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Egons rechte Hand

Beim Bautzener Theatersommer ist hinter der Bühne ebenso viel Action wie davor – mittendrin Regieassistentin Simone Marwitz.

© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

Bautzen. Zögerlich wandert ihr Blick an diesem Abend zwischen Wetter-App auf dem Handy und dem Himmel hin und her. Immer wieder lässt Simone Marwitz die bedrohlich, dunklen Wolkenfelder über den Bildschirm fliegen. „Eigentlich müsste der größte Regen jetzt durch sein. Auf dem Radar sehe ich nichts mehr bis zum Ende der Vorstellung“, sagt sie und bleibt am Bühneneingang stehen. Es ist gut eine Stunde vor dem Vorstellungsbeginn. Gleich müssen Egon, Benny und Kjeld Bang Johansen und dem Schwarzen Baron wieder ihre ergaunerten Millionen zurückabluchsen. Auf der Bühne im Hof der Ortenburg glänzen noch Regentropfen. Die Vorhänge an den Kulissen sind nassschwer.

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Simone Marwitz ist an diesem Theatersommerabend für die Abendregie zuständig. „Eigentlich bin ich dafür da, um zu schauen, ob etwas passiert. Dabei stimme ich mich mit der Bühnentechnik und den Inspizienten, den Hauptkoordinatoren einer Vorstellung, ab – ich bin ein Mädchen für alles“, sagt die 33-Jährige und begrüßt Schauspieler Andreas Pannach. Noch fehlt ihm das typische Egon-Outfit. Auch István Kobjela kommt mit langen Schritten angespurtet. Rainer Gruß indes verschwindet im Haus. Die Olsenbande wäre damit schon mal für den Coup komplett. Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn müssen alle Schauspieler da sein, die im ersten Teil der Inszenierung zu sehen sind. „Wir brauchen ja schließlich eine Versicherung, dass alle spielbereit sind.“

Wieder kämpfen sich ein paar Kleindarsteller durch das Zuschauergewusel hindurch. „Ausverkauft“, sagt Simone Marwitz zu einem Kollegen und behält dabei die Übersicht über die Ankommenden. Die Regieassistentin hat längst Routine für solche Vorstellungen mit gut 40 Leuten auf und noch mal gut der Hälfte hinter der Bühne. Seit dem 10. Bautzener Theatersommer und dem damaligen „Volksstück vom Johannes Karasek, genannt der Schrecken der Oberlausitz“ vor 13 Jahren gehört sie zur Freiluft-Crew des Theaters. Ihre erste Schauspielluft aber schnuppert sie im Theaterklub für junge Leute, als sie noch auf das Wirtschaftsgymnasium geht. Das ist inzwischen 17 Jahre her.

Das Handy klingelt. Es ist nur ein kurzes Telefonat mit Inspizient Timo Schlosser, der für Licht und Ton zuständig ist. Er sitzt bereits auf dem Bühnenturm und hat beobachtet, wie Zuschauer über die Bühne laufen. Simone Marwitz sagt: „Ich kümmere mich“ und holt eine Mitarbeiterin vom Besucherservice, um ein Auge auf den Bereich zu halten, der den Schauspielern vorbehalten ist. Nebenbei nickt sie noch lachend Erik Dolata zu. Als „Dummes Schwein“ wird er gleich für ganz miese Stimmung bei der Olsenbande auf Mallorca sorgen. Aber jetzt verbreitet die Regieassistentin erst mal ein bisschen Fröhlichkeit. „Das ist auch eine meiner Aufgaben: Das Ensemble hier in den sechs Wochen bei Laune zu halten“, sagt sie. Ihre Kollegen nennen sie übrigens kurz „Simmy“.

