Teamfähigkeit.“ Bei der Aufnahmeprüfung vor zwei Jahren habe ebenso die Kreativität der Bewerber eine Rolle gespielt.

Die 300 Schüler der 7. bis 12. Klasse wohnen in den 18 Häusern des Internats. Die Zwillinge Agnes und Judith teilen sich ein Doppelzimmer. Über Heimweh kann Judith, die Ältere, nicht klagen. Dafür hat sie einerseits zuviel zu tun, zum anderen bestehe der Kontakt nach Hause weiter. Alle vier bis fünf Wochen gehe es nach Görlitz.

Eine komplett freie Woche wie jetzt gerade wird den Afranern – von den Ferien abgesehen – zweimal im Jahr gewährt. Schließlich soll es sich auch für die Schüler aus den anderen Bundesländern und der Schweiz lohnen, in die Heimat zu fahren.

Der Tag beginnt an St. Afra um 7.25 Uhr. Auf einem Konzil informieren die Lehrer die 300 Schüler in der Aula über kurzfristige Änderungen. Außerdem bittet ein Schüler, die Zeitung in der Hand, zur Presseschau. Der Unterricht besteht durchweg aus Doppelstunden à 90 Minuten. Die letzte endet abends um sechs. „In den Freistunden mache ich aber nicht nur Hausaufgaben, sondern nutze die Zeit auch zum Vor- und Nachschlafen“, bekennt Friederike. Die Freizeit komme nicht zu kurz: „Wir fahren nach Dresden, gehen ins Kino oder unterhalten uns.“ An zwei Abenden in der Woche steht Sport auf dem Programm. Geige spielt die Zwölftklässlerin obendrein.

„Schön, dass jeder sein Hobby hat“, meint Agnes Brandt aus der „Elften“. Bei ihr sind es die Sprachen: In Meißen lernt das Mädchen Latein und Spanisch. Bis zu ihrem Weggang aus Görlitz nach der 9. Klasse hat sich Agnes an der Volkshochschule intensiv mit Polnisch befasst. Heute spricht sie fließend. Das mag auch daran liegen, dass das Mädchen – wann immer es Görlitz besucht – zusammen mit dem Deutsch-Polnischen Jugend-Mandolinen-Orchester musiziert.

Judith spielt derweil Violine. „Demnächst möchte ich mit Schülern eine Arbeitsgemeinschaft für Gebärdensprache gründen“, sagt die 17-Jährige, die fünf Minuten älter als ihre Schwester ist.

Soziales Engagement wird an St. Afra groß geschrieben: In der 9. und 10. Klasse besteht die Möglichkeit, in so genannten „Services“ mitzuarbeiten. Ob in Denkmalpflege, Altenheim oder Kindergarten: An einem Nachmittag pro Woche soll etwas fürs Gemeinwohl getan werden. Als im Sommer 2002 die Jahrhundertflut kam, halfen die Afraner, die Meißner Jugendherberge aufzuräumen. In dieser Zeit, als auch der Strom ausfiel, war das Telefonieren mit dem Handy ausnahmsweise erlaubt. Ansonsten ist es – auch außerhalb des Gymnasiums – verboten, Mobiltelefone zu benutzen. Ebenso sind Alkohol und Zigaretten tabu.

Die Mädchen geben sich im Gespräch zurückhaltend und keineswegs lern- und karrierefixiert. Für Friederike, die 2001 zu den ersten hundert Schülern des eben gegründeten Landesgymnasiums gehörte, geht diese Zeit im Mai mit den Abiturprüfungen zu Ende. Ihre besondere Ausbildung sieht sie keineswegs als Vorteil für ihr berufliches Fortkommen: „Außerhalb von Sachsen kennt man die Schule kaum.“ Zudem sei es hier schwerer als an einem anderen Gymnasium, gute Noten zu erreichen. Dies mindere die Chancen auf einen Studienplatz mit Numerus Clausus. Und es betrifft die junge Frau persönlich. Sie möchte Medizin studieren.