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Ein bedrohter Erinnerungsort

Königshain hat zwei große Soldatenfriedhöfe. Angehörige wie Hildemar Hentsche pflegen Gräber. Doch der Verfall ist rasant.

Von Anja Hecking

Das Holzkreuz auf dem Grab seines Bruders ist längst nicht so verwittert wie die meisten anderen Kreuze. Hildemar Hentsche hat es schon vor einiger Zeit erneuert, ebenso drei weitere Kreuze. Regelmäßig legt er Hand an auf den Königshainer Kriegsgräberstätten. Er setzt sich dafür ein, dass die Anlagen erhalten bleiben. Aber mit dem teils verwahrlosten Zustand ist der Rentner aus Rammenau sehr unzufrieden.

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Seit etwa fünf Jahren kommt er oft nach Königshain. Er hat Unterstützung organisiert und einiges angeschoben. Aber das alles geht ihm zu langsam voran, zumal ihm die Fördermittelstelle schon im Juni 2012 dringenden Handlungsbedarf bestätigt hatte. Bei seinen Besuchen in Königshain bemerkt er immer wieder ein großes Interesse von Passanten. Weil er sich intensiv mit den Soldatengräbern befasst und nachgeforscht hat, kann er zu Hintergründen und einigen Details auch Auskunft geben.

Oft werde er zum Beispiel gefragt, warum ausgerechnet in Königshain so viele Soldaten begraben wurden. Allein zwei größere Anlagen befinden sich unmittelbar im Schlosspark. Eine weitere befindet sich auf dem nahen Friedhof. Über 370 Gefallene sind es insgesamt. Etwa ab Mitte Februar 1945 bis zum 8. Mai hatten im Raum Lauban bis Görlitz heftige Kämpfe getobt. Auf dem Schlossgelände befanden sich ein Hauptverbandsplatz und eine Küche. Das Essen wurde den Soldaten an die Front gebracht. Auf den Rücktransporten gelangten die Verwundeten und Toten nach Königshain.

17-Jähriger stirbt vor Kriegsende

Gottfried Hentsche war noch ein Junge, als er im März 1945 in den Kämpfen bei Görlitz starb. Das war nur wenige Tage vor seinem 18. Geburtstag. Aber viel geredet darüber wurde damals nicht. Trotz des großen Altersunterschiedes von 14 Jahren kann sich Hildemar Hentsche an den Bruder erinnern. Er hat kein Gesicht mehr vor Augen, aber Situationen.

Gottfried war handwerklich sehr geschickt. Für den jüngeren Bruder baute er oft Spielzeug auf dem Dachboden. Zum letzten Mal zu Hause war er im Februar 1945. „Ich weiß noch, dass ich ihn an diesem Februartag an der Hand gezogen habe“, erzählt der Rammenauer. „Er sollte zum Essen kommen, aber er zögerte. Später dann habe ich ihn noch auf die Straße hinaus begleitet und zugesehen, wie er in seiner Uniform immer kleiner wurde und kleiner und schließlich um die Ecke bog.“

In der guten Stube zu Hause stand dann das Bild des Bruders. Die ältere Schwester hat das Grab in Königshain schon 1946 besucht. Über die Jahre hinweg brachte die Familie auch immer wieder mal Kränze nach Königshain. Einwohnern des Ortes ist es aber hauptsächlich zu verdanken, dass sich die Soldatengräber bis zur Wende in einem gepflegten Zustand befanden. Eine ältere Königshainerin, so erzählt Hildemar Hentsche, habe ihm einmal ihre Beweggründe dafür erklärt. Die eigenen Väter, Brüder und Söhne würden irgendwo in der Fremde liegen, da sei es für sie selbstverständlich gewesen, den Soldatenfriedhof vor Ort in einem würdigen Zustand zu erhalten.

„Ich selbst bin so Mitte der 1950er Jahre als junger Kerl das erste Mal am Grab meines Bruders gewesen“, sagt der 72-Jährige. Mit dem Moped sei er damals bis nach Königshain gefahren. Die Besuche blieben dennoch selten. Da waren andere Interessen. Dennoch ließ ihm sein Gewissen nicht in Ruhe. Mit der Wende veränderte sich auch die Sichtweise auf das Thema.

Seit dem Fall der Mauer tragen Bund und Kommunen die Verantwortung für die Kriegsgräber. Ursula Petersen aus der Gemeindeverwaltung in Königshain bemüht sich, mit großem persönlichem Einsatz, die Anlage zu betreuen. Aber offensichtlich ist es nur bedingt möglich, die Pflege der Gräber zu bewältigen, schätzt Herr Hentsche ein. Denn gelegentliche Helfer würden immer nur zeitlich begrenzt bereitstehen. Zusätzlich sieht er in Königshain noch einige weitere Probleme. Das kann er so einschätzen, weil er als ehrenamtlicher Beauftragter für die Denkmalpflege im Kreis Görlitz herumkommt und andere Soldatenfriedhöfe kennt, wo das alles besser laufe, wie er sagt. Der Gemeinde Königshain falle es sichtlich schwer, trotz finanzieller Unterstützung durch den Bund die nötige Pflege zu leisten. Eine nachhaltige Betreuung könne jedoch nur durch einen Pflegevertrag abgesichert werden. Die Begrünung sei unzweckmäßig, eine grundsätzliche Erneuerung der gesamten Anlage unerlässlich.

Mit Nachdruck gegen letzte Hürden

Hildemar Hentsche hat der Gemeinde zwar schon an verschiedenen Punkten den Weg bereitet, den Kontakt zu Behörden hergestellt und in Sachen Finanzierung einiges angeschoben. Inzwischen liegen die Förderanträge zur Prüfung vor. Nun hofft er, dass sein Angebot zur Unterstützung auch als solches wahrgenommen wird und er aufgrund seines Nachdrucks in Königshain nicht nur als unbequemer Quereinsteiger dasteht. Noch wäre alles bis 2015 machbar. Dann sind das Kriegsende, der Tod der vielen Soldaten und der seines Bruders genau 70 Jahre her.

Angehörige von Gefallenen sowie interessierte Bürger können sich mit Anregungen oder zum Austausch von Informationen an Hildemar Hentsche, 01877 Rammenau, Niederdorfstraße 43 wenden; 03594 706006.