Erstmal ein Praktikum

Vor dem Bühneneingang platzieren sich die Theatertechniker. Es sind noch 20 Minuten bis zum Vorstellungsbeginn. Bühneninspektor Matthias Lachmann verschwindet hinter einem Bauzaun, der den Theaterzauber hinter der Bühne vor neugierigen Publikumsblicken schützen soll. Er checkt noch mal, ob alle Wände und Möbel an ihrem Platz und die Autos in der abgemachten Startposition stehen. Auch Lars Noack bezieht seinen Arbeitsplatz für die kommenden drei Stunden. Er entfernt den Schutz von der Steuerung der Drehscheibe. „Ohne ihn dreht sich heute Abend gar nichts“, sagt Simone Marwitz, lässt das Stück Kulisse vom Ballermann hinter sich und wechselt wieder nach vorn. Die Zuschauer sitzen fast alle auf ihren Plätzen.

Simone Marwitz bleibt am Rand im Hintergrund. Schon bei ihrer ersten Inszenierung im Theaterklub hat sie sich um alles Organisatorische gekümmert. Damals denkt sie noch, dass sie eine Fotografen-Ausbildung machen wird. „Aber ich merkte, dass ich es hinter den Kulissen viel spannender fand“, sagt die Bautzenerin. Nach dem Abitur macht sie also erst mal ein Praktikum am Theater, schaut der damaligen Regieassistentin über die Schulter und souffliert beim Karasek im Theatersommer. Nach drei Jahren Praktikum am Haus geht sie zum Theaterwissenschaftsstudium nach Leipzig. Doch nach so viel Praxis kann die Theorie nur halb so viel Spannung erzeugen.

Seit zehn Jahren arbeitet Simone Marwitz als Regieassistentin am Deutsch-Sorbischen Volkstheater. Die „Olsenbande hebt ab“ ist ihre 86. Inszenierung. Ihre Arbeit spielt sich zum größten Teil vor den Premieren ab. „Ich halte dem Regisseur den Rücken frei“, sagt die Theatermitarbeiterin. Über ihren Tisch laufen als rechte Hand des künstlerischen Leiters die Szenenspiegel, die auflisten, wann welcher Schauspieler in welcher Szene dran ist, die Requisiten- und Kostümlisten, Probenplanung und der Einsatz der Kleindarsteller. Auf der Bühne hält währenddessen eine Verfolgungsjagd zwischen der Olsenbande, der Polizei und der Frau, die immer erschrickt, die Zuschauer im Atem.

Wie eine Choreografie

Der Duft frisch gebackener Brezel vermischt sich mit dem Duft frisch gegrillter Bratwurst. „Noch drei Szenen, dann ist Pause. Das Publikum ist heute wunderbar. Es funktioniert alles“, sagt Simone Marwitz von ihrem Platz am Rietschelgiebel. Dann strömen auch schon die Zuschauer von der Traverse. Simone Marwitz schaut bei den Kollegen vom Ensemble nach dem Rechten. Die Stimmung ist gut, die Theatertechniker erledigen schnell den Umbau für den Showdown. Dann geht es schon weiter. Für die Regieassistentin gibt es im zweiten Teil eine Stelle, auf die sie besonderes Augenmerk legt: die berühmte Orchesterszene in der Königlichen Oper, bei der etliche Wände gesprengt werden müssen.

Egon, Benny, Kjeld, Børge und Dynamit-Harry betreten die Bühne. Die Fake-Musiker sitzen schon auf ihren Plätzen. Der Dirigent hebt den Taktstock. Die Musik beginnt. „Wie eine Choreografie haben wir jedes Detail für das Orchester und die Olsenbande einstudiert“, sagt Simone Marwitz. Die fünf Gauner durchbrechen zum Takt der Musik Tür für Tür. Das Publikum belohnt ihren Coup mit Szenenapplaus. „Alles hat geklappt. Von hier sind es noch 25 Minuten bis zum Ende“, sagt die Abendregisseurin. Die Anspannung weicht ein wenig. Dann geht der Blick auf das Handy. Die Wetter-App für den kommenden Tag zeigt Regenwolken. Darum wird sie sich morgen kümmern.

„Die Olsenbande hebt ab“ läuft bis Sonntag noch sechs Mal. Restkarten an der Theaterkasse, Seminarstraße 12, und an der Abendkasse 60 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Hof der Ortenburg. www.theater-bautzen.de