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Ehe verliert an Bedeutung

Im Freistaat Sachsen wird schon jedes zweite Kind von einer ledigen Mutter zur Welt gebracht. Ostdeutschland scheint sich mit einem Bedeutungsverlust der Ehe europaweit zu einer Musterregion zu entwickeln.

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Von Stefan Rössel

53 Prozent der Neugeborenen des vorigen Jahres in Sachsen haben eine nicht-verheiratete Mutter. Die Nachricht des Statistischen Landesamts von dieser Woche überraschte noch mehr als der weitere Geburtenrückgang. Bei der Frage nach der Ursache für diese Entwicklung läuft man allerdings vorerst schnell auf Grund. Die Wissenschaft ist noch nicht so weit.

„Es handelt sich um eine ganz junge und sehr dramatische Entwicklung“, sagte Dirk Konietzka der SZ. Er geht selbst solchen Fragen am Max-Planck-Institut für demografische Studien in Rostock nach. Gegenwärtig bereitet der Experte erst ein Forschungsprojekt vor, um die Hintergründe dieses gesellschaftlichen Wandels aufzuhellen.

Irrtum der Experten

Zur Zeit der Wende hatten sich die meisten Bevölkerungswissenschaftler geirrt, erinnert sich Konietzka: „Alle dachten, das Verhalten in Ostdeutschland würde sich bald der westdeutschen Norm anpassen.“ Doch es kam genau andersrum: In Sachsen und den übrigen neuen Ländern stieg der Anteil der ledigen Mütter weiter kräftig an, und die alten Länder begannen, langsam nachzuziehen. Dort hat sich der Anteil inzwischen auch auf rund 20 Prozent verdoppelt (siehe Kasten).

Jedenfalls liege Ostdeutschland mit der Quote der nicht-verheirateten Mütter europaweit mit Schweden und Estland an der Spitze. Allerdings würden dort mehr Kinder zur Welt gebracht.

Sozialhilfe ohne Einfluss

In Westdeutschland konnte Konietzka in einer Studie feststellen, dass sich mehr Frauen mit besserem Bildungsabschluss die Mutterschaft ohne Ehe zutrauen. In den neuen Ländern spielt das keine Rolle: „Da ist das in allen Schichten ähnlich ausgeprägt.“

Auch der Zugriff auf höhere Sozialleistungen in einzelnen Fällen spiele offenbar meistens keine entscheidende Rolle für die Entscheidung der Frauen, auf die Ehe zu verzichten. Das zeige schon die Tatsache, dass Sonderleistungen für ledige Mütter aus DDR-Zeit nach der Wende eingestellt wurden, ohne dass sich der Trend wendete.

Entkoppelung von der Ehe

Generell kommt Konietzka zu dem Befund, dass Wille und Bereitschaft von Frauen, Kinder aufzuziehen, immer mehr unabhängig von einer Ehe verwirklicht werden.

Sein Bremer Forscherkollege Prof. Johannes Huinink formuliert diesen Trend viel radikaler: „Die heilige Ehe verliert an Bedeutung. Sie ist eher noch Mittel zum Zweck. Für Partnerbeziehungen hat sie zunehmend nur rituelle Bedeutung.“

Für Ostdeutschland weist er auf gesetzliche Maßnahmen zu DDR-Zeit hin. So sei eine Heirat schon seit 1972 nicht mehr das wesentliche Mittel gewesen, an eine Wohnung zu kommen. Das habe Frauen ermutigt, Kinder allein zu erziehen. Auch die Möglichkeit, mit einem Kind einem Beruf nachzugehen und damit wirtschaftlich unabhängiger zu sein, sei einfacher gewesen.

Und in Westdeutschland sei die Ehe bis 1998 nicht zuletzt ein Mittel für die Väter gewesen, ihre Rechte am Kind zu sichern. Auch aus Gründen der Tradition spiele dort die „kindorientierte Ehe“ eine größere Rolle, bei der Paare erst heiraten, wenn ein Kind dabei ist.

Die Partnerschaft bleibt

Huinink ist sich schon heute sicher, dass es in der Frage der Ehe eine Angleichung von West nach Ost geben wird. Der Osten sei in dieser Beziehung schon immer „moderner“ gewesen, sagte er der SZ. Der Trend gehe dahin, dass Partnerschaften immer mehr die Funktion der Ehe übernehmen. Immerhin würden in den neuen Ländern schon in der Hälfte der so genannten wilden Ehen Kinder erzogen.