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Ein beeindruckender Betrüger

Torsten Neumann hat seit Jahren mit der Justiz zu tun. Der Freitaler täuschte nicht nur die Linkspartei. Jetzt wurde er in Dresden verurteilt.

Die Linke betreibt ein Bürgerbüro an der Dresdner Straße in Freital. Der Kreisverband wurde Opfer eines Betrügers.  Foto: Karl Ludwig Oberthür
Die Linke betreibt ein Bürgerbüro an der Dresdner Straße in Freital. Der Kreisverband wurde Opfer eines Betrügers. Foto: Karl Ludwig Oberthür © Karl-Ludwig Oberthür

Fast hätte es mit einer Karriere bei der Linkspartei geklappt. Im Frühjahr heuerte Torsten Neumann als Geschäftsführer für die Fraktion der Linken im Pirnaer Kreistag an. 

Gleichzeitig wurde er als Stadtratskandidat in Freital aufgestellt. Beides ging jedoch schief. Als Geschäftsführer war er bald krank gemeldet, das Stadtratsmandat verpasste er, wenn auch knapp. Der Mann hatte das viertbeste Ergebnis für die Linke geholt, doch nur drei Kandidaten schafften es in den Rat. Damit wäre er erster Nachrücker gewesen für den Fall, dass ein Stadtrat der Linken ausscheidet.

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Doch das ist jetzt vom Tisch, denn die Partei hat seine Mitgliedschaft aufgekündigt. Der 42-jährige gelernte Fliesenleger hatte sich den Genossen zwar blendend zu präsentieren gewusst – doch dabei seine beeindruckende Karriere als Betrüger weitgehend unterschlagen. Als das dann in Parteikreisen bekannt wurde und sich die Partei selbst wohl auch als Geschädigte sieht, trennte sie sich von Neumann. Am Donnerstag stand der gebürtige Zwickauer nun vor dem Amtsgericht Dresden.

Auch dort kritisierte die Richterin, was bei dem Angeklagten zunächst beeindruckend klinge, werde auf Nachfrage immer kleiner. Eine angebliche fünfmonatige Festanstellung als Altenpflegehelfer etwa entpuppte sich bei näherer Betrachtung als einer von mehreren Teilzeitjobs, der ihm kaum 200 Euro einbrachte. Tatsächlich musste er aufstocken. In der Dresdner Herzklinik habe er sich erst diesen Sommer als „Berufspolitiker“ und Soziologiestudent ausgegeben. Das, sagte er nun, sei ein Fehler der Klinik. Aber, so sagte die Richterin mit Blick auf eine Internetseite, man könnte auch meinen, der Angeklagte sei Chef der Freitaler AWO. Wohl auch ein Teil seines Blendwerks.

Nach seinem missglückten Versuch als Fraktionsgeschäftsführer arbeitet Torsten Neumann jetzt wieder als Altenpflegehelfer, ist aber in Elternzeit und krankgeschrieben. Sein Versuch, den Prozess nun krankheitsbedingt erneut platzen zu lassen, schlug aber fehl. Laut Anklage hat Neumann im August 2017 acht Bücher bei einem „Natur und Tier Verlag“ online bestellt – die Rechnung über rund 120 Euro jedoch nicht bezahlt. 

Offenbar züchtet er Reptilien, die Bücher handeln von Agamen, Geckos und anderen Echsen. Problematisch für Neumann ist der Tatzeitpunkt – gerade vier Monate zuvor hatte er das Gefängnis verlassen, nachdem er eine Freiheitsstrafe von 16 Monaten bis auf den letzten Tag abgesessen hatte. Er ist 13-mal vorbestraft, allein elfmal wegen Betruges. Neumann soll schon rund zehn Jahre Haft hinter sich haben. Richterin Monika Frömmel verzichtete darauf, das vollständige Vorstrafenregister in der Hauptverhandlung vorzutragen.

Neumann sagte, er habe die Rechnung für die Bücher schlicht vergessen. Erst vor der ersten Ladung zum Prozess – das Gericht hatte bereits im Februar dieses Jahres einen Termin für die Hauptverhandlung angesetzt – habe er die inzwischen auf 236 Euro angewachsene Summe beglichen. 

Doch diese „Vergesslichkeit“ nahmen ihm weder der Staatsanwalt noch die Richterin ab. Der Angeklagte habe nicht nur zahlreiche Mahnungen erhalten, sondern sei im Januar 2018 auch zur Polizeivernehmung in dieser Sache geladen worden. An Erinnerungen habe es also nicht gemangelt. Hinzu komme die kriminelle Erfahrung des 42-Jährigen.

Interessant war die Prüfung von Neumanns Konten. Im Tatzeitraum hat er auffällig oft Lastschriftüberweisungen widerrufen, sodass die Beträge zurückgebucht wurden – ein Besuch im Freizeitpark Soltau für 300 Euro, Gebühren einer Partnervermittlung im Internet, Lebensmittel, Tiernahrung.

Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Haftstrafe von sechs Monaten – ohne Bewährung. Doch die gnädige Richterin verurteilte ihn wegen Betruges nur zu einer Geldstrafe von 1 350 Euro. Die Tat sei lange her, sagte sie. Vorbei ist es für Neumann aber noch lange nicht. Denn laut Staatsanwaltschaft sind derzeit weitere 21 Ermittlungsverfahren gegen ihn anhängig – auch aufgrund seiner verdächtig vielen Rückbuchungen. Als neutraler Beobachter fragt man sich dann schon: Wie ist es möglich, mit einem solchen Strafregister in der Altenpflege zu arbeiten?

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