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„Ein bisschen pervers ist dieser Job schon“

Wieland Schmidt ist als Handball-Torhüter eine Legende. Doch seinen schwersten Kampf besteht er nach der Karriere.

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© ullstein bild

Von Sandra Degenhardt

Auf diese eine Szene, dieses eine Bild wird Wieland Schmidt immer noch angesprochen. Wutentbrannt feuert der einstige Weltklasse-Handballtorhüter nach dem Abpfiff des Olympia-Finales im August 1980 den Ball ab. „Eigentlich wollte ich den russischen Kameramann abschießen, der mich nach jedem Tor, das ich kassiert hatte, angegrinst hat“, erinnert sich Schmidt. Seine Emotionen entladen sich nach dem sensationellen Olympiasieg der DDR-Handballer über den haushohen Favoriten Sowjetunion, ausgerechnet in Moskau. Doch im letzten Moment überlegt er es sich anders, jagt die Kugel „haarscharf an seinem Kopf vorbei in eine Blechwand“.

In letzter Sekunde hatte Schmidt einen Wurf des Russen Alexander Karschakewitsch abgewehrt, ist das Wunder mit dem 23:22-Endspielsieg perfekt. „Davon haben wir nicht mal zu träumen gewagt, weil die Russen uns eigentlich in allen Belangen überlegen waren“, blickt der 276-fache DDR-Nationalspieler mit Stolz zurück. Im Vorfeld hatten er und seine Kollegen wie Frank-Michael Wahl, Peter Rost oder Lothar Doering zwar das in einer Nebenhalle stehende Siegerpodest als Dritter schon mal ausprobiert. „Einer wollte ganz nach oben, aber wir haben ihn zurückgehalten, weil wir glaubten, es bringt Unglück.“ Heute wird Schmidt 60.

„Willi“, wie ihn seine Freunde nennen, gibt keine große Party, sondern feiert in Leipzig mit Familie und engen Freunden. „Ich fühle mich nicht wie 60, das hört sich so uralt an“, sagt der gebürtige Magdeburger, der mit dem SCM sechsmal DDR-Meister wurde und von 1974 bis 1989 kein einziges Heimspiel verlor. Sein Erfolgsrezept: „Mein unbedingter Siegeswille. Ich kann einfach nicht verlieren.“ Seinen schwersten Kampf musste Wieland Schmidt 1998 ausfechten, als er nach einer Herzmuskelentzündung klinisch tot war. „Da war ich mal kurz im Zauberwald.“ Ein Schrittmacher regelt seitdem den Herzschlag des vielbeschäftigten Olympiasiegers.

Sein Herz schlägt nach wie vor für den Handball. Als Torhütertrainer betreut er den weiblichen DHB-Nachwuchs sowie die Zweitliga-Männer des SC DHfK Leipzig. Beim mehrfachen Frauen-Meister HC Leipzig ist er zudem Co-Trainer. „Ich versuche, die Spieler weiterzubringen und freue mich über ihre Erfolge“, sagt Schmidt.

„Torhüter“, meint er grinsend, „sind eigentlich Idioten. Weil, ein bisschen pervers ist dieser Job schon“. Wer lässt sich schon gern die Bälle mit Geschwindigkeiten von bis zu 130 km/h um die Ohren hauen. Eine internationale Karriere ist im verwehrt geblieben, denn ein Angebot des FC Barcelona 1988 konnte Schmidt nicht annehmen, weil „die DDR-Obersten etwas dagegen hatten“. Damals war er traurig. „Jetzt fahre ich mit meiner Frau hin und genieße die Stadt.“ Seit 28 Jahren ist er mit seiner Michaela glücklich verheiratet. (dpa, SZ)