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Kamenz

Ein Dorf für die Enkel

Wenn es um Zukunft geht, fällt immer wieder der Name Nebelschütz. Was macht den Ort bei Kamenz so besonders?

Thomas Zschornak ist seit 1990 der Nebelschützer Bürgermeister. Wenn er über sein Dorf spricht, dann fällt oft das Wort Enkeltauglichkeit. Wichtig ist ihm, die Menschen vor Ort einzubeziehen und ihnen Verantwortung zu übertragen.
Thomas Zschornak ist seit 1990 der Nebelschützer Bürgermeister. Wenn er über sein Dorf spricht, dann fällt oft das Wort Enkeltauglichkeit. Wichtig ist ihm, die Menschen vor Ort einzubeziehen und ihnen Verantwortung zu übertragen. © Matthias Schumann

Nebelschütz. Arielle Kohlschmidt muss nicht lange überlegen. „Nebelschütz. Fahren Sie mal nach Nebelschütz!“ Die Frage war, welche Beispiele die Oberlausitzer Raumpioniere nennen können. Beispiele für Orte, die junge Leute anlocken, ohne die alten zu verprellen. Beispiele für die Schönheit des Landlebens. Genau das, wofür die Raumpioniere stehen. Von Klein Priebus an der Neiße aus preisen Arielle Kohlschmidt und ihr Partner Jan Hufenbach die Vorzüge des Landlebens. Und auf die Frage nach Beispielen verweisen sie von ihrer Heimat am östlichsten Rand der sächsischen Oberlausitz an den westlichen Rand: „Fahren Sie mal nach Nebelschütz!“

Gesagt, getan. Vorher aber noch ein kurzer Blick in die Chronik der jüngsten Jahre: 2006 Sachsen-Sieger im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ . 2008 Europäischer Dorferneuerungspreis. 2009 Generationenpreis des Freistaates Sachsen. 2017 Auszeichnung als „Kerniges Dorf“ durch das Bundeslandwirtschaftsministerium. Und noch einige Ehren mehr.

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Was macht Nebelschütz mit seinen etwa 1 200 Einwohnern in fünf Ortsteilen so schön und kernig? Die Antworten liegen immer auch im Auge des Betrachters. Wer endlose Straßendörfer oder besprühte Hauswände mag, wird sich nicht für Nebelschütz entscheiden. Wem es aber gefällt, dass sich Bürgermeister, Gastwirt und Pfarrer von ihren Arbeitsplätzen zuwinken können, kommt hier leicht ins Jauchzen. Was dann auch jeder hören kann.

Wohnungen in ehemaliger Kita

Apropos hören. Wer mit halbwegs offenen Ohren durch Nebelschütz geht, kommt früher oder später um ein Wort gar nicht herum: Enkeltauglichkeit. Es gehört zu den liebsten Formulierungen von Bürgermeister Thomas Zschornak, der das Amt seit 1990 inne hat. Der mittlerweile 55-jährige CDU-Politiker erklärt auch sofort, wie er das meint mit der Enkeltauglichkeit. Etwa am Beispiel des Sportlerheims im Ortsteil Piskowitz. Das Gebäude ist in die Jahre gekommen und braucht eine Frischekur. Der Sportverein will das selbst in die Hand nehmen. Das Material dafür bekommen die Piskowitzer von der Gemeinde, die das nötige Geld in ihrem Haushalt berücksichtigt. „Das Sportlerheim ist wichtig als Treffpunkt“, weiß Bürgermeister Zschornak und nennt ein weiteres Beispiel: Im kleinen Dürrwicknitz wünschen sich die Kinder einen neuen Spielplatz. Die Gemeinde bat die Mädchen und Jungen, doch mal aufzumalen, wie der Spielplatz aussehen soll. Das haben sie gemacht und damit die Vorlage geliefert für den Bau, der in eigener Verantwortung der Gemeinde erfolgt. „Natürlich hätten wir von einer Firma auch einen x-beliebigen Spielplatz hinsetzen lassen können“, sagt Zschornak. „Aber es ist doch besser, die Menschen vor Ort einzubeziehen und ihnen die Verantwortung zu übertragen. Selbst Geschaffenes wird erfahrungsgemäß ganz anders geachtet.“

Ein Investor hat die ehemalige Kindertagesstätte zu fünf Wohnungen umgebaut, drei Familien sind schon eingezogen – aus den West-Bundesländern. „Bei der Umnutzung alter Bausubstanz helfen wir als Gemeinde“, erklärt Zschornak. „Das ist uns wichtiger als Neubau auf der grünen Wiese.“ Denn, auch das zeigt die Erfahrung: Ein schon vorhandener Bau ist meist mittendrin, nicht am Rand. Integration von Zuzüglern aber gelingt besser mittendrin. Viele Neu-Nebelschützer lernen früher oder später auch die Sprache, die sie auf der Straße im Ort am meisten hören. Den Sorben Zschornak freut’s.

Er erzählt all das nicht in seinem schlichten Büro, sondern davor. Hier laden im Schatten ein paar Bänke zum Verweilen ein. Und zum Plaudern und Winken. Wie zu Ruth Tinschert, die gegenüber gerade den Laden aufschließt. Zusammen mit drei Geschäftspartnern betreibt sie in Nebelschütz den Lausitzer Höfe-Laden, in dem es ganz viel aus der Region gibt. Vor 30 Jahren war Ruth Tinschert aus Nebelschütz weggezogen, hat lange in Leipzig gelebt – und jetzt zog es sie zurück aufs Land.

Und wieder winkt Thomas Zschornak, diesmal drei jungen Männern, die sich schräg gegenüber ein Büro herrichten. Von hier aus wollen sie ihre Garnelenzucht managen. Die Tiere sollen in Wasserbecken in einem ehemaligen Schweinestall am Ortsrand heranwachsen. „Die Aufzucht der Pazifischen Weißbeingarnele soll umweltschonend und zu 100 Prozent rückverfolgbar sein. „Wir versiegeln keine Flächen. Wir bauen nicht neu. Stattdessen nutzen wir vorhandene Substanz“, sagt Roman Schwarz, einer der drei Dresdner, die in Nebelschütz fanden, was sie suchten: geeignete Räume und jede denkbarste Unterstützung von der Gemeinde, die immer auch an die Generation der Enkel denkt.

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