merken
PLUS

Ein dunkles Kapitel der Bautzener Geschichte

Mindestens 58 alte und behinderte Menschen aus dem Heim in der Seidau wurden von den Nationalsozialisten umgebracht. Neue Stolpersteine erinnern daran.

© Uwe Soeder

Miriam Schönbach

Johannes Karl Dellai steht in großen Buchstaben im Messing. Dazu kommen sein Geburtsdatum und der Tag seines Mordes. Am 19. Mai 1941 erstickt der Bautzener mit gerade einmal 19 Jahren jämmerlich in der Gaskammer der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Vorher attestierten ihm Ärzte „mongloide Idiotie“ und befanden sein Leben für „nicht mehr lebenswert“. Sarkastisch schickten sie ihn in „den schönen Tod“. An sein Schicksal und weitere Euthanasie-Opfer aus Bautzen erinnern seit gestern sieben neue Stolpersteine vor dem Pflegeheim in der Seidau.

Anzeige
Volleyball-Supercup 2020 in Dresden
Volleyball-Supercup 2020 in Dresden

Das gab es noch nie: Der Supercup kommt nach Dresden in die Margon Arena und Ihr könnt live dabei sein! Sichert Euch jetzt online Tickets und unterstützt das Team.

An dieser Stelle laufen die Biografien der Menschen ein letztes Mal zusammen. Zu Beginn der 1940er-Jahre leben im Komplex etwas außerhalb der Stadt knapp 350 Insassen. Manche sind einfach nur hochbetagt, andere unheilbar krank, geistig oder körperlich behindert. Gegen sie richtet sich der Gnadentod-Erlass vom Oktober 1939. Auf dessen Grundlage entledigt sich der nationalsozialistische Staat von „unnützen Essern“ und beseitigte gleichzeitig „schlechtes Erbgut“. Aus dem Pflegeheim in der Seidau landen nachweislich 58 Heimbewohner in Hitlers Tötungsmaschinerie. Von unzähligen anderen verliert sich derzeit die Spur in der damaligen Zwischenanstalt in Großschweidnitz. Dorthin gingen am 3. Februar und am 21. März 1941 Transporte mit insgesamt 78 Personen. „Die grauen Omnibusse kamen in den Morgenstunden. Nach dem Stopp kamen die meisten nach Pirna-Sonnenstein. Allein dort wurden 13 700 Menschen mit Kohlenmonoxid ermordet“, sagt Pflegeheim-Geschäftsführerin Ursula Fleischer.

Die Schicksale der Bautzener Euthansie-Opfer recherchierte im vergangenen Schuljahr die Klasse 9a der Gottlieb-Daimler-Oberschule in Bautzen. Unterstützt wurden die Jugendlichen dabei vom Arbeitskreis „Begegnung mit dem Judentum“, dem Bautzener Christian Kämpfe sowie ihren beiden Lehrern Heidrun Stübner und Rico Bittner. „Wir wussten bisher nichts von dieser Thematik. Jetzt gehen wir an dieser Stelle nicht mehr einfach vorbei“, sagt Ole Börner. Neben der Beschäftigung mit den Verfolgten entwarfen sie auch Denkmale und gestalteten einen Stadtplan mit allen Bautzener Stolpersteinen. Bislang erinnern 26 kleine Gedenktafeln an sechs verschiedenen Orten an Opfer des Holocaust aus der Stadt. Die Verlegung von Stolpersteinen geht auf eine Idee des Kölner Bildhauers Gunter Demnig zurück. Zum ersten Mahnmal im Pflaster von 1992 sind inzwischen rund 45 000 Steine in Deutschland und Europa dazugekommen.

Vor dem Pflegeheim in der Seidau erinnern sie jetzt neben Johannes Karl Dellai auch an Maria Magdalena Khilan, Friedrich August Kulas, Paul Herrman Pietsch, Rudolf Karl Richter und Meta Elise Larass. Ihre Biografien lassen sich leider nur schemenhaft anhand einiger Krankenakten nachzeichnen, so auch jene von Elise Larass. Die Tochter des Doberschützer Rittergutspächters Ehregott Larass wird 1877 geboren. Sie hat zwei Brüder, Max wird Arzt, Theodor übernimmt eine Fabrik. Wegen epileptischer Anfälle lassen die beiden ihre Angehörige erstmals 1929 ins Seidauer Pflegeheim einweisen.

Elise Larass liest viel, ist geistig aktiv, erzählen die Unterlagen. Für zwei Jahre kann sie sogar noch in der Familie Hennersdorf aus Göda leben. Doch die Krampfanfälle nehmen zu. Erneut bitten die Brüder 1932 um Aufnahme im Pflegeheim, wo sie bis 1940 betreut wird. Am 14. Dezember unterschreiben Max und Theodor Larass die Verlegung in die geschlossene Anstalt nach Großschweidnitz und unterzeichnen so das Todesurteil ihrer Schwester. Mit 64 Jahren endet am 8. Mai 1941 ihr Leben in der Gaskammer von Pirna-Sonnenstein. Auch ihr Name ist jetzt in Messing verewigt.