SZ +
Merken

Ein Ereignis für die Postgeschichte

Einblicke in die Görlitzer Briefmarkengeschichte gibt es am Donnerstag im Görlitzer Rathaus. Einen Tag präsentiert Ludwig Steiniger 126 Blätter aus seiner umfangreichen Sammlung. Anlass ist die offizielle Vorstellung des Sonderpostwertzeichens „Altstadt Görlitz“ im großen Sitzungssaal.

Teilen
Folgen

Von Peter Chemnitz

Stadtbildpfleger Peter Mitsching zeigt sich gegenüber der Journalistendelegation verunsichert. Ob er über die Görlitzer Sonderbriefmarke Auskunft geben darf, will er von der Pressesprecherin der Stadt wissen. Die nickt. Es hätte ja nun schon alles im Amtsblatt gestanden.

Mehr als ein Jahr hat Mitsching das Projekt Sonderbriefmarke fachlich begleitet. Denn nach dem Beschluss des Bundesfinanzministeriums, eine Briefmarke mit Görlitz- Motiven herauszubringen, lag es an der Stadt, sich mit ihren schönsten Seiten einzubringen. Umfangreiches Informationsmaterial und zahlreiche Fotos wurden nach Berlin geschickt. Mitsching durfte die Entwürfe begutachten und Hinweise geben. Und er behandelte alles streng vertraulich. Sehr zum Ärger der Görlitzer Philatelisten.

Donnerstag acht Uhr kam der Postreiter aus Leipzig

Dass es eine Briefmarke „Altstadt von Görlitz“ geben wird, habe er erst durch Bautzener Sammlerfreunde erfahren, erzählt Ludwig Steiniger, Vorsitzender des Görlitzer Briefmarkensammlervereins. Die Stadt habe sich auf seine Nachfrage in geheimnisvolles Schweigen gehüllt.

Dabei kennt sich Steiniger in der wechselvollen Görlitzer Postgeschichte wie kaum ein zweiter aus. Bereits 1794 habe es in Görlitz einen lebhaften Postverkehr gegeben, sagt Steiniger. Donnerstags traf beispielsweise acht Uhr morgens der Postreiter aus Leipzig ein. 13 Uhr fuhr die Postkutsche aus Lauban und 17 Uhr die aus Zittau ein. 20 Uhr trabte das Pferd mit dem Boten aus Breslau in die Stadt und zwei Stunden später folgte noch eine Postkutsche aus Breslau.

Seit dem 18. Jahrhundert standen auf Veranlassung August des Starken auch zwei, inzwischen nicht mehr existente, Distanz- bzw. Torsäulen in Görlitz. Eine von ihnen wird Ende August auf dem Zgorzelecer Postplatz rekonstruiert und wieder errichtet.

Private Briefzustellung gab es bereits 1895

In der Post- und Briefmarkengeschichte spiegelt sich auch die Historie der Stadt Görlitz wider. Für Historiker und Sammler schon deswegen ein reizvolles Forschungsgebiet, weil immer wieder Grenzen verschoben und Währungen verändert wurden. So wurde aus dem Postamt Görlitz 1815 mit dem Übergang der Stadt an Preußen plötzlich ein Grenzpostamt zu Sachsen und Österreich. Steiniger zeigt entsprechende Briefe aus seiner Sammlung.

Auch die private Postzustellung, wie sie zurzeit beispielsweise durch „Post Modern“ betrieben wird, ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Bereits im August 1881 gründete Hermann Kienitz seine private Paketbeförderung. Für die Beförderungsleistungen gab es Briefmarken, die bis etwa 1917 verwendet wurden.

Aber nicht wegen dieser Verdienste wurde Kienitz später auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost verewigt. Es war einfach Glück und der Lohn seiner Neugier. Denn Kienitz war 1879 nach Berlin gefahren, um die erste elektrische Lokomotive der Firma Siemens zu bestaunen. In seinem besten Anzug sitzt er neben anderen Zeitgenossen auf dem ersten Waggon hinter der Lok und freut sich über die Testfahrt. So hat es damals ein Fotograf festgehalten. Und dieses Foto wiederum diente 1979 einem Grafiker als Vorlage für eine Sonderbriefmarke anlässlich der „Internationalen Verkehrsausstellung“ in Hamburg. Damit ist Kienitz aber auch der erste Görlitzer, den eine Briefmarke ziert. Aber vielleicht entdeckt eines Tages Postkonkurrent „Post Modern“ den Kaufmann Karl Kühn als Vorlage für eine Briefmarke. Kühn hatte im November 1895 seine Briefbeförderung „Courier Görlitz“ unter geschickter Ausnutzung einer Lücke im Reichspostgesetz gegründet. Überdies beförderte er die Sendungen einen Pfennig billiger als die Reichspost. Als die Regierung diese schloss, musste Kühn wie alle anderen Privatpostanstalten im Deutschen Reich den Betrieb einstellen. Ludwig Steiniger besitzt in seiner Sammlung die Abschiedskarte des „Privat-Post-Courier“ vom März 1900.

