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Ein Chef von Ditter Plastic kümmert sich

Nach dem verkündeten Aus für den Coswiger Betrieb dreht sich alles um die 130 Arbeitsplätze. Sind sie noch zu retten?

Die Firma Ditter Plastic im Neusörnewitzer Gewerbegebiet an der Köhlerstraße soll bis Ende November komplett geschlossen werden.
Die Firma Ditter Plastic im Neusörnewitzer Gewerbegebiet an der Köhlerstraße soll bis Ende November komplett geschlossen werden. © Arvid Müller

Coswig. Das ist ungewöhnlich. Einer der Chefs im Werk von Ditter Plastic in Neusörnewitz will sich selbst darum bemühen, dass Mitarbeiter wieder Arbeit finden. Am Dienstag hatten die 130 Mitarbeiter des renommierten Betriebes von der Geschäftsführung aus dem Stammwerk in Haslach in Baden-Württemberg erfahren, dass ihr Betrieb zum 30. November 2019 geschlossen wird. Alle Produktion soll auf die beiden Standorte Haslach und Hausach im Schwarzwald konzentriert werden.

Auf Facebook meldet sich einer, der auch von der Schließung hart getroffen wird, der Leiter des Werkzeugbaus, Sven Grätz. Nach der ersten Bitternis und Traurigkeit auf die Nachricht will er als Abteilungsleiter selbst mit anpacken und neue Chancen für seine Kollegen suchen.

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Auf seinem Facebook-Auftritt schreibt er: „30 Jahre haben wir ein über Sachsens Landesgrenzen hinaus bekanntes Unternehmen mit aufgebaut und haben hier arbeiten dürfen. Neben einem schlagkräftigen Werkzeugbau voller hoch qualifizierter Mitarbeiter verlieren auch alle anderen Mitarbeiter in der Produktion (Spritzguss/Montage), im Versand, in der Oberflächentechnik (Lackieren/Lasern), in der IT, im Qualitätswesen, in der Betriebstechnik und in der Verwaltung ihren Arbeitsplatz. Ich werde mich persönlich um die Vermittlung unserer 130 Mitarbeiter kümmern.“

Grätz erntet auf seiner Facebook-Seite jede Menge Kommentare von betroffenen Mitarbeitern und Außenstehenden. Alle drücken die Daumen. Doch der Chef der Werkzeugbauer will gar kein Held sein, sondern vor allem ein Zeichen setzen. Grätz am Donnerstag am SZ-Telefon: „Es ist Wahnsinn. Mein Telefon steht gar nicht mehr still. Es haben sich bis jetzt 20 Firmen gemeldet, die Leute brauchen.“ 

Der rührige Industriemeister sagt, dass er aus seiner Arbeit heraus in der Umgebung viele Kontakte zu Betrieben pflegt und diese sofort auf persönliche Art angesprochen habe. Das bringe mitunter mehr als eine Bewerbung. „Wir haben absolute Fachleute, Werkzeugmechaniker, Leute, die an Spritzgussmaschinen und mit Lasern zur Oberflächenbeschichtung arbeiten. Die müssen wieder Jobs finden“, so der 55-Jährige.

Es ist auch gar nicht abwegig, dass sich für viele Mitarbeiter neue Chancen ergeben. Ditter Plastic hat einen guten Ruf. Die Firma rüstet nahezu alle in Deutschland gefertigten Fahrzeugbauer mit Plastikteilen aus – etwa für Armaturenbretter und Türen. Die Mitarbeiter sind gut qualifiziert und kennen sich mit hochmoderner und spezialisierter Fertigung aus.

Wie die Ditter-Plastic-Geschäftsführung andeutete, habe die Werksschließung mit der Konjunktur der Fahrzeughersteller und Sanierung zu tun. Wörtlich heißt es in der Information: „Aufgrund der sich ändernden Bedingungen im Marktumfeld der Automotiv-Branche“ erfolge die Konzentration. Ob das auch etwas mit Veränderungen in der Führung der Ditter-Gruppe zu tun hat, bleibt offen. Rolf Peter Ditter, der den von seinen Eltern gegründeten Betrieb 1975 übernommen und erfolgreich geführt hatte, ist 2018 im Alter von 69 Jahren verstorben. Brigitte Luise Ditter, bis zum Tod ihres Mannes Prokuristin im Unternehmen, führt aktuell die Geschäfte.

Am Donnerstagnachmittag waren Berater von der Agentur für Arbeit aus Riesa im Neusörnewitzer Betrieb. Agentursprecherin Berit Kasten: „Viele Mitarbeiter von Ditter Plastic werden das erste Mal mit der Situation konfrontiert, sich arbeitslos melden zu müssen. Da wollen wir ihnen die wichtigsten Grundinfos geben. Wie etwa auch zur Kündigungsfrist, die die Arbeitgeber einhalten müssen.“ 

Ein Kollege der Agentur für Arbeit informierte außerdem über die Online-Angebote der Agentur. Berit Kasten: „Wir planen derzeit einen Bewerbertag für die Beschäftigten, wo wir Firmen einladen, die derzeit auf Personalsuche in diesem Bereich sind, zusätzlich bieten wir dort auch unseren Bewerbungsmappencheck an – ein Mitarbeiter gibt Hinweise zur Erstellung der Unterlagen bzw. schaut über diese und gibt Hinweise.“

Dabei werde gezielt auf die Mitarbeiter von Ditter Plastic hingewiesen. Derzeit gibt es im Landkreis Meißen etwa 2 700 offene Stellen. Rund 460 davon im verarbeitenden Gewerbe – jenem Bereich, der die Mitarbeiter von Ditter Plastic betrifft.

Torsten Zichner von der Wirtschaftsförderung Meißen sagt, dass sie bereitstehen, wenn Mitarbeiter für neue Jobs geschult werden müssen und Arbeitgeber im Kreis Fördermittel brauchen, etwa für Qualifizierungen. Auch die Werkleitung bei Ditter Plastic in Neusörnewitz, selbst von der Schließung betroffen, bemüht sich um Kontakte. So soll für die Auszubildenden im Werk nach neuen Betrieben in der Umgebung gesucht werden.

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„Sollte jemand Interesse haben (oder jemanden kennt, der jemanden kennt ...), dann rufen Sie mich an (03523 530540) oder schreiben Sie mir unter [email protected]“, schreibt der engagierte Chef bei Ditter Plastic. Die SZ wird das Vorhaben unterstützen.

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