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Ein Australier ist großer Harbig-Fan

Auf eine fünfteilige SZ-Serie gibt es erstaunliche Reaktionen. Sogar Erinnerungen an „unsern Rudi“ wurden geweckt.

Ulrike Harbig zeigt ihren „Lieblingsmann“, eine Trophäe aus der Sammlung ihres Vaters, Weltrekordläufer Rudolf Harbig. Jetzt kennt sie auch deren Geschichte.
Ulrike Harbig zeigt ihren „Lieblingsmann“, eine Trophäe aus der Sammlung ihres Vaters, Weltrekordläufer Rudolf Harbig. Jetzt kennt sie auch deren Geschichte. © Ronald Bonß

Die Tochter von Rudolf Harbig staunte. In den vergangenen fünf Montagausgaben hatte die Sächsische Zeitung im Sportteil jeweils eine ganze Seite der Serie „Die Harbigs – eine deutsche Geschichte“ gewidmet. Ulrike Harbig war überrascht über die vielen positiven Reaktionen, die sie von Verwandten sowie Freunden aus dem In- und Ausland bekam. Sie erhielt Kommentare aus Österreich und der Schweiz, aus Neuseeland und Florida. „Es ist erstaunlich, wie viele Menschen auch heute noch von den sportlichen Leistungen meines Vaters und seinem kurzen Leben beeindruckt sind“, sagte die in Gröditz lebende Harbig-Tochter.

Zufällig meldete sich zum Start der SZ-Serie ein alter Harbig-Fan aus Australien nach einigen Jahren mal wieder bei Ulrike Harbig. Trevor Vincent hatte alles gesammelt, was er über den vierfachen Dresdner Weltrekordläufer ergattern konnte. Damit gestaltete er ein kleines Harbig-Museum, widmete es seinem großen Vorbild. Erst durch die Vermittlung einer einstigen Schülerin von Ulrike Harbig, die nun in Neuseeland lebt, erfuhr die Harbig-Tochter, dass der Fan ihres Vaters selbst einst ein sehr guter Läufer war.

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Trevor Vincent hatte bei den Commonwealth Games 1962 in Perth die 3.000 Meter Hindernis gewonnen. Bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio kam er aber nicht über den Vorlauf hinaus. Eine Verletzung verhinderte eine Finalteilnahme. Der sechsfache australische Meister gewann vier Titel über die Hindernisstrecke und außerdem über 1.500 Meter sowie 5.000 Meter. Er trainierte an der Seite von Lauf-Legende Ron Clarke im Glenhuntly Athletics Club in Melbourne. 

Der Verein gilt als Australiens erfolgreichster Läuferklub, Clarke dagegen als ein tragischer Held der Leichtathletik. Dem 17-fachen Weltrekordler und harten Tempoläufer fehlte in den großen Rennen die gnadenlose Spurt-Qualität auf den letzten, aber entscheidenden Metern. So gewann Clarke nur eine Olympiamedaille: 1964 Bronze über 10.000 Meter.

Auch Reaktionen aus Bayern

Clarke starb 2015. Der 82-jährige Vincent trainiert immer noch eine Laufgruppe an der Monash University Clayton. Er gehörte zu den Fackelläufern bei den Sommerspielen 2000 in Sydney. Der Vater dreier Söhne und Opa von acht Enkeln bekam die SZ-Serie geschickt. „Ich bin begeistert“, schrieb er Ulrike Harbig. Er regte auch an, nach einer Möglichkeit zu suchen, eine Nachbildung der 1945 im Dresdner Feuersturm verbrannten bronzenen Olympiamedaille Rudolf Harbigs von den Sommerspielen 1936 zu beschaffen.

