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Edel eingebunden

Sachsen – Heimat von Handarbeit und Alltagsluxus. Warum ein Atelier in Lichtenau Büchern Zukunft gibt.

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Von Peter Ufer

Frauen wissen, was Frauen wollen. Es darf schlicht sein, aber muss den Wünschen eine edle Fassung geben. Feminine Ansprüche zu verstehen, ist eine Kunst.

Cornelia Ahnert schneidet in ihrem Atelier in Lichtenau Papier für Einbände zu. Fotos: Ronald Bonss
Cornelia Ahnert schneidet in ihrem Atelier in Lichtenau Papier für Einbände zu. Fotos: Ronald Bonss © momentphoto.de/bonss
In einem Schieber lagern Formen für den Prägedruck.
In einem Schieber lagern Formen für den Prägedruck. © momentphoto.de/bonss
Der Einband wird gefalzt und geklebt.
Der Einband wird gefalzt und geklebt. © momentphoto.de/bonss

Cornelia Ahnert beherrscht diese Kunst. In ihrem Atelier in Lichtenau, zwölf Kilometer von Chemnitz entfernt, fertigt sie beispielsweise Schatullen für Schmuck. Für eine Buchbinderei nur auf den ersten Blick etwas Ungewöhnliches. Wertvollen Dingen einen Schutz zu geben, gehört historisch schon immer zu dem Handwerk, nicht nur in Form von Bucheinbänden.

Die Designerin nähert sich der Umsetzung ihrer Ideen mit Entwürfen. Die unterschiedlichen Schatullen wollte sie kombinieren und das sowohl in der Geometrie als auch dem Aussehen. Und das Innere sollte eine flexible Ordnung bekommen, um Schmuck verschiedener Maße unkompliziert lagern zu können. Schubladendenken passt nicht zu Cornelia Ahnert. Deshalb schlängelt sich in den einzelnen mit Wollfilz ausgestatteten Einsätzen ein bewegliches Band, das sortieren ermöglicht, aber sich immer dem Format anpasst.

Die Buchbinderin lernte in den 1980er-Jahren auf Burg Giebichenstein in Halle, wo sie im Fachbereich Handeinbandgestaltung studierte. 1990 kaufte sie eine alte Buchbinderei in Chemnitz und bekam von dem erfahrenen Meister, der ihr die Werkstatt anbot, weitere Tipps. So baut sie nach den ersten Skizzen Modelle, probiert Materialien und Haltbarkeit.

Bei den Schatullen bildet mehrlagig kaschierte Buchbinderpappe den Grundkörper. Boden und Seitenwände leimt Ahnert, überzieht alles mit gewachstem Gewebe, ohne dass die Einschläge an den Kanten sichtbar sind. Die Meisterin schafft eine Ebene, vermeidet Stoßkanten, sie bändigt geschickt die Zugkräfte der Materialien, damit sich bei Temperaturschwankungen nichts verzieht. Hier zeigt sich echte Kunstfertigkeit. Der Deckel besteht aus Pappe, Gewebe und Sattelrindleder, geprägt an den Seiten, um wieder eine Ebene zu schaffen. Eine Zwei-Etagen-Box besteht aus 50 Einzelteilen. Für die Schmuckschatullen bekam das Atelier Buch einen Designpreis.

Cornelia Ahnert schlägt ebenso feine Notizbücher und Kalender mit Leder ein oder gibt Bedienungsanleitungen von Luxusuhren eine hochwertige Hülle mit Ziernaht. Fadenbindungen sind eine traditionelle Technik, die die Fachfrau perfekt beherrscht und in Stepp- und Ziernähten weiter entwickelt hat. Die Gestalterin entwirft zudem Einbände für Speisekarten – in diesem Fall waren es innovative Steckverbindungen beispielsweise für das Weingut Schloss Proschwitz oder für das Schlossrestaurant in Moritzburg.

Doch die ans Atelier angeschlossene Buchbinderei Heinz Meyer GmbH, die Cornelia Ahnert kürzlich von ihrem Vater übernahm, kann noch mehr. Hier werden von den drei Mitarbeitern beispielsweise Zeitschriftenbände für Notariate oder Kanzleien gebunden oder durch Prägungen Drucksachen wie Briefbögen oder Visitenkarten veredelt. Die Buchbinderei ist Dienstleister für regionale Druckereien genauso wie weltoffene Kunstwerkstatt. So gab die SPD ein Gedenkbuch in Auftrag, um Mitglieder zu ehren. Es entstand ein Unikatbuch mit über 500 Kurzbiografien und einem dicken Handeinband in Papier und Leder. Jetzt liegt das Werk im Willy-Brandt-Haus in Berlin und wird von vielen Besuchern durchgeblättert. Hier soll halten, was wertvoll ist.

Mitten in einer Zeit, wo digitale Medien das Buch ins Abseits drängen, werden die edlen Einzelstücke immer wichtiger. Cornelia Ahnert gibt den Druckwerken eine Chance und füllt damit eine Marktlücke. Denn mit ihren Einbänden überdauern die Schriftstücke die Zeiten, während die virtuelle Welt andere Schriften längst gelöscht hat. Deshalb kommen auch Kunden, um ihre Familiengeschichten, Fotoalben oder Tagebücher einbinden zu lassen für die Nachwelt. Und das ist nicht ausschließlich ein Wunsch von Frauen, sondern auch von Männern.

Unser Autor arbeitet seit 1993 für die Sächsische Zeitung, schreibt Bücher über Dresden und die Sachsen, ihre Kultur, Mentalität, Sprache und Geschichte. Mehr unter: www.peterufer.de