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Feuilleton

Eduard Bilz, Sachsens erster Öko-Revolutionär

Er baute nicht nur das berühmte Freibad in Radebeul, sondern hatte auch kühne Ideen für ein gesünderes Leben. Ein neues Buch über seine Visionen.

Therapie für Furchtlose: Friedrich Eduard Bilz entwickelte das Vierzellenbad als elektrische Behandlung. Eine Darstellung aus seinem Buch „Das neue Naturheilverfahren“.
Therapie für Furchtlose: Friedrich Eduard Bilz entwickelte das Vierzellenbad als elektrische Behandlung. Eine Darstellung aus seinem Buch „Das neue Naturheilverfahren“. © imago/teutopress

Von Uwe Salzbrenner

Der Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz spricht sich in seinen Schriften für ein einfaches und bescheidenes Leben aus. Für mäßiges Essen und Trinken, lauwarme Speisen, den Verzicht auf Alkohol, Kaffee, Tee und Tabak. Für viel Bewegung an der freien Luft, das Barfußgehen vom Frühjahr bis zum Herbst. Nachts hat man sein Schlafzimmer gut zu lüften, schläft am besten in Lufthütten oder Schlafbalkons. Die Härten werden an anderer Stelle ausgeglichen: Nur drei Stunden Arbeit täglich will Bilz, körperliche und geistige Beschäftigung in vernünftiger Abwechslung.

Er kann es sich leisten: Sein Naturgesetz verlangt, „daß jedem Menschen von der Geburt an bis zum Grabe seine Nahrung und Notdurft von Staats wegen sichergestellt wird“. Vor diesem Gesetz sind alle Menschen gleich, mit gleichen Geldmengen versehen; frei in der Liebe, insgesamt eine Familie. 

Pioniergeist und Weitblick in Naturkosmetik vereint

Für Hautbedürfnisse gilt dasselbe wie für Beziehungen oder Arbeitssituationen: Die richtige Balance sorgt für langfristiges Wohlbefinden. Charlotte Meentzen hat schon damals verstanden, dass schöne Haut am erfolgreichsten zusammen mit dem Geist gepflegt wird.

Die Propaganda eines Staatssozialismus mit Vollversorgung hat Bilz einst in den vierten Band seines „Neuen Naturheilverfahrens“ aufgenommen, immer wieder überarbeitet, in Teilen neu veröffentlicht – die einzige ganzheitliche Utopie der Lebensreformbewegung am Ausgang des 19. Jahrhunderts.

Dieser Ansicht ist Detlef Münch, Diplom-Chemiker und als Inhaber des Dortmunder Synergen-Verlages Herausgeber und Kommentator deutscher Science-Fiction, die zwischen 1800 bis 1934 entstanden ist. Mit dem vorliegenden Band richtet er die Aufmerksamkeit auf Dresden und Umgebung: Bilz, der damals in Radebeul sein Sanatorium betreibt, versetzt sein Naturgesetz, den „Naturstaat“ 1907 in den Roman „In hundert Jahren“, der auf dem Mars spielt und die Ressourcenprobleme des Sozialismus durch Verwertung von Sonnenenergie und Gedankenkräften gelöst hat. Die Sächsische Landesbibliothek hat den Roman 2007 als erste digital der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Menschen ernähren sich vegetarisch

Auch von Oskar Hoffmann, im Bilz-Verlag Redakteur und Sachbuchautor und für Zukunftsromane bekannt, erscheint – vermutlich – unter dem Pseudonym Otto Hoffmann 1913 ein weiterer Marsroman voll Telepathie und Geisterwesen, der allerdings nicht wie Bilz das einfache und bescheidene Leben preist. Was beide Bücher eint: dass sie einen Alltag ohne Automobile und ohne fossile Brennstoffe ausmalen. Eine Bevölkerung, die sich vegetarisch ernährt und ihre Tiere achtet. Detlef Münch kann nicht oft genug das Lob dieser Konzepte vorbringen.

Leider wiederholt er sich nicht nur da, sondern auch in nebensächlichen Informationen. Münch schreibt das „Naturgesetz“ verkürzt mit Fehlern ab. Die zugehörigen religiösen Vorstellungen lässt er weg. Stattdessen zitiert er die Aussage zur nachhaltigen Waldwirtschaft, die in verschiedenen Büchern erscheint, zweimal ausführlich im fast selben Wortlaut, weil sie auf heutige Ökologie vorausweist. 

Sekundärliteratur führt Münch ordentlich an, ebenfalls die kritischen Stimmen. An Bilz’ Idee, die Menschheit müsste notfalls unter Vormundschaft gestellt werden, scheint er nichts Kritisches zu finden. Insgesamt ist sein Beitrag Kolportage, wie die Bücher von Bilz auch – eine Sammlung trockener Thesen, willkürlich lückenhaft, wie mit Schere und Kleber zusammengebastelt, absurd und anregend.

Detlef Münch: Nachhaltige Zukunft. Utopische Entwürfe aus Dresden 1900 – 1913, Synergen, 204 S., 29,80 Euro