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Ein Bäumchen für die Kleinsten

Wer in Pohrsdorf das Licht der Welt erblickt, wird traditionell mit einem Borsdorfer begrüßt – mit einem Apfelbaum.

Von Susanne Sodan

Ein Baum steht neben dem anderen, 48 sind es insgesamt. Ganz besondere Bäume, in mehrfacher Hinsicht. Auf der Wiese an der Wettineiche in Pohrsdorf wächst der Borsdorfer Apfel, eine Sorte, die dem kleinen Ort einst Einkommen und Prestige sicherte. Vom Obstanbau leben die Pohrsdorfer längst nicht mehr. Dennoch werden Jahr für Jahr im Herbst einige Borsdorfer Apfelbäume gepflanzt – für die Kinder von Pohrsdorf.

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Am Sonntag stiefelten die Eltern mit Spaten in der Hand, Kinderwagen und Familie im Schlepptau zum Kirchweg. Das Gelände an der Wettineiche ist mit den 48 Bäumen längst gefüllt. Mit dem Platzmangel musste eine neue Lösung her. Die Pohrsdorfer wichen auf ein Grundstück am Reuter-Berg aus. Mittlerweile bevölkern die Bäume nicht mehr nur die Wiesen, sondern sind Teil des Ortsbildes. Seit einigen Jahren werden die Bäumchen an den Straßenrändern gepflanzt. Also auf zum Kirchweg, hieß es für alle Pohrsdorfer Familien, die seit November letzten Jahres Zuwachs bekommen haben. Beim Buddeln mussten die Eltern, vor allem die frischgebackenen Väter, selber ran – unter Anleitung von Gärtnermeister Dietmar Klein und Apfelkönigin Doreen Ulke.

Sieben kleine Pohrsdorfer haben in den letzten zwölf Monaten das Licht der Welt erblickt. „Seit 2009 wird aber nur noch ein Baum pro Jahrgang gepflanzt. Das würde sonst einfach überhandnehmen“, erzählt Katharina Ortmann vom Pohrsdorfer Heimatverein. Dafür bekommen die jungen Familien je einen Borsdorfer Apfelbaum für das private Grundstück geschenkt. Und so macht die Pflanze, die beinahe schon als ausgestorben galt, wieder die Runde in ihrer Heimat. Seit wann der Borsdorfer Apfel in Pohrsdorf angebaut wurde, ist nicht bekannt. Belegt ist, dass er zu Beginn der Frühen Neuzeit auf der Leipziger Messe gehandelt, nach Hamburg verschifft und sogar nach Russland verkauft wurde. Das Besondere am Borsdorfer: Er war die erste Sorte, die man über einen längeren Zeitraum lagern konnte. Vom kleinen Pohrsdorf ging es in die weite Welt. Die Sorte wurde veredelt, verändert und trägt heute viele Namen. Ob der Borsdorfer tatsächlich aus Pohrsdorf kommt – ganz klar ist das nicht. Eine andere These besagt, die Sorte stamme vom Klostergut Borsendorf bei Dornburg. Klar aber ist, der Apfelbaum hat in Pohrsdorf eine lange Tradition und ziert auch das historische Wappen des Ortes. In den 90er-Jahren besann man sich auf diese Tradition, erforschte die Geschichte und wählte 1999 Manuela Lucius zur ersten Pohrsdorfer Apfelkönigin. Von ihr stammt auch die Idee, jedes Neugeborene mit der Pflanzung eines Borsdorfers zu begrüßen. Doch woher nehmen? Von einem der letzten alten Pohrsdorfer Apfelbäume hatte der Ortschronist Gotthard Tamme vor mehr als 20 Jahren einen sogenannten Reißer entnommen und zur Baumschule von Dietmar Klein nach Hetzdorf gebracht. Seitdem wird der Borsdorfer dort nachgezüchtet. Das Bäumchen, das am Sonntag gepflanzt wurde, hat seine Ursprünge allerdings in der Nähe von Jena. Aus Thüringen hatte Klein vor einigen Jahren Reißer von einem original Edelborsdorfer bekommen und diese zur Nachzüchtung verwendet.

Noch sieht der Neuzugang am Kirchweg recht mickrig aus. Bis er tatsächlich Früchte trägt, kann es bis zu 15 Jahre dauern. Dann ist der Nachwuchs schon fast wieder aus dem Haus, der Baum wird bleiben und für schöne Erinnerungen sorgen.