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Ein einseitiges Duell

Die AfD verweist fast überall im Kreis die CDU auf Platz zwei. SPD und Linke spielen eine noch geringere Rolle als in den Vorjahren.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Sebastian Beutler

Ein Blick auf die Grafik der Erststimmen von 2013 und 2017 sagt alles: Hatte Michael Kretschmer vor vier Jahren bis auf eine einzige Gemeinde alle anderen im Landkreis für sich entschieden und damit die Landkreiskarte schwarz eingefärbt, sind es diesmal nur Punkte in einem blauen Feld, die seine Erfolge markieren. Diese Bundestagswahl ist ein Erdrutsch. Die SZ analysiert die Lage.

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AfD: Der Landkreis Görlitz bleibt die Hochburg der AfD

Schon vor vier Jahren schaffte die AfD locker die 5-Prozent-Hürde im Landkreis. Seitdem legte sie von Wahl zu Wahl zu. Wer AfD als Partei wählte, stimmte auch für deren Direktkandidat Tino Chrupalla, zwischen Erst- und Zweitstimmen gibt es kaum eine Differenz. Wieder ist der Landkreis eine AfD-Hochburg in Sachsen: Sieben der zehn Gemeinden, in denen die AfD ihre höchsten Zweistimmenresultate verbuchten, liegen im Kreis Görlitz: Schönbach (46,9 Prozent), Oppach (46), Dürrhennersdorf (45,1), Großschweidnitz (44,8), Lawalde (44,4), Neißeaue (44,2) und Beiersdorf (42,6). Das überrascht nicht: Auch vor vier Jahren schnitt die AfD in Dürrhennersdorf, Oppach, Großschweidnitz, Schönbach, Beiersdorf und Lawalde am besten ab. Da verfestigt sich eine Haltung unter den Wählern. Damals auffällig: Viele dieser Orte waren frühere FDP-Hochburgen. Sie kehrten nur in Grenzen zu den Liberalen zurück. Ihre schlechtesten Ergebnisse verzeichnete die AfD in Olbersdorf (26,6) und in Rothenburg (26,3). In 46 der 53 Gemeinden lag die AfD bei den Zweitstimmen vorn, in den anderen sieben hinter der CDU auf Platz zwei. Selbst in Weißwasser – lange Jahre eine Hochburg der Linkspartei – landete die AfD auf dem ersten Platz. Bei den Erststimmen hat Michael Kretschmer mehr Stimmen als seine Partei geholt. Und doch: Die AfD sicherte sich in 36 von 53 Gemeinden auch hier die meisten Stimmen.

CDU: Die Union ist flächendeckend nur noch die Nummer zwei

2013 schnitt die CDU in keinem Ort des Landkreises schlechter als mit 36,6 Prozent der Zweitstimmen ab. In Vierkirchen landete die Union damals mit 52,6 Prozent der Stimmen ihren Spitzenwert. Vier Jahre danach sind es nur noch 29,1 Prozent – sechs Prozent hinter der Alternative für Deutschland. Der CDU ist keine Hochburg geblieben, sie hat flächendeckend massiv verloren. Von den großen Städten gewann die CDU keine einzige: In seiner Heimatstadt Görlitz ging es für Kretschmers Partei von 43,2 Prozent auf 25,4 Prozent zurück. Auch als Person musste Michael Kretschmer bittere Rückschläge einstecken. In Schönau-Berzdorf erhielt er vor vier Jahren 57,6 Prozent der Erststimmen – dieses Mal nur noch 32,5. Und in Dürrhennersdorf von 59,3 auf 31,8. Sein persönlich bestes Erststimmen-Resultat erzielte Kretschmer in Ostritz mit 39,5 Prozent, den größten Vorsprung vor Chrupalla bei der Erststimme hatte er in Jonsdorf (37,3 zu 27,3 Prozent). Sein schlechtestes Erststimmen-Ergebnis fuhr Kretschmer in Weißkeißel mit 21,4 Prozent ein. Die CDU war bei den Zweitstimmen mit 33,9 Prozent am erfolgreichsten in Ostritz, mit 19,6 Prozent am schlechtesten in der AfD-Hochburg Schönbach.

Linkspartei: Zweiter Platz geht verloren, Verluste überall

Jahrelang behauptete die Linkspartei Rang zwei bei Bundestagswahlen an der Neiße. Vor vier Jahren kam sie noch auf einen Zweitstimmenanteil von 19,6 Prozent, dieses Mal sind es nur noch 14 Prozent. Bei den Erststimmen sieht es genauso aus: 19,7 Prozent holte Ilja Seifert 2013, Thorsten Ahrens kam dieses Mal nur auf 13,6 Prozent. Offensichtlich zogen weder der Görlitzer Stadtrats-Fraktionschef als Kandidat noch die Themen der Linkspartei. Das überrascht auch deshalb, weil Mirko Schultze bei der Landratswahl zuletzt noch einen Achtungserfolg eingefahren hatte. Thorsten Ahrens zeigte sich gestern auch nicht zufrieden. Sowohl mit dem Ergebnis im Wahlkreis als auch im Bund. „Angesichts der Verluste der Großen Koalition frage ich mich, warum wir nicht stärker profitiert haben“, sagte er. Generell müsste es gelingen, wieder mehr Leute für eine Mitte-Links-Gesellschaft zu begeistern. Ihre Hochburgen hat die Linkspartei unverändert im Norden, aber sie sind schwächer als in der Vergangenheit. In Weißwasser holte sie 18,8 Prozent der Zweitstimmen, vor vier Jahren waren es da aber noch 26,8 Prozent. Am populärsten war der Kandidat Thorsten Ahrens in Rothenburg mit 18,9 Prozent der Stimmen. Wie schwer es aber auch für ihn war, zeigt Weißwasser: Wo die Linkspartei in guten Zeiten auf Platz eins stand, kam Ahrens bei den Erststimmen nur auf Platz vier.

SPD: Thomas Jurk auch in seiner Heimatgemeinde nicht vorn

Zwar zieht Thomas Jurk aus Weißkeißel erneut in den Bundestag ein – dank Listenplatz zwei. Im Wahlkreis aber sackte das Ergebnis der SPD nochmals nach unten. Bei den Erststimmen von 15,2 auf 10,9, bei den Zweitstimmen von 12,6 auf 9,3 Prozent. Hatte Jurk vor vier Jahren wenigstens seine Heimatgemeinde Weißkeißel vor Kretschmer gewonnen, so überholte er zwar auch dieses Mal mit 29,4 Prozent Kretschmer. Doch gegen Chrupalla mit 35,8 Prozent hatte er das Nachsehen. Den besten Zweitstimmenanteil verzeichnete die SPD in Weißwasser mit 13,9 Prozent. In Neißeaue und in Schönbach hatte sie mit 6,2 Prozent Mühe die 5-Prozent-Hürde zu nehmen. Kreisvorsitzender Thomas Baum wollte gestern das ziemlich desaströse Wahlergebnis gar nicht erst schönreden. „Die Menschen haben uns einfach zu wenig Vertrauen geschenkt, und damit müssen wir sehr demütig umgehen. Dazu gehört eine schonungslose Ehrlichkeit.“

FDP: Das Comeback der Liberalen hilft Christine Schlagehan

Es war eine Kandidatur ohne Glanz, aber solide. So fällt auch das Resultat der Liberalen aus. Sie haben die Grünen im Landkreis wieder überholt und holen locker mehr als fünf Prozent. Ihre Hochburgen liegen traditionell mehrheitlich im Süden, mit 8,8 Prozent haben sie in Vierkirchen das höchste Zweitstimmenergebnis erhalten. Frau Schlagehan ihr persönlich bestes Erststimmen-Ergebnis mit 6,9 Prozent in Ostritz.

Bündnisgrüne: Keine Steigerung mit Joachim Schulze

Fuhren sie vor vier Jahren mit Joachim Schulze bei den Erststimmen 3,4 Prozent ein, sind es diesmal 3,3. Bei den Zweitstimmen waren es damals 3,4, bei dieser Wahl 2,9. Selbst in den Hochschulstädten Görlitz und Zittau sticht der grüne Trumpf nicht. Das beste Erststimmenresultat holt Schulze mit 5,3 Prozent in Herrnhut. Das beste Zweitstimmenergebnis ebenso dort mit 5,1 Prozent. In manchen Gemeinden stehen die Grünen auf der Schwelle zu den „sonstigen Parteien“: in Großschweidnitz erhielten sie ein Prozent aller Zweitstimmen.