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Ehrenrettung für Heidsick?

Vor 60 Jahren: Nach dem Volksentscheid am 30. Juni 1946 werden in Kamenz insgesamt 18 Betriebe enteignet.

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Von Dr. Dieter Rostowski

Ein Volksentscheid sollte am 30. Juni 1946 in Sachsen über die Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher entscheiden. Manche denken sofort an Konzerne und Monopolunternehmen, die Verantwortung für den Krieg Deutschlands gegen die Völker der Welt trugen und die dabei immense Profite eingeheimst hatten – beispielsweise IG Farben, Flick, Thyssen und Krupp.

In Kamenz sowie im Landkreis waren kaum zu enteignende Nazi- und Kriegsverbrecher festgestellt worden. Die meisten der zu enteignenden Betriebe waren jedoch mit der Naziwirtschaft derart verbunden, dass sie Zulieferungen direkt oder indirekt für Vernichtungswaffen, Kriegsgerät und dergleichen produzierten. In diesen Betrieben wurden nicht nur die deutschen Arbeiterinnen und Arbeiter zur Arbeit für den Krieg angetrieben. Dort wurden teilweise auch Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern Europas schamlos und erniedrigend ausgebeutet.

Denkzettel für Monopole

Deshalb wurden diese Betriebe auf die Enteignungsliste gesetzt und ihre Inhaber als Naziaktivisten – manche hatten auch NS-Ehrungen für ihre Ergebenheit erhalten – eingestuft. Der entscheidende Stoß des Volksentscheides richtete sich gegen die ökonomisch Mächtigen, gegen die deutschen Monopole und Konzerne, welche die Hauptkriegsschuld trugen.

Am 29. Juni 1946, dem Vorabend des Volksentscheides, gab es in Kamenz auf dem Markt eine Kundgebung, an der etwa 10 000 Menschen teilgenommen haben sollen. Das Bekenntnis der Anwesenden war stellvertretend für die Bürger des Kreises Kamenz eindeutig: „Unser Ja zur Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher sowie der Naziaktivisten!“ In Sachsen gaben 459 658 Menschen ihre Stimme ab. Das waren 94,1 Prozent der Stimmberechtigten. 2 683 401 Menschen stimmten mit Ja (77,7 Prozent), 571 600 mit Nein (16,5 Prozent). 204 657 Stimmen waren ungültig (5,8 Prozent). 83 Prozent Ja-Stimmen für die Enteignung wurden durch die Menschen im Kreis Kamenz abgegeben. Dieses überwältigende Ergebnis hatten selbst die im Block vereinten antifaschistisch-demokratischen Parteien und Organisationen des Kreises nicht erwartet.

Nach dem Volksentscheid wurden in Kamenz 18 Betriebe enteignet. Dazu gehörten die Steinbruchbetriebe J. Gierisch, die Buchdruckereien W. Krausche und F. Siedt, die Ofenfabrik F. Müller, die Vereinigten Lausitzer Granitwerke, die Motorenfabrik H. Steudel, die Kellereimaschinenfabrik K. Münzberg, die Didier-Werke Thonberg, die Tuchfabriken K. Linke und Lesche, das Sägewerk Vogt, die Klempnerei Johne sowie das Hotel J. Lehmann. In Königsbrück betraf es u.a. die Metallfabrik Meurer, in Großröhrsdorf die Tischfabrik H. Menzel.

Kamenzer entging Enteignung

Warum die Maschinenfabrik Gebr. Heidsieck in Kamenz der Enteignung entging, dürfte vielleicht darin begründet liegen, dass dort nicht ausschließlich Kriegsmaterial produziert wurde. Es könnte aber auch sein, dass die während des Krieges im Betrieb ausgebeuteten französischen Kriegsgefangenen bzw. die so genannten „Ostarbeiterinnen“ sich ehrenrettend für Heidsieck äußerten. Eine genaue Aussage über wirkliche Gründe konnte bisher nicht gefunden werden.