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Ein Dorf sitzt auf dem Trockenen

In Würschnitz führt kaum noch ein Brunnen Wasser – die Einwohner fürchten, dass das nicht nur an fehlendem Niederschlag liegt.

Die Würschnitzer Marcel Sommer, Torsten Ostermann, Elisabeth Lesche und Stefanie Herzog (v.l.) beim Gießkannenprotest.
Die Würschnitzer Marcel Sommer, Torsten Ostermann, Elisabeth Lesche und Stefanie Herzog (v.l.) beim Gießkannenprotest. © Foto: Manfred Müller

Würschnitz. Die Gießkannen, die an Bäumen, Zäunen und Hoftoren hängen, sollen keineswegs auf ein bevorstehendes Dorffest hindeuten. Im Gegenteil – sie machen auf einen Notstand aufmerksam, der den kleinen Ortsteil von Thiendorf seit einigen Jahren drückt. In Würschnitz trocknen die Brunnen aus.

 „In den vergangenen Monaten hat sich die Sache noch beschleunigt“, sagt Isolde Rienecker. An einem Wochenende war das Wasser auf mehreren nahe beieinander liegenden Grundstücken plötzlich weg. Den Bewohnern bleiben nur zwei Möglichkeiten, ihre Gärten zu bewässern. Entweder sie nutzen dafür teures Trinkwasser. Oder sie lassen für viel Geld ihre Brunnen tiefer bohren. 

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Aber das ist vom Untergrund abhängig und deshalb nicht für jeden machbar. „Außerdem weiß keiner, wie lange das hilft“, sagt Rienecker. Wenn der Grundwasserstand weiter sinkt, hat man ein paar tausend Euro in den Sand gesetzt.“

Es ist ein ganzes Bündel von Ursachen, das zur Austrocknung der Würschnitzer Brunnen geführt hat. Die erste merkliche Grundwasser-Absenkung in der Region reicht noch in die DDR-Zeit zurück, als mit Meliorationsarbeiten die Feuchtwiesen am Dorfrand trockengelegt wurden.

 Heiko Richter hat noch die Übersicht über die Brunnenstände auf seinem Grundstück seit Großvaters Zeiten. In den 1980er Jahren waren es noch 1,80 Meter, dann sank der Pegel auf 90 Zentimeter. 1995 ging der Wasserstand auf 50 Zentimeter herunter. Und obwohl er zwischenzeitlich noch einmal vertieft wurde, ist der Brunnen seit 2017 komplett trocken. Die beiden regenarmen Jahre 2018 und 2019 kamen erst danach.

Deshalb argwöhnen die Dorfbewohner, dass der sinkende Grundwasserpegel etwas mit dem Kiesabbau zu tun hat. Südöstlich vom Ort liegt das Kieswerk Ottendorf-Okrilla, und dessen Bagger fressen sich immer näher an Würschnitz heran. Ein Tagebau liegt bereits in Sichtweite, ein Zweiter soll in den nächsten Jahren aufgeschlossen werden. 

Ob dadurch die grundwasserführenden Erdschichten, die die Brunnen speisen, in Mitleidenschaft gezogen werden, ist zwar nicht erwiesen, aber auch nicht pauschal wegzudiskutieren. Zum Beispiel befindet sich nahe der Kiesgrube „Würschnitz I“ die Quelle des Springbachs, der etliche Teiche bis hinunter zur Kleinnaundorfer Krebsmühle mit Wasser versorgt.

 „Das ist ein hydrologisches System“, sagt Anwohnerin Elisabeth Lesche, „und ich sitze quasi am untersten Ende der Nahrungskette.“ Die Landschaftsarchitektin nutzt ihr Elternhaus an der Krebsmühle zwar nur als Zweitwohnsitz, aber seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie arbeitet sie von hier aus. 

Da das Grundstück nicht ans Trinkwassernetz angeschlossen, der Brunnen aber trocken ist, hat sie nicht einmal mehr Wasser für die Körperpflege und zum Wäschewaschen. „Ich bin komplett auf Regenwasser angewiesen“, sagt Lesche. „Wenn die Sonne längere Zeit scheint, krieg ich die Krise.“

Torsten Ostermann weist noch auf ein anderes Problem hin. Der Würschnitzer hat vor fünf Jahren ein Eigenheim gebaut. Da das Haus umweltfreundlich sein sollte, ließ Ostermann eine Erdwärmeheizung installieren. Aber solche Systeme funktionieren nur gut, wenn der Boden feucht ist. Je trockener, desto mehr muss man elektrisch zuheizen. Das kostet. „Und ich bin nicht der Einzige im Dorf, der mit Erdwärme heizt“, sagt der Häuslebauer.

Die Würschnitzer haben es nicht beim stillen Gießkannenprotest belassen, sondern sich beim Bürgermeister und bei der unteren Wasserbehörde beschwert. Aber was können die Ämter schon gegen sinkende Brunnenstände ausrichten, deren Ursache nicht so eindeutig ist?

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