Überraschte Reaktionen bekam Ulrike Harbig von Freunden aus Bayern, die es auf einen Punkt brachten: „Das ist ja eine richtige Zeitgeschichte“, urteilten sie. Und es gab Schreiben und Anrufe von älteren Leuten, die sich an ihre Jugend erinnerten. „Sie erzählten mir ihre Geschichte und was für einen Ruf mein Vater für sie hatte, wie sie die Harbig-Sportfeste und Gedenkläufe in Dresden erlebt haben“, berichtete die 1943 in Dresden geborene Harbig-Tochter.

Rudolf Harbig lief 1939 binnen weniger Monate vier Weltrekorde.
Rudolf Harbig lief 1939 binnen weniger Monate vier Weltrekorde. © Ronald Bonß

Der Anruf einer Journalistin brachte auch Klarheit über ihren „Lieblingsmann“, der sie schon ein Leben lang begleitete. Es ist ein Pokal, den Rudolf Harbig vom Dresdner Oberbürgermeister bekommen hatte. Der nackte Athlet mit einem Ball in der Hand ist eine Nachbildung der Monumentalplastik „Der Ballwerfer“. Die 1907 von Richard Daniel Fabricius geschaffene Statue fand ihren heutigen Platz vor dem Deutschen Hygiene-Museum, als dort die Kriegsschäden beseitigt worden waren.

Zweifel meldete ein SZ-Leser an, ob tatsächlich nie sowjetische Athleten zu den Harbig-Sportfesten gekommen sind. Dazu sagte Peter Grundmann, der in jungen Jahren die Wettkämpfe als Zuschauer erlebte, später jahrzehntelang für die Dresdner Leichtathletik aktiv war und zu den rührigen Lauf-Organisatoren der Stadt gehört: „Mir erzählte damals ein Leichtathlet, der von einem Wettkampf zurückkam, dass sie in der Sowjetunion ernste Probleme mit Harbig haben. Der hatte im Krieg auf der anderen Seite gestanden, war an der Front gestorben. Diese Tatsachen würde für sowjetische Sportler einen Start in Dresden unmöglich machen.“

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Auch Ulrike Harbig konnte sich an keine Athleten aus der UdSSR bei den Harbig-Sportfesten erinnern. „Ich hatte gern Kontakt mit den ausländischen Sportlern“, erzählte sie. „Und ich hatte ja in der Schule Russisch. Das hätte ich damals gern mal angewendet. Es gab aber keine Gelegenheit dazu.“ Die Vorbehalte der sowjetischen Seite hatten mit dazu beigetragen, dass die Tradition der Dresdner Harbig-Sportfeste in den 1960er-Jahren endete. Zudem gab es seit 1963 den Olympischen Tag der Leichtathletik in Berlin, bei dessen Premiere 60 ausländische Athleten aus zwölf Ländern antraten – auch aus der Sowjetunion.

In zahlreichen Leserbriefen dachten SZ-Leser an die einstigen Leichtathletik-Höhepunkte zurück. So schrieb Michael Süß über Erinnerungen, die bei ihm geweckt wurden „an die Rudolf-Harbig-Gedächtnisläufe im gleichnamigen Stadion. Wir Jugendlichen rannten nach der Siegerehrung dem Sieger hinterher und ergatterten Autogramme. Dort wurde mein Interesse an der Leichtathletik geweckt. Langjähriges Training und Gemeinschaftserlebnisse im Sportverein führten mich letztlich zum Beruf als Sportlehrer.“

Und auch an seinem Arbeitsplatz im Dresdner Elektrizitätswerk hatte Harbig Eindruck hinterlassen. „Mein Opa war bei der Drewag als Werkmeister tätig und sprach voller Hochachtung über den Arbeiter und Sportler Harbig, ,unsern Rudi‘. Das weiß ich von meiner Mutter“, schrieb Michael Süß und hofft auf Traditionspflege, zum Beispiel durch das Sportgymnasium. „Vielleicht“, so schlägt er vor, „ist im hoffentlich bald umgebauten Heinz-Steyer-Stadion auch Platz für eine öffentliche Würdigung von Rudolf Harbig.“

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