Post- und Stadtgeschichte wird aber auch von Stempeln dokumentiert. Sie erzählen von der wirtschaftlichen Situation, politischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Ereignissen. Den ersten offiziellen Poststempel, der eigens auf ein Görlitzer Ereignis hinweist, gab es 1885 anlässlich der niederschlesischen Gewerbe- und Industrieausstellung. Ein weiterer erinnerte an den Parteitag der Sozialdemokraten 1921 in Görlitz.. Stolz ist Steiniger auch auf einen Stempel anlässlich 40 Jahre Oder-Neiße-Grenze vom Tag der Währungsunion 1990.

Prächtig nimmt sich die Marke auf dem Ersttagsbriefumschlag aus, die ein Produkt des VEB Waggonbau Görlitz zeigt. Im übrigen hat auch die Stadt Görlitz eine zeitlang Briefmarken herausgegeben. Denn nach der neuen Grenzziehung 1945 befand sich die für Görlitz bis dahin zuständige Oberpostdirektion Breslau plötzlich in Polen.

Im Juni 1945 gab die Stadt selbst Briefmarken heraus

Ab dem 12. Juni 1945 erschienen erstmals Görlitzer Stadtpostmarken in den Werten fünf, sechs, acht und zwölf Pfennige. Hergestellt wurden sie in der Buchdruckerei Hoffmann & Weber. Es war das dritte Mal, dass in Görlitz eigene Briefmarken herausgegeben wurden. Mit der neuen Grenzziehung verlor Görlitz das Postamt 5 in der Viktoriastraße und das Postamt Görlitz-Moys in der Seidenberger Straße.

Eine Ansicht der Stadt Görlitz selbst habe es aber bisher noch nicht gegeben, sagt Steiniger, der seit 1972 aktiv Briefmarken sammelt. Das von der Leipziger Grafikerin Grit Fiedler entworfene Wertzeichen findet er „recht gut gestaltet“. Auch die abgebildeten historischen Gebäude des Untermarktes, der Peterstraße und der Brüderstraße gefallen ihm. Nur beim Format der 55-Cent-Marke brummelt Steiniger vor sich hin. Ihm hätte ein quadratisches mehr zugesagt.

Sonderstempel soll die Sammlung abrunden

Deswegen ist für ihn der 7. August ein „Großereignis für die Postgeschichte“ der Stadt. Und auch eine Prämisse für das eigene Leben. „Ich möchte mit dieser Marke und dem Sonderstempel meine Sammlung abrunden und aufhören zu sammeln“, sagt Steiniger. Die Post sei heute nicht mehr das, was sie einmal war.

Andererseits gibt es zum Stadtfest erneut einen Sondertempel. Gewiss wird sich Ludwig Steiniger auch diesen holen. Und dann ist eine historische Postkutsche aus Zgorzelec angekündigt, die am 30. August auf dem Görlitzer Untermarkt erwartet wird und die selbstverständlich Postsendungen transportiert. Das Deutsche-Post-Team „Erlebnis Briefmarken“ wird sich wohl noch einiges einfallen lassen, damit Philatelisten wie Steiniger einfach nicht aufhören können, ihrer Sammelleidenschaft zu frönen.

Die Sonderbriefmarke „Altstadt Görlitz“ mit einem Sonderstempel, einem Sonderbriefumschlag sowie einer limitierten Klappkarte ist an diesem Donnerstag, von 9 bis 18 Uhr, am Verkaufsstand des Erlebnis-Briefmarken-Teams der Deutschen Post erhältlich. Bei schönem Wetter befindet sich der Stand vor der Center-Filiale auf dem Postplatz, bei schlechtem Wetter im Vorraum der Geschäftsstelle.