SZ +
Merken

Ein Bus in der Probezeit

Vorerst vier Wochen dreht der City-Bus seine Runden in Pirna. Die SZ hat ihn getestet – und eine neue Art des Stadtbummels entdeckt.

Teilen
Folgen

Von Hartmut Landgraf

Kälteempfindlich ist Busfahrer Günter Schröder anscheinend nicht. Immer, wenn er nach seiner 20-Minuten-Runde durch Pirnas Innenstadt an der Gartenstraße kurz Pause hat, macht er die Türen seines Fahrzeugs sperrangelweit auf.

„Denn wenn ich sie zulasse, laufen die Leute vorbei“, fürchtet er. Und das wäre ein denkbar schlechter Start für den „Stadtstreicher“, Pirnas neue Innenstadtbuslinie. Am Freitag hat das lang ersehnte Nahverkehrs-Experiment begonnen, mit einem angemieteten, knapp neun Meter langen Fahrzeug der polnischen Omnibusmarke Solaris. 74 bzw. 76 Fahrgäste hatte der City-Bus an den ersten beiden Tagen. Eine Zahl, mit der man im Pirnaer Rathaus durchaus zufrieden ist. Der Start in die neue Woche verlief dagegen weniger euphorisch – am Montag wurden auf der Linie 39 Fahrgäste gezählt.

Die meisten Leute müssten das Angebot wohl erst mal beschnuppern, glaubt Günter Schröder. Manche hätten noch gar nicht begriffen, wohin der Bus mit dem blauen Stadtstreicher-Schild eigentlich fährt. Ganz anders Utte Kümmel und Roswitha Träger, zwei vergnügte Rentnerinnen, die gestern Nachmittag an der Gartenstraße in Schröders Bus einsteigen. Zum Weihnachtsmarkt wollen sie – und zwar schön gemütlich mit dem Stadtstreicher, von dem sie aus der Zeitung wissen. Auch ein dritter Rentner will die Sache ausprobieren. Mit seinen fünf Fahrgästen inklusive Reporter und Fotograf steuert Günter Schröder aus der Gartenstraße und hinunter zur Elbe. Hinten im Bus könnte man bequem biwakieren, 25 Sitzplätze hat der Solaris – und 20 von ihnen bleiben die ganze Cityrunde lang leer.

Am Steinplatz macht der Stadtstreicher eine scharfe Kehrtwende in die Lange Straße. Vorsichtig fädelt Schröder sein 2.40 Meter breites Fahrzeug an einem Bauzaun vorbei. Am Vormittag gab’s hier Probleme, weil ein Container abgeholt wurde und das Baufahrzeug die Straße blockierte. Ein Stück weiter die Gasse hinunter stand erneut ein Laster im Weg. Inzwischen sind alle Blockaden gelöst – und die Winkelzüge durch die Altstadt bereiten Schröder keine Kopfzerbrechen. „Der Bus ist wendig – das geht schon“, sagt der Fahrer. Auf dem holprigen Kopfsteinpflaster in der Badergasse und um den Weihnachtsmarkt herum rutscht der Fuß ganz von selbst vom Gas. Aber auch andernorts schunkelt er kaum schneller als 20 Kilometer pro Stunde durchs Zentrum. Stadtbummel einmal anders! Den drei Rentnern gefällt das ganz augenscheinlich. Auch Schröder mag seine Runde.

Bis zum 23. Dezember tourt der City-Bus von Montag bis Sonnabend alle 30 Minuten zwischen 8 und 19 Uhr auf seinem festgesetzten Kurs. Die Probezeit für die Linie dauert vier Wochen – danach wird sich die Stadt Gedanken machen, ob und wie sie den Service auf Dauer finanzieren kann. Vorerst fließen lediglich EU-Fördermittel.

Uwe Thiele, Chef des kreiseigenen Verkehrsunternehmens OVPS, wagt noch keine Prognose. Die ersten Fahrgastzahlen habe er emotionslos zur Kenntnis genommen, sagt er. „Wenn sich das rechnen soll, brauchen wir zahlende Fahrgäste.“ Mitfahren im Stadtstreicher kostet pro Tag einen Euro – egal, wie oft man aus- oder einsteigt. Doch weil auch VVO-Tickets, die Pluscard der Gasversorgung Pirna und die Tickets der Pirnaer Parkhäuser als Fahrschein anerkannt werden, haben erst wenige den geringen Obulus bezahlt. „Im Januar wird ausgewertet“, sagt Thiele.