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Bautzen

Ein Ausweis für den Storch

Ehrenamtliche Vogelschützer beringten am Montag junge Störche. Dabei gab es nicht nur schöne Erlebnisse.

Stefan Siegel beringt einen der beiden Jungstörche in Wessel bei Milkel. Der zweite musste in den Tierpark Görlitz gebracht werden, weil sein Bein von einem Strick abgeschnürt wurde. Jetzt hoffen alle, dass der kleine Storch gesund wird.
Stefan Siegel beringt einen der beiden Jungstörche in Wessel bei Milkel. Der zweite musste in den Tierpark Görlitz gebracht werden, weil sein Bein von einem Strick abgeschnürt wurde. Jetzt hoffen alle, dass der kleine Storch gesund wird. © SZ/Uwe Soeder

Radibor. Das war kein schöner Anblick, als Stefan Siegel und Wilfried Spank mit der Hebebühne am Nest in Wessel ankamen. Einer der beiden Jungstörche hatte landwirtschaftlich genutzten Strick ums Bein, sodass dieses abgeschnürt wurde. „Das muss schon passiert sein, kurz nachdem das Jungtier geschlüpft ist, vermuten beide. Sie sind an diesem Tag auf Tour durch das Heide- und Teichland, um Jungstörche in den Nestern zu beringen.

Statistik wird fortgesetzt

Stefan Siegel, Mitarbeiter des Fördervereins der Vogelschutzwarte, und Wilfried Spank, Ornithologe und angestellt bei der Naturschutzstation östliche Oberlausitz, machen diese Arbeit ehrenamtlich. Sie werden dafür freigestellt. Das ist wichtig, damit die jahrelang geführte Statistik im Weißstorchenprojekt fortgesetzt werden kann. Die Ergebnisse gehen an die Vogelwarte Hiddensee, die am Institut für Zoologie an der Universität Greifswald unter anderem den Vogelzug erforscht. Dass nun von den zwei Jungtieren in Wessel nur einer beringt werden konnte, bedauern die Männer. Und nicht nur sie. Familie Jannasch, auf deren Grundstück der Horst steht, beobachtet seit vielen Jahren „ihre“ Störche. Und jedes Jahr gibt es neue Geschichten. Als im Frühjahr das Nest gereinigt wurde und Unmengen an Material auf der Fläche unter dem Mast landete, haben Jannaschs es gar nicht gemerkt. „Als alle weg waren, haben die 30 Hühner wie verrückt gescharrt, sodass abends alles verteilt war“, erzählt Doris Jannasch. Und auch davon, dass mittlerweile bei ihr auf dem Hof nicht nur Hund, Katze und Huhn beieinanderliegen. „Wir haben beobachtet, dass sich ein Storch dazugesellt hat, ohne Furcht“, sagt sie. Ganz frisch war die Geschichte, dass es in der vergangenen Woche einen Angriff anderer Störche auf das Nest gab. Aber es ist alles gut ausgegangen. Das hoffen sie nun auch bei dem Jungstorch, der nun im Tierpark Görlitz ist. Stefan Siegel berichtet, dass es keine Seltenheit ist, dass sich Vögel in solchem Bindestrick verheddern. „Der kommt oft vom Strohbündel auf den Misthaufen und von dort auf die Felder, wo der Strick mit breitgefahren wird“, sagt er. In diesem Jahr haben dadurch schon zwei Milane den Tod gefunden. Bei Ornithologen nennt sich dieses Material „Vogeltod“.

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Dieser Bindestrick wird überwiegend in der Landwirtschaft eingesetzt. Er wurde einem Storch zum Verhängnis.
Dieser Bindestrick wird überwiegend in der Landwirtschaft eingesetzt. Er wurde einem Storch zum Verhängnis. © SZ/Uwe Soeder

Auch in Commerau gibt es einen aufmerksamen Nachbarn. „Ich wohne jetzt schon 40 Jahre hier und es ist immer wieder interessant, die Tiere zu beobachten“, sagt er. Manchmal halten Autos an, um zu gucken. Voriges Jahr gab es viermal Nachwuchs. Offenbar war ein Nachzügler dabei, denn der ist erst eine Woche später abgeflogen. Diesmal lag wohl noch ein zweites Ei im Nest. Doch der Nachbar vermutete, dass es Horstkämpfe gab und ein Ei zu Boden ging. Und tatsächlich, Willi Spank fand noch Reste der Eierschale. Der überlebende Storch im Nest wiegt immerhin gut drei Kilo. Als sich die Hebebühne wieder vom Nest fortbewegt, stellt sich das Jungtier an den Rand des Nestes und macht erst einmal einen mächtigen Schiss.

Unterstützung mit der Hebebühne

Die nächste Station ist Steinitz. Familie Hartmann ist vor Ort, wartet auf die Beringer. Doch es gibt noch mehr Interessenten. Die Großen aus dem Kindergarten in Steinitz sind zu Besuch. Axel Semper von der Firma Lift-Manager aus Jänkendorf zirkelt die Hebebühne zum Nest. Er wird nebst Fahrzeug von der Firma kostenlos zur Verfügung gestellt. „Ohne diese Unterstützung können wir die Storchentour gar nicht machen“, sagt Annett Hertweck von der Naturschutzstation östliche Oberlausitz. Auf dem Nest, das eigentlich schon erneuert sein sollte, gibt es vier Jungtiere. „Der neue Betonmast ist schon da, doch bevor jemand gefunden wurde, der ihn aufrichtet und das neue Nest aufsetzt, waren die Jungvögel schon da“, berichtet Familie Hartmann. Der alte, hölzerne Mast, der 1989 errichtet wurde, nachdem die Scheune, auf der das Nest bis dahin stand, brannte, ist nun verschlissen. Damals konnten die Störche gerettet werden. Immerhin gibt es den Horst schon seit 66 Jahren hier.

Ein Storch auf einem Hausdach in Wessel.
Ein Storch auf einem Hausdach in Wessel. © SZ/Uwe Soeder

Die Kinder waren ganz begeistert, als die vier jungen Störche nach unten geholt wurden. „Mit der Hebebühne kommen wir nicht ganz so gut zum Beringen ran“, sagt Willi Spank. Und Fabian hat dann gleich eine Frage: „Warum bekommen die Störche einen Ring“, will er wissen. Stefan Siegel erklärt es so: Das ist wie ein Ausweis für den Menschen. Überall, wo dieser Storch gesehen oder gefunden wird, weiß man dann, dass er aus Steinitz kommt und 2019 geboren ist. Dann wissen die Wissenschaftler auch, wohin er im Winter fliegt.

Die Beringungstour lief diesmal etwas anders. So musste Stefan Siegel bergsteigerische Qualitäten entwickeln, um an den Horst in Zescha zu kommen. Viele Nester, in denen in den vergangenen Jahren viele Jungtiere ausgebrütet wurden, waren dieses Mal weniger besetzt. Dafür gab es neue Storchenfamilien in Orten, die lange leer blieben. Insgesamt wurden an diesem Tag 15 Storchenhorste besichtigt und 43 Jungtiere beringt.

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