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Ein Dealer gibt Einblicke in den Crystal-Handel

Ein Drogenhändler packt vor dem Amtsgericht Pirna aus und bekommt eine milde Haftstrafe.

© dpa

Von Stephan Klingbeil

Mit seiner Gefängnisstrafe von drei Jahren und neun Monaten war Rolf Mager* noch gut bedient. Der 28-Jährige aus einer Stadt in Ostsachsen wurde vor Kurzem am Amtsgericht in Pirna wegen Drogenschmuggels zu dieser vergleichsweise milden Strafe verurteilt. Von 2011 bis 2013 hatte er insgesamt etwa 3,5 Kilogramm der synthetischen Droge Crystal über die tschechisch-deutsche Grenze geschmuggelt.

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Einen Fall solchen Ausmaßes habe es in den vergangenen Jahren am Amtsgericht nicht gegeben. „Und das, obwohl es immer mehr Verfahren wegen der Einfuhr von Crystal gibt“, so der Vorsitzende Richter Andreas Beeskow. „Wir werden regelrecht überrannt mit solchen Fällen, jede Woche gibt es mehrere dieser Verfahren“. Der Freistaat will stärker gegen Crystal vorgehen – die Nachbarländer Tschechien und Polen signalisierten auch, die Bekämpfung des Problems in den Fokus zu rücken.

Crystal ist immer billiger zu haben

Normalerweise wäre Mager vor dem Landgericht angeklagt worden. Beeskow zufolge hätte der Crystal-Dealer vor zwei Jahren wohl noch mit einer doppelt so hohen Haftstrafe rechnen können – bei diesem Umfang eingeführter Drogen. Es gab aber weitere Gründe, warum der Angeklagte nun so glimpflich davongekommen ist.

Zum einen gebe es immer mehr Fälle mit immer mehr Mengen von Crystal, hieß es am Amtsgericht. Die Grammpreise seien außerdem gefallen. Kostete ein Gramm vor wenigen Jahren 60 Euro, ist es heute teils für zwölf Euro erhältlich – ein Teufelskreis. Anzahl und Relevanz der Taten ließen das Strafmaß so stetig schrumpfen. „Man müsste sonst alle einsperren, könnte das aber überhaupt nicht“, erklärt Beeskow.

Einkaufstouren für befreundete Dealer

Es gab aber noch einen anderen Grund, warum Mager mit einer kürzeren Gefängnisstrafe davonkam. Normalerweise wäre sein Fall nicht am Amtsgericht verhandelt worden, wo die Obergrenze für zu erwartende Urteile bei vier Jahren Haft liegt. Dass der Angeklagte sich nun nicht am Landgericht verantworten musste, lag vor allem daran, dass er – anders als seine Geschäftspartner – ein umfassendes Geständnis ablegte.

Mager hat sogar mehr zugegeben, als ihm zunächst nachgewiesen wurde. Der Verkäufer, der selbst drogenabhängig gewesen ist, nannte Hintermänner – und gab Einblicke in Strukturen des Crystal-Handels jenseits der organisierten Kriminalität.

Ein Cousin hatte ihn mit den Drogen in Kontakt gebracht. Ende 2011 begann der Verkäufer, nach der Arbeit als Drogenkurier zu arbeiten. Mager tat sich mit einem befreundeten Dealer zusammen, der die gefährliche Ware an zahlreiche Abnehmer im Osten Sachsens vertickte. Als Mager sich mit dem Mann zerstritt und dieser im Oktober 2012 verhaftet worden war, arbeitete er mit einem anderen Bekannten zusammen. Dieser brachte dann das Crystal an den Mann und die Frau. Wie viel Geld in den zwei Jahren floss, ist unklar. Bei den 33 Schmuggel-Fällen mit der Gesamtmenge von rund 3,5 Kilo müssten aber laut Schätzungen der Staatsanwaltschaft 150 000 bis 180 000 Euro zusammengekommen sein.

Drogen bei Kontrollen nicht gefunden

Mager sagt, er sei regelmäßig mit dem Auto nach Tschechien gefahren. Entweder passierte er die Grenze über Sohland oder über Sebnitz – und nie zweimal dieselbe bei einer Tour. Dies habe daran gelegen, dass er mehrmals kontrolliert wurde. „Mein Auto war irgendwann bekannt, aber gefunden wurde bei den Kontrollen nichts“, erklärt der Beschuldigte. Er habe den gefährlichen Stoff unter anderem unterm Autodach versteckt – und kam stets unbeschadet davon.

Zunächst nahm er pro Tour 40 Gramm Crystal mit, später wurden die Mengen größer. Zum Schluss waren es jeweils rund 200 Gramm – so auch bei seiner letzten Fahrt im Dezember vorigen Jahres. Magers Telefon war abgehört worden. Er wurde observiert. Nahe der Grenze bei Sebnitz wurde er mit dem Crystal verhaftet. Der Familienvater, der ab und zu sein kleines Kind auf den Kurierfahrten nach Tschechien mitgenommen hatte, will unbedingt eine Therapie machen. Er will alles hinter sich lassen.

Mager stieg einst ins Drogengeschäft ein, um „Rechnungen zu bezahlen“, wie er sagt. Und, weil er seinen Eigenbedarf decken wollte. Zeitweise nahm er 1,5 Gramm pro Tag vom zunächst leistungssteigernden Crystal. Er bekam Pickel, vergaß vieles. Aber er habe mit der Droge auch zwei bis drei Tage am Stück wach bleiben können. Seine Familie hätte nichts mitbekommen.

Hauptlieferant in Tschechien

Die Drogen bekam der Angeklagte in Dolni Poustevna. An Ständen tschechischer Vietnamesen, auf dem Markt und in Läden bekomme man das Zeug förmlich aufgedrängt, sagte er. Sein Hauptlieferant, ein Ladenbesitzer, besorgte ihm die Ware nach Vereinbarung. Eine tschechische Familie braute die Drogen in ihrer Küche, der Händler gab Mager eigens für die Deals eine Handy-SIM-Karte, mit der er immer anrief, wenn die nächste Fahrt anstand. Mager bezahlte pro Gramm oft 20 Euro, ließ es für 50 Euro weiterverkaufen. Die Geschäfte brummten. Dennoch häufte der Angeklagte Schulden an – fast 20 000 Euro.

Irgendwann hörte er von einer Rockerbande, die unliebsame Konkurrenz bedrohte. Mager kaufte sich eine halbautomatische Pistole. Auch andere Waffen, wie Armbrust, Wurfstern und Messer legte er sich zu. Der Mann hatte Angst. In sein Drogenversteck wurde eingebrochen. Er wollte für den Fall der Fälle gerüstet sein.

Nun wartet Mager, der in – so hieß es vor Gericht – normalen Verhältnissen aufwuchs, darauf, seine Haftstrafe anzutreten. Zudem kassierten die Strafbehörden unter anderem seine zwei Autos und 6 000 Euro sichergestelltes Drogengeld. Und er muss noch mehr blechen. Mager soll noch 10 000 Euro aus seinen Drogengeschäften zahlen